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Bad Nenndorf

Kurstadt wird zur Nazi-Wallfahrtsstätte

Gegen den geplanten Aufmarsch von Neonazis aus ganz Deutschland in Bad Nenndorf will ein breites Bündnis aus Politik, Verbänden und Kirchen am Sonnabend protestieren.

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Das Wincklerbad in Bad Nenndorf.

Das Wincklerbad in Bad Nenndorf.

© Archiv/SN

Noch ist es so beschaulich wie immer in der Kurstadt Bad Nenndorf. Am Sonnabend wird von dieser ruhigen Stimmung aber wenig zu merken sein. Mehrere Hundert Neonazis werden zu einem „Trauermarsch“ durch die Stadt ziehen: Vom Bahnhof die 500 Meter bis zum Wincklerbad, begleitet von berittener Polizei und mehreren Einsatzhundertschaften. Zwei Straßen weiter soll sich eine unbekannte Zahl von Gegendemonstranten dem Aufmarsch entgegenstellen.

Die 10 000 Einwohner-Gemeinde rüstet sich gegen die Nazis, die bereits zum vierten Mal mit der Veranstaltung an die Misshandlungen von hochrangigen Nazis im Militärgefängnis vor Ort erinnern wollen – und dabei Nazi-Verbrechen relativieren. In dem zu einem Verhörgefängnis umfunktionierten Wincklerbad peinigten Alliierte zwischen 1945 und 1947 deutsche Gefangene – das ist historisch belegt. Nun will die Nationale Offensive Schaumburg das ehemalige Gefängnis zu einer Wallfahrtsstätte machen. „Der Ort wird zu einem Szenetreffpunkt entwickelt“, sagt Maren Brandenburger vom niedersächsischen Verfassungsschutz.

Bis 2030 haben die militanten Rechtsradikalen, die aus der Szene der freien Kameradschaften stammen, die jährlichen Märsche beim Landkreis Schaumburg angemeldet. Die Mobilisierung läuft inzwischen deutschlandweit. Bei der ersten „Gedenkfeier“ der Nazis 2006 wurde das Grüppchen noch belächelt, keine 50 kamen. Doch 2007 waren es 147 Rechtsextreme, 2008 schon 417. Und mit dem Niederländer Constant Kusters kam im vergangenen Jahr auch ein Hardliner, der den sonst betont ruhigen Marsch mit volksverhetzenden Parolen anreicherte und sich dafür eine Anzeige einhandelte. Am Sonnabend könnten bis zu 600 Nazis in Bad Nenndorf einmarschieren – die Polizei ist auf alles vorbereitet.

Auch auf Zusammenstöße von Rechten und Linken. Standen im vergangenen Jahr etwa 800 Beamte bereit, sollen es jetzt „erheblich mehr“ sein. Die Polizei kalkuliert auch ein, dass einige nach der Veranstaltung zum von Nazis besetzten Hotel nach Faßberg weiterreisen könnten. In einem rechten Internetforum wird dazu eingeladen, das Hotel zu besuchen, es „würden 30 Betten zur Verfügung stehen.“

Ein Verbot der Veranstaltung wie zu den geplanten Aufmärschen zum 1. Mai in Hannover ist in Bad Nenndorf derzeit nicht möglich. Im Internet werden die Nazis von den Veranstaltern aufgefordert, sich ruhig zu verhalten. Sie wollen der Polizei keinen Anlass geben, das Treffen aufzulösen oder zu verbieten.

In Bad Nenndorf hat man derweil Angst um den guten Ruf. „Wir wollen nicht, dass die Farbe ‘braun’ hängenbleibt“, sagt Stadtdirektor Bernd Reese. Die lokale Initiative „Bad Nenndorf ist bunt“ stellt sich den Nazis entgegen. In den ersten Jahren der Märsche waren noch wenig Gegendemonstranten gekommen. „Man wollte die Nazis ignorieren, in der Hoffnung, dass sie wieder gehen“, sagt der niedersächsische DGB-Vorsitzende Sebastian Wertmüller. Doch das tun sie nicht – und damit will sich die Kurstadt nicht abfinden.

von Hannah Suppa und Roland Weiterer


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