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Minden, Hameln & Nienburg Ein Pakistani auf deutschen Dächern
Aus der Region Minden, Hameln & Nienburg Ein Pakistani auf deutschen Dächern
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17:15 25.08.2019
Die Kollegen schätzen Waqar Arif (vorne rechts) wert, weil er immer voll mit anpackt. Quelle: mv
Hessisch Oldendorf

Dabei sah es vor gut dreieinhalb Jahren weder nach einer erfolgreich absolvierten Prüfung, noch nach einer sicheren Zukunft für Arif aus. Der mittlerweile 27-Jährige floh Anfang 2016 aus Gujrat in Pakistan mit Bus, Boot und zu Fuß über die Balkanroute nach Deutschland – insgesamt dauerte diese Odyssee rund ein halbes Jahr.

Der Pakistani ist sehr höflich, wirkt stellenweise ein wenig schüchtern. Kaum in Hessisch Oldendorf angekommen, war er allerdings alles andere als schüchtern. Arif kontaktiere die Stadt, die ihm Stellen auf Freiwilligen-Basis in der Kleiderkammer und dem Tierheim vermittelte. „Ich wollte nicht zu Hause sitzen und mich langweilen. Ich wollte etwas für die Menschen und Tiere tun und der Gesellschaft etwas zurückgeben“, berichtet Arif heute in sehr gutem Deutsch. Damals allerdings habe er Schwierigkeiten in der Kommunikation gehabt.

Chef Christian Grundmann (rechts) und Waqar Arif haben Spaß auf der Arbeit. Die Verständigung klappt.

„Das erste Lehrjahr war hart für ihn und für uns. Aber die Sprache wurde von Tag zu Tag besser und auch das Einleben in der Firma klappte mit der Zeit“, erzählt sein Chef Christian Grundmann. Er habe Arif nach einem Praktikum eingestellt, nachdem die Stadt bei ihm anfragte und den Flüchtling vermittelt hat. Einige Kollegen Arifs hatten zu Beginn so ihre Bedenken, meint Grundmann:

„Die Arbeitsmotivation fehlt bei vielen Azubis. Wenn dann noch die Sprache nicht beherrscht wird, ist es anfangs natürlich noch schwierig.“ Arif habe sich aber immer wieder selbst motiviert, nach der Arbeit die Fachsprache der Dachdecker gepaukt und einen Deutschkurs belegt.

Die anfänglichen Zweifel der Kollegen waren bald passé und der neue Auszubildende, der seine Lehre im August 2016 begann, wurde von allen akzeptiert und „als Erster mit auf die Baustelle genommen, weil er so fleißig ist“, wie Grundmann verrät. Arif wählte den Beruf des Dachdeckers übrigens deswegen als aus, weil ihm eine Mitarbeiterin der Stadt ein Video im Internet zeigte, das ihn sofort Feuer und Flamme für das Handwerk werden ließ.

Neue Freunde gewonnen

Aber warum entschied sich Grundmann damals dazu, den Pakistani auszubilden? Der Dachdecker hat eine einfache Antwort parat: „Durch seine freiwillige Arbeit konnte ich sehen, dass er motiviert und fleißig ist und eben nicht nur herumsitzen will und irgendwann dann dumme Dinge anstellt.“

Statt dummer Dinge, feilte Arif immer weiter an seinen Sprach- und Fachkenntnissen, was sich auch in seinen Noten niederschlug. „Am Anfang verstand ich kaum etwas, hatte viele Fünfen und Sechsen“, sagt Arif. Die Fachsprache sei besonders schwierig für ihn gewesen, doch insbesondere neu gewonnene Freunde, die Kollegen und Mitschüler halfen ihm, am Ball zu bleiben.

Wie groß die Wertschätzung für den Geflüchteten wirklich ist, zeigte sich auf der Zeugnisausgabe jetzt in Bückeburg, bei der viele Kollegen zu Gast waren, um zu gratulieren. Laut Grundmann sei dies längst nicht bei allen Auszubildenden der Fall. Nach der Übergabe lud der frischgebackene Geselle die Kollegen zum Essen ein, lehnte eine kleine Aftershow-Party aber ab, Begründung: morgen früh wird gearbeitet.

Beispiel gelungener Integration

Grundmann findet, dass Arif sich hervorragend integriert habe: „Er ist ein Paradebeispiel gelungener Integration. Er hat wichtige deutsche Werte wie Pünktlichkeit und Fleiß von Anfang an an den Tag gelegt. Viele deutsche Azubis können sich wirklich ein Beispiel an Waqar nehmen.“

Arif sei überglücklich über die Anstellung, zumal die Chance auf eine weitere Aufenthaltsgenehmigung bei 90 Prozent liege, wie aus einem Gespräch mit dem Landkreis Hameln hervorging. Er bedankt sich vielmals bei Grundmann und der Firma, die „mir den Start in diesem neuen Land ganz alleine so einfach wie möglich gemacht haben“.

Dennoch vermisse er seine Familie, hält aber per Videoanruf regelmäßig den Kontakt nach Pakistan. Angesprochen auf seine Familie und sein jetziges Leben in Deutschland lächelt Arif. So, wie Christian Grundmann, wenn er über seinen Gesellen spricht. mv