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Loccum „Auf keinen Standort festgelegt“
„Auf keinen Standort festgelegt“
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19:45 16.03.2014
Standort B: Hinter Abtshaus und Kolonie zeigen Werner Lemke (rechts) und Bauingenieur Oliver Wolf einen der beiden möglichen Bauplätze für das Gästehaus des Predigerseminars.
Standort B: Hinter Abtshaus und Kolonie zeigen Werner Lemke (rechts) und Bauingenieur Oliver Wolf einen der beiden möglichen Bauplätze für das Gästehaus des Predigerseminars. Quelle: ade
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Loccum

Dann wird Kirchenbaudirektor Werner Lemke die Punkte erörtern, die im Loccumer Ortsrat und im Bauausschuss der Stadt für Zündstoff gesorgt haben.

 Zwei Sätze sind Kirchenbaudirektor Werner Lemke besonders wichtig. Der erste lautet: „Wir haben uns auf keinen Standort festgelegt.“ Und der zweite: „Wir nehmen die Bedenken der Bürgerschaft sehr ernst.“ Das sagt er beim Spaziergang auf dem Gelände des Loccumer Klosters.

 Obwohl es ein Wochentag ist, flanieren viele Loccumer im Sonnenschein auf den Wegen. In Priors Garten sitzen Vikare auf dem Rasen, neben sich ihre spielenden Kinder. Menschen tummeln sich dort. Das Kloster ist ein belebter Ort. Und eben nicht nur an den Wochenenden.

 Das soll auch so bleiben. Darin sind sich alle Beteiligten einig. Die Verantwortlichen im Kloster ebenso wie diejenigen im Predigerseminar, das seine Heimat in diesem Kloster hat. Die Vikare – von denen nach den neuesten Beschlüssen der Konföderation der evangelischen Kirchen in Niedersachsen und der Bremischen Landeskirche demnächst noch viel mehr zur Ausbildung nach Loccum kommen werden – mögen dieses offene Kloster und die Loccumer aus dem Dorf sowieso.

 Genau das ist dann wohl der Grund, weshalb der Loccumer Ortsrat in seiner jüngsten Sitzung die Zustimmung zu den Erweiterungsplänen des Klosters verweigert hat. Die Diskussion im Ortsrat drehte sich in erster Linie um den Standort für das geplante Gästehaus mit 30 Zimmern für die vielen neuen Vikare.

 Den „Standort A“ sah der Ortsrat quasi als gesetzt an – und das passte ihm nicht. Denn das würde nach sich ziehen, dass eine der liebsten Sichtachsen der Loccumer verbaut würde. Vom Klostertor aus die Kirche und das Konventsgebäude links liegen lassend, an den auf der rechten Seite gelegenen Gebäude mit den schönen Namen „Kolonie“ und „Abtshaus“ entlang, dann den Blick nach rechts zu den Enten auf dem Brauteich und linker Hand weiter an der Zehntscheune vorbei genau ins Paradies – das ist der übliche Weg der Spaziergänger in Loccum. Wobei das Paradies in Loccum ein kleines Waldstück ist, das seinen Namen vor mehr als hundert Jahren erhielt, weil dort exotische Pflanzen standen.

 Was den Loccumern nach dem Plan mit diesem „Standort A“ genommen werden soll, das ist der Blick auf den Brauteich. Und der sich schlängelnde Weg, der an dem Teich entlang zur Pilgerkapelle und zum rückwärtigen Tor führt. Denn dort könnte das Gästehaus entstehen – in Verlängerung der Achse von Kolonie und Abtshaus.

 Am Abend nach der Sitzung, in der der Ortsrat sich gegen die Pläne stemmte, gestaltete sich das Bild in der Bauausschusssitzung etwas anders. Er habe mit dem Landeskirchenamt telefoniert, sagte Bürgermeister Martin Franke. Demnach stehe keineswegs fest, dass Standort A bebaut werde. Die Landeskirche bevorzuge sogar den Standort B, der in zweiter Reihe hinter dem Abtshaus liege. Eine Garantie könne allerdings nicht abgegeben werden, davor stünden noch Bodenuntersuchungen. Der Ausschuss möge bei seiner Beschlussfindung aber auch bedenken, dass die Entscheidung in der Landessynode für Loccum als einziges Predigerseminar denkbar knapp ausgefallen sei. Würde die Stadt ihre Zustimmung verweigern, so könne das durchaus bedeuten, dass die Synode ihre Entscheidung zugunsten Hannovers revidiere. Diese Aussicht behagte dem Bauausschuss nicht. Nahezu einstimmig stimmte er dafür, dem Kloster freie Hand bei seinen Bauplanungen zu lassen. Die Entscheidung liegt nun beim Stadtrat, zu dem auch der Kirchenbaudirektor eingeladen ist.

 Was er dort erklären wolle, erzählt Lemke, sei das komplizierte Geflecht von Landeskirche, Kloster, Predigerseminar und vom sowohl kirchlichen als auch dem staatlichen Denkmalschutz. Weitestgehend sollen die Bauten allen diesen Beteiligten – und dann möglichst auch noch den Loccumern – gerecht werden.

 Derzeit werde der Boden geophysikalisch untersucht. Als eine Art Ultraschall erklärt Lemke das Verfahren. So würden alte Fundamente aufgespürt, ohne graben zu müssen. Das gelte für die Standorte A und B ebenso wie auch für den Bereich in „Priors Garten“, in dem die Bibliothek um einen Neubau erweitert werden solle. In rund vier Wochen sei mit den Ergebnissen zu rechnen. Dass am Standort A irgendwann nach dem Mittelalter ein Brauhaus stand, sei bekannt. Aber auch an vielen anderen Stellen habe es Gebäude gegeben, die der wirtschaftlichen Versorgung des Klosters dienten. Die Erfassung dieser Fundamente und auch der alten Kanäle aus dem Mittelalter, die das Gelände kreuz und quer durchziehen, sei die eine Sache. Die andere Sache sei die Suche eines Bauhistorikers in alten Unterlagen nach Hinweisen auf den Gebäudebestand auf Klostergelände in den vergangenen 850 Jahren.

 Wenn dieses alles in rund vier Wochen erfasst sei, dann würden die beiden Denkmalschutzämter entscheiden, wo wirklich archäologische Untersuchungen angestellt werden sollten und darauf aufbauend, welche Flächen nicht überbaut werden dürften. Das sei der eine Punkt bei der Entscheidung für den Standort des Gästehauses. Der andere liege dann wiederum in den Kosten. Denn der gesteckte Finanzierungsrahmen solle bestmöglich eingehalten werden. „Limburgische Verhältnisse“ werde die Landeskirche sich nicht leisten, sagt Lemke. 17 Millionen Euro würden als Bausumme angepeilt. Darin enthalten seien das Gästehaus, die Bibliothek, ein neuer Weg als Verbindungsachse zwischen Kloster und Akademie, die Sanierung des Konventsgebäudes und der Bau von Parkplätzen auf dem Klostergelände und bei der Akademie.

 Er könne sich den Standort B hinter dem Abtshaus als bevorzugte Lösung durchaus vorstellen, sagt Lemke. Die Zusage dafür könne er aber weder jetzt noch in der kommenden Woche im Stadtrat geben. Zu viele Fragen seien noch offen und viele Zwänge steckten hinter dieser Entscheidung. Die Bedenken der Loccumer nehme er nun zusätzlich in die Entscheidungsfindung mit hinein. Die starke Identifizierung des Dorfes mit dem Kloster und die Weigerung des Ortsrates, seine Zustimmung zu geben, hat wohl auch das Landeskirchenamt überrascht.