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Loccum Gott ist das Wort für alles, das fehlt
Gott ist das Wort für alles, das fehlt
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15:08 13.03.2013
Die Schlange nimmt so schnell kein Ende, als Martin Walser sich nach der Lesung zum Signieren seiner Bücher niederlässt.
Die Schlange nimmt so schnell kein Ende, als Martin Walser sich nach der Lesung zum Signieren seiner Bücher niederlässt. Quelle: ade
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Loccum (ade). „Das war mal ein interessanter Abend.“ Was Pastor Ingo Krause so einfach zusammenfasste, während er die Stiftskirche verließ, dürfte die allgemeine Meinung der rund 200 Besucher gewesen sein, die 90 Minuten lang dem lauschten, was Martin Walser aus zweien seiner Bücher vorlas.

Das Theologische im Werk des bekennenden Atheisten Martin Walser ist für eine Woche das Thema eines Seminars des Loccumer Pastoralkollegs gewesen. Für Traugott Wrede, Rektor des Kollegs, war es das besondere Highlight der Veranstaltung, dass der Schriftsteller selbst sich bereit erklärte, für zwei Tage zu kommen, um mit den Pastoren über seine theologischen Ansätze zu diskutieren.

Für alle, die sich für das umfassende Werk des Schriftstellers interessieren, war zusätzlich die Lesung gedacht. Die musste entgegen dem eigentlichen Plan vom Refektorium des Loccumer Klosters in die Kirche selbst verlegt werden, da die Anmeldungen zahlreicher waren als die Plätze, die der ehemalige Speisesaal der Mönche zu bieten hatte.

Sind die Schritte, mit denen Walser die Stufen zum Pult im Altarraum erklomm, angesichts seiner 86 Jahre auch leicht unsicher gewesen, so zog er kurz darauf doch sofort die Zuhörer mit kräftiger Stimme und pointiertem Vortrag in seinen Bann. ‚Über Rechtfertigung, eine Versuchung’ ist das Werk gewesen, mit dem Wrede auf Walser aufmerksam wurde. „Da ruft einer die Kirchenleute zur Sache, von dem wir das so nicht erwartet hätten“, begründete der Rektor, weshalb er dieses Thema gewählt hat.

Friedrich Nietzsche und Karl Barth, Augustinus und Luther – um sich mit der Rechtfertigungslehre, mit der Frage nach dem Verhältnis zwischen den Menschen und Gott angesichts der Sünden der Menschen, auseinanderzusetzen, bemüht Walser sie alle. Rechtfertigung werde in unserer Zeit durch Rechthaben ersetzt, ist sein Resümee und er scheut sich nicht zu sagen, dass ihm, der er sich immer als Atheist bezeichnet hat, die Muse der Mangel sei und Gott das Wort für alles, das ihm fehle.

Leichter, mit humoristischen Anflügen, aber dennoch analytisch ist der Text der zweiten Hälfte der Lesung geraten. Sein jüngstes Werk ‚Das dreizehnte Kapitel’ ist als Briefroman angelegt. Da sind der Schriftsteller und die Theologin, die sich auf einem Empfang kaum begegnen, keine Worte wechseln – und eine wortreiche Beziehung beginnen, die gerade durch ihre Aussichtslosigkeit intensiv wird. Ein großartiger Ausklang für einen großartigen Abend. Martin Walser blieb danach lediglich die Aufgabe, den vielen, vielen Wünschen nach Signaturen in seinen Büchern nachzukommen.