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Loccum Loccum: Prozess um Mordfall Judith T. wird neu aufgerollt
Loccum: Prozess um Mordfall Judith T. wird neu aufgerollt
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00:22 22.10.2018
Der mittlerweile 50-jährige Jörg N. muss sich abermals vor Gericht verantworten. Quelle: dpa
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Loccum

Das Urteil gegen den vorbestraften Sexualstraftäter ist aufgehoben. Das Landgericht hatte den mittlerweile 50-jährigen Jörg N. 2017 wegen Totschlags zu elfeinhalb Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Wie berichtet, wurde die Leiche der 23 Jahre alten Frau im September 2015 im Klosterforst in Loccum gefunden. Erstickt, nackt, abgedeckt mit Zweigen und Steinen hatte ihr eigener Vater seine seit mehreren Tagen vermisste Tochter aufgefunden.

Es folgten diverse Pannen in der Ermittlungsarbeit der zuständigen Polizeiinspektion Nienburg/Schaumburg. Unter anderem gingen die Ermittler dem Hinweis zunächst nicht nach, dass ein Patient des Maßregelvollzugs am Tattag Freigang hatte und mit Gesichtsverletzungen zurückkam. Außerdem wurden an Beweismitteln keine DNA-Spuren gesichert. Erst sechs Monate später kam die Polizei dem damals 48-jährigen Patienten der Bad Rehburger Einrichtung auf die Schliche. Er hatte Judith T. während eines Freigangs vergewaltigt und erwürgt.

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Über vier Jahre wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung

2013 war Jörg N. bereits wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und zehn Monaten verurteilt worden. Wegen seiner Alkoholsucht kam er in den Maßregelvollzug. Seit Ende 2014 durfte er diesen unbegleitet verlassen. Bis heute fragen sich Angehörige von Judith T., deren Anwalt und Prozessbeobachter, wieso der Mann ohne Begleitung sechs Stunden lang umherlaufen konnte.

Der Rechtsanwalt der Nebenklage, Raban Funk, hatte seinerzeit vor dem Verdener Landgericht auf Mord plädiert. Da aus seiner Sicht Widersprüche in der Urteilsbegründung zu finden waren, legte er Revision ein. Dieser gab der BGH nun statt. Zu den Gründen dieser Entscheidung könne er noch nichts Genaues sagen. „Die schriftliche Begründung liegt noch nicht vor“, erläutert Funk im Gespräch. Der Jurist geht aber davon aus, dass die Instanz ebenfalls Widersprüche in der Urteilsbegründung sieht.

Nach Angaben des Rechtsanwaltes heißt es in der Begründung, dass nicht ausgeschlossen werden könne, dass der Geschlechtsverkehr zwischen Judith T. und ihrem späteren Mörder nicht doch einvernehmlich war. Es würden bis auf die Würgemale am Hals keine weiteren Abwehrverletzungen vorliegen.

Erwürgt, um zu vertuschen

An anderer Stelle heißt es Funk zufolge jedoch, dass sie neben den Verletzungen am Hals Hämatome am Körper hat – ein Zeichen für Abwehr, also keine Einvernehmlichkeit. Für den Juristen steht fest: Judith T. wurde vergewaltigt und dann erwürgt, um den Missbrauch zu vertuschen. Verdeckung einer Straftat – ein Mordmerkmal.

Dafür spreche auch die kriminelle Vita des Mannes. Immer wieder habe er seine früheren Opfer während des sexuellen Missbrauchs gewürgt. „Das steigerte sich von Tat zu Tat“, sagt Funk. Dass es in der Konsequenz auch bis zum Erwürgen führen würde, sei nur eine Frage der Zeit gewesen.

Nun geht der Prozess vor einer anderen Kammer des Verdener Landgerichtes von vorne los. Warum die Angehörigen diese emotionalen Strapazen erneut über sich ergehen lassen, ist aus Sicht ihres Vertreters eindeutig: „Wir wollen, dass Jörg N. wegen Mordes verurteilt wird.“ Das habe einerseits damit zu tun, dass die Familie das Verbrechen an ihrer Tochter angemessen eingeschätzt sehen will. Andererseits möchten sie die Außenwelt vor dem Straftäter schützen, erläutert ihr Vertreter. „Jörg N. ist brandgefährlich“, sagt Funk, ohne einen Zweifel an dieser Aussage zu lassen.

Sollte am Ende des zweiten Prozesses das Urteil auf Lebenslang mit Berücksichtigung der besonderen Schwere der Schuld sowie anschließende Sicherungsverwahrung lauten, seien er und die Nebenklage zufrieden. Denn dann würde der heute 50-Jährige 25 Jahre in Haft sitzen und im Anschluss in die Sicherungsverwahrung überstellt werden. „Da findet die erste Prüfung nach frühestens fünf Jahren statt“, erläutert der Jurist. Es wäre demnach unwahrscheinlich, dass Jörg N. mit Blick auf sein Alter jemals wieder auf freien Fuß kommt.

Von Verena Gehring