Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Loccum „Seien Sie genauso blöd wie die Männer“
„Seien Sie genauso blöd wie die Männer“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:20 15.09.2013
„Schmidt’s Katzen“ improvisieren – amüsant, intelligent und spontan. Quelle: ade
Anzeige

Von Beate Ney-Janßen

Loccum. Männer hatten wenig zu melden an diesem „Frauentag zur Reformation“ in der Stiftskirche. Zwei Ausnahmen gab es lediglich: den Herrn, der für die Technik auf der Bühne zuständig war und Landesbischof Ralf Meister. Letzterer durfte ein Grußwort sprechen und hörte sich zuvor aufmerksam zwei Impulsreferate und eine Podiumsdiskussion an. Die zweite Sitzreihe in der Kirche wollte jedoch keine mit ihm teilen – ganz für sich hatte der Bischof in der gut gefüllten Kirche diese Stühle.

Anzeige

In ihrer Einladung hatte Franziska Müller-Rosenau, Landespastorin für Arbeit mit Frauen, die leicht provokanten Fragen gestellt, ob Frauenarbeit heutzutage in der Kirche passé, ob alles erreicht und ob Kirche eventuell gar zu weiblich sei. Alles in allem waren sich alle einig, dass diese Fragen alle mit „Nein“ beantwortet werden müssen. Die Einschätzung des Erreichten und dessen, was für Geschlechtergerechtigkeit noch getan werden muss, gingen jedoch auseinander.

Müssen mehr Frauen in der Kirche in Leitungspositionen, wollte Moderatorin Brigitte Lehnhoff in der Podiumsdiskussion wissen. Und welche Voraussetzungen müssten geschaffen werden, damit dieses realisiert werden könne? Sie habe mit ihrem Amtsantritt als Hauptpastorin und Pröpstin in Hamburg in Zeiten des Sparens zwei volle Männerpositionen übernommen, erzählte Ulrike Murmann. Erst habe sie allen zeigen wollen, dass sie das bewältigen könne – und zwar gut. Dann aber auch erkannt, dass sie das keine zehn Jahre durchhalten könne und seitdem gelernt zu delegieren, abzugeben und nicht alles selbst machen zu wollen. Leitende Positionen sollten nicht überbewertet werden, meinte hingegen Annegret Böhmer.

Die Psychotherapeutin und Professorin an der Evangelischen Hochschule Berlin vertrat die Ansicht, dass Leitung an sich kein Wert sei, dass es eher darauf ankomme, ein gutes Leben zu haben und dass Leitung nur diejenigen übernehmen sollten, die sich auch für die Sache, die dahinter stecke, wirklich einsetzen wollten. Dass dann – in leitender Position – auch die Machtspiele hinzukämen, das sei nun einmal so. Den Mut aufzubringen, diese Spiele auch von sich aus spielen zu wollen und nicht darauf zu warten, gefragt zu werden, darauf hoffte die Gleichstellungsbeauftragte der Landeskirche, Hella Mahler. Vor dem Hang vieler Frauen zur Perfektion und zum Idealisieren jener Frauen, die leitende Positionen einnehmen könnten, warnte Böhmer und machte gleichzeitig Mut: „Seien Sie genauso blöd wie die Männer, die es auch schaffen.“ Lautes Lachen und heftiger Applaus waren die Antwort aus dem Publikum.

Auf das Rühren an einem „Heiligtum“, wie es vor einigen Monaten eine Tageszeitung bezeichnet habe, zielte Lehnhoffs letzte Frage ab. Meister hatte damals in der Synode angeregt, darüber nachzudenken, ob im Konvent des Klosters Loccum nicht auch Frauen aufgenommen werden sollten. Das „Heiligtum“ dieser Männerdomäne währt immerhin schon 850 Jahre. Für vier der Frauen auf dem Podium war das eigentlich keine Frage. Sie stimmten Annette Klausing, Fachsekretärin von ver.di, schmunzelnd zu, die meinte, dass das Statussymbol von Männern heutzutage nicht mehr der große BMW, sondern eine intelligente Frau sei und sich die Männer im Konvent doch einfach trauen sollten, solch ein Statussymbol zuzulassen. Lediglich Wencke Breyer, Vizepräsidentin der Landessynode, gab zu bedenken, dass mit der Aufnahme von Frauen in den Konvent auch die gewachsene Ökumene des einst katholischen Klosters und seine Historie in Gefahr geraten könnten. Sie tue sich mit dieser Bischofs-Anmerkung schwer.

Was dann noch kam an diesem Tag für 530 Frauen waren eine amüsante Stunde mit „Schmidt’s Katzen“ – drei Frauen, die sich auf Improvisationstheater spezialisiert haben und bewiesen, wie intelligent, spontan und amüsant Frauen sein können. Für die zehn Workshops zu Themen rund um Frauen, Gleichberechtigung und Kirche blieb nur noch eine Stunde Zeit. Manche Teilnehmerin hätte sicherlich auch dort gerne noch länger verharrt.