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Loccum Vom Berufsschul-Vorläufer zum Traditionsverein
Vom Berufsschul-Vorläufer zum Traditionsverein
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14:17 17.01.2012
Vereint im Landwirtschaftlichen Verein Loccum, der nun 150 Jahre alt wird: Kassenwart Adolf Endewardt, Vorsitzender Helmut Buhr und sein Stellvertreter Jürgen Rust.
Vereint im Landwirtschaftlichen Verein Loccum, der nun 150 Jahre alt wird: Kassenwart Adolf Endewardt, Vorsitzender Helmut Buhr und sein Stellvertreter Jürgen Rust. Quelle: ade
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Loccum (ade). „Der Landwirtschaftliche Verein war in gewissem Sinne der Vorläufer der Berufsschule“, erklärt Helmut Buhr. Der Loccumer Landwirt ist schon seit etlichen Jahren Vorsitzender des Vereins und steckt nun mitten in den Vorbereitungen für das Jubiläumsfest.

Vor 150 Jahren hatten Landwirte wenige Möglichkeiten, sich weiterzubilden. Der Verein sollte ihnen aber genau dazu verhelfen. Was die Mitglieder damals für ihren Jahresbeitrag geboten bekamen, war zum einen eine Bibliothek mit Fachliteratur, aus der sie sich bedienen konnten. Das andere waren Vorträge von qualifizierten Referenten. Die kamen in den Wintermonaten nach Loccum und machten die Landwirte für vielfältige Anforderungen fit. Vom Roggenanbau über Buchführung bis hin zu den Gründen für den Marktdruck aus Dänemark und den Niederlanden reichten die Themen.

Es muss wohl ein sehr großer Bedarf an dieser Fortbildung bestanden haben. Anders ist es kaum zu erklären, dass nicht nur Loccumer, sondern auch Wiedensähler, Rehburger und Menschen aus anderen umliegenden Gemeinden die beschwerlichen winterlichen Wege mit Pferd und Wagen auf sich nahmen, um sich die Vorträge anzuhören. Um 1895 reagierten die Wiedensähler auf diese Situation, gliederten sich aus dem Loccum Verein aus und gründeten mit rund 220 Mitgliedern einen eigenen Landwirtschaftlichen Verein.

Der eigentliche Vereinszweck hat sich heute überholt, Aus- und Weiterbildung liegen seit vielen Jahren in anderen Händen. Ein „Traditionsverein“ sei es mittlerweile, sagt Buhr, auch wenn ab und zu noch ein Vortrag angeboten werde. Vorneweg fahre bei den Erntefesten in Loccum aber immer noch der Wagen seines Vereins und die Erntekrone darauf hänge Jahr für Jahr zum Erntedankfest in der Loccumer Kirche.

Tradition hat auch die Satzung des Vereins, deren aktuelle Fassung aus dem Jahr 1905 stammt. Manches darin entspricht vielleicht nicht mehr unbedingt dem Zeitgeist. Wie etwa der Passus: „Die Wahl zu den Vorstandsämtern darf nicht abgelehnt werden.“ Helmut Buhr, sein Stellvertreter Jürgen Rust und Kassenwart Adolf Endewardt amüsieren sich köstlich darüber und behaupten, dass sie dadurch überhaupt erst zu ihren Posten gekommen sind: sie durften schließlich nicht ablehnen. Laut Satzung hätte der Kassenwart sein Amt allerdings nach drei Jahren ablegen dürfen. Endewardt hat aber wohl doch Freude daran – ansonsten ist kaum zu erklären, weshalb er seit 52 Jahren im Vorstand ist.

Die Bälle, die zum Vereinsgeschehen gehörten, sind allerdings irgendwann in den 1960er Jahren eingeschlafen. Als der VW-Käfer Einzug in die Dörfer gehalten habe, sagt Helmut Buhr, seien immer weniger Leute zu diesen Bällen gekommen. Da wollten sie lieber im Auto die große weite Welt entdecken, statt mit Nachbarn und Freunden eine Nacht mit Tanz zu verbringen. Für den Ball, der zünftig als „Danz op de Deel“ in der Pilgerscheune des Loccumer Klosters für den 1. September geplant ist, erwartet der Verein aber ein gemütliches Gedränge. VW-Käfer sind schließlich nur noch äußerst selten auf den Straßen zu sehen.