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Rehburg Von Spießbürgern, Bratspießen und dem ersten Schuss
Von Spießbürgern, Bratspießen und dem ersten Schuss
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06:16 02.06.2012
Dem zweiten König durfte Angelika Teßner als Stellvertreterin des Ortsbürgermeisters bereits in Vorjahren die Kette um den Hals legen. In 2012 wird sie zum ersten Mal den Männern die Kommandos geben.
Dem zweiten König durfte Angelika Teßner als Stellvertreterin des Ortsbürgermeisters bereits in Vorjahren die Kette um den Hals legen. In 2012 wird sie zum ersten Mal den Männern die Kommandos geben. Quelle: ade
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Rehburg (ade). Traditionen werden in Rehburg hoch geachtet und Tradition ist es seit jeher, dass Frauen an der Waffe nichts zu suchen haben – Emanzipation hin oder her. Schließlich hatte der Kurfürst seinerzeit einen Hintergedanken mit der Verleihung des Privilegs: Kriege lagen hinter ihm und weitere Konflikte drohten. Um ein Ass im Ärmel oder zumindest eine Notlösung parat zu haben, zeigte sich der Herrscher mit der Verleihung solcher Rechte großzügig. Wenn der Feind dann vor den Toren seiner Städte stünde, könnten diejenigen, die sich manches Mal im Schießen geübt hätten, sicherlich sein Hab und Gut besser verteidigen als Bauern mit Mistforken, mag Georg II argumentiert haben. So weit, so gut und als Konsequenz daraus schnappen sich seit Jahrhunderten Männer die Gewehre.

Zunächst waren es nur die Realbürger – solche, die Höfe besaßen – die zum Schießen ausziehen durften. Dieser Teil des Privilegs wich milderen Bestimmungen, so dass mittlerweile jeder Rehburger ab 18 Jahre am Schützenfest-Montag zum Gewehr greifen kann. Wohlgemerkt: männliche Rehburger. Doch wenn den Männern keine Standesunterschiede mehr gemacht werden, so heißt das noch lange nicht, dass auch der weibliche Teil der Bevölkerung in diese Gleichberechtigung einbezogen wird. Rund 400 Männer sind es heute noch, die mit schwarzen Anzügen, Zylindern und geschultertem Holzgewehr durch die Straßen ziehen, bevor sie ihre Treffsicherheit beweisen dürfen.

Das wird sich jetzt zumindest ein wenig ändern. Denn da das Schützenfest nicht etwa von einem Verein sondern von der Stadt ausgerichtet wird, steht dem Bürgermeister des Ortes der erste Schuss auf die Königsscheibe zu – und nun ist eben zum ersten Mal der Bürgermeister eine Bürgermeisterin.
Erste Vorzeichen der Emanzipation gab es indes schon vor 21 Jahren in Rehburg. Damals wurden erstmals zwei Frauen in den Ortsrat gewählt – eine von ihnen war die jetzige Ortsbürgermeisterin Angelika Teßner. Neben dem Sitz im Rat übernahm sie damit wie alle Mitglieder des Ortsrates die Verpflichtung, beim Traditionsfest ein Rott anzuführen.

Für Angelika Teßner stand schon damals fest: „Wenn ich im Rat bin, dann darf ich auch das Rott bezahlen und dann will ich auch mitmarschieren.“ Einige der älteren Rehburger sahen das allerdings ganz und gar nicht als selbstverständlich an. Sie schlugen vor, die Frauen in eine Kutsche zu setzen und zum Festplatz zu fahren. Die überwiegende Mehrheit nahm es jedoch gelassener. Das Ende vom Lied war, dass die Frauen mitmarschierten und lediglich in zwei Dingen Konzessionen auf freiwilliger Basis machten: den Zylinder wollten sie nicht auf dem Kopf tragen – und den ‚Bratspieß’ nicht auf der Schulter. Das überließen sie ihren Männern.

‚Bratspieß’ nennt Angelika Teßner noch heute den mit bunten Bändern geschmückten Speer, den in früheren Zeiten diejenigen führen durften, die in der Stadt das Sagen hatten – die ‚Spießbürger’ eben. Das waren dann üblicherweise die Ratsmitglieder und die haben noch heute zum Schützenfest ihren Spieß geschultert.

Der nächste Schritt zur Emanzipation des Schützenfestes wäre es wohl, wenn nach 276 Jahren einer der drei Könige, die Jahr für Jahr gekürt werden, eine Frau wäre. Da aber Angelika Teßner als einzige Frau abdrücken darf und sie von sich behauptet, dass sie auf 100 Meter kein Scheunentor treffen kann, wird dieser Moment noch auf sich warten lassen. Das Kommando über die Männer, deren Bürgermeisterin sie ist, übernimmt sie aber dennoch gern und wird die Männer mit zackigen Befehlen auf Trab und zum Abmarsch bringen.
Die Frauen des Ortes haben übrigens in den vergangenen Jahren kaum Versuche unternommen, die Vorherrschaft der Männer am Schützenfest-Montag zu durchbrechen. Vielleicht ist es ihnen ganz recht, dass sie sich nicht in eine derartige Kluft werfen und bei jedem Wetter den weiten Weg vom Markt- zum Festplatz marschieren müssen. Und vielleicht gefällt es ihnen besser, Zylinder und Holzgewehre ihrer Männer nach Hause zu tragen, statt in dem Zelt in stickiger Luft vor Fässern voller Bier sitzen zu müssen.