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Winzlar „Oscar der Fischbranche“ geht nach Winzlar
„Oscar der Fischbranche“ geht nach Winzlar
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15:27 05.07.2012
Fisch ist ihr Geschäft – früher in Brandenburg am Grimnitzsee, heute in Winzlar am Steinhuder Meer: Vater Günther und Sohn Thomas Otto mit Räucherfisch aus ihrem Ofen. Quelle: ade
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Winzlar (ade)

Auf das Fischen angesprochen, bekommt Günther Otto einen leicht verträumten Blick. Doch, sagt er leise, das Fischen vermisse er sehr. Schließlich hat der Fischfang, das Ausfahren mit dem Boot, um nach arbeitsreichem Tag mit vollem Kahn wieder nach Hause zu kehren, nicht nur seine Jugend bestimmt, sondern das Leben vieler Generationen von Ottos vor ihm. Da, da stehe alles drin, sagt er und zeigt auf ein zerfleddertes, in Leder gebundenes Buch. Was die Ottos seit 1792 mit dem Fischfang zu tun hätten, das sei dort verzeichnet. Eigentlich müsse das alles einmal abgeschrieben werden, schließlich könne kaum noch jemand die altdeutsche Schrift lesen, mit der seine Vorfahren sich verewigt hätten. In Brandenburg, am Grimnitzsee, seien sie ansässig gewesen. Doch seit 1947 sei es damit vorbei. Damals, nach dem Krieg habe seine Familie ihre Pachtrechte verloren – enteignet worden seien sie, sagt Günther Otto.
„Hole doch mal das Fass her“, sagt Otto zu seiner Geschäftsführerin Geraldine Grote. Ein ovales, kleines Fässchen trudelt wenig später auf dem Tisch. Während Otto an dem Patentverschluss auf der bauchigen Oberseite herumnestelt, erklärt er das Prinzip. „Rüttelfass“ nenne sich das. Als Eis noch nicht zu jeder Jahreszeit zur Verfügung stand, habe seine Familie mit solchen Fässern lebende Fische aus Brandenburg nach Berlin geschafft. Im 19. Jahrhundert. Erst per Kahn auf kleinen Kanälen, später mit der Bahn. Rütteln mussten die Fässer, damit dem Wasser Sauerstoff zugeführt werden konnte. So überlebten die Fische und konnten in der Hauptstadt verkauft werden. „Damals hätte niemand einen toten Fisch gekauft“, sagt Otto. Findig waren die Ottos, mit der Zeit sind sie gegangen und geschäftstüchtig waren sie auch.
Aber mit der Binnenfischerei sei dann 1947 eben Schluss gewesen. Vier Jahre später habe er seine Gesellenprüfung als Fischer abgelegt, noch zwei Jahre später sei er in den Westen gegangen, ans Steinhuder Meer, um dort als Fischer zu arbeiten. Meister wurde er bald darauf. Eine eigene Pacht bekam er aber nicht, sondern musste als Angestellter arbeiten. Das war nicht wirklich das, was Günther Otto wollte. Nein, er wollte selbstständig sein, so wie er es von seiner Familie kannte. Also ging er einige Jahre „zur Conti“ nach Hannover, um Geld für sein Ziel zusammen zu bekommen. Wenn schon keine Fischerei, dann sollte es zumindest etwas mit Fisch sein. Und so baute er sich an seinem Haus ein Rauchhaus und begann, Fische zu räuchern. Anfangs, erinnert er sich, habe er ausschließlich Aale mit einem Moped zu Wochenmärkten in der Nähe gebracht und diese Ware auf einem Tapeziertisch ausgebreitet. Ein Kartoffelkorb voller Fisch sei das gewesen – mittlerweile bekommt die Fischräucherei 15 Tonnen Fisch pro Woche zur Weiterverarbeitung geliefert.
Wo das kleine Rauchhaus vor Jahrzehnten stand, ist nun das Herz der Fischräucherei. Geräuchert wird dort immer noch, wenn auch in weitaus größerem Umfang und nach modernstem Standard. Fünf Verkaufswagen stehen mittlerweile auf dem Hof, die auf 20 Wochenmärkten Fisch anbieten. Mehr als 20 Angestellte verarbeiten den Fisch zu Räucherware und Fischfeinkost.
Manche der Rezepte, erzählt Günther Otto, sind aus der Familie überliefert, andere entwickeln er, sein Sohn und die Angestellten. „Man muss doch mit der Zeit gehen und immer wieder Neues anbieten“, sagt er. Wie etwa die Fisch-Pralinen, die als Appetithäppchen in einer kleinen Holzkiste ruhen und sich so schön als Präsent anstelle von schokoladigen Pralinés eignen. Die Mischung aus Traditionellem und Neuem war es vielleicht auch, die Fisch-Otto mit der Auszeichnung als „Bestes mobiles Fischfachgeschäft in Deutschland“ sozusagen den „Oscar der Fischbranche“ eintrug.
In Winzlar ist Günther Otto dennoch geblieben, und auch seinen Sohn Thomas, der den Betrieb zwischenzeitig vom Senior übernommen hat, zieht nichts aus dem alten Bauerndorf mit seinen rund 1 000 Einwohnern fort. Dass sich die Lastwagen mit dem Fisch aus dem eigenen Großhandel in Bremerhaven dafür auf den gepflasterten Wegen durch das Dorf schlängeln müssen, ist für Vater und Sohn kein Grund, über einen Wechsel nachzudenken. Und wenn der Betrieb noch größer wird – was soll’s? Auf dem Grundstück im Dorf hat die Familie bisher immer noch ein Plätzchen gefunden, an das ein weiterer Raum angebaut werden konnte. Wenn sie schon nicht mehr am Grimnitz-See in Brandenburg sein können, dann wollen die Ottos zumindest das Steinhuder Meer in direkter Nachbarschaft wissen. Und Heimat ist das allemal schon deshalb, weil Günther Ottos Frau in Winzlar aufwuchs. Viel mehr Verbundenheit zu Wasser und Familie könnten die Ottos an keinem anderen Fleck bekommen.