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Minden Blaulichtprozess: Es bleibt bei vier Jahren Haft für Marcel B.
Aus der Region Minden Blaulichtprozess: Es bleibt bei vier Jahren Haft für Marcel B.
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22:36 16.07.2019
Nach einem Verkehrsunfall mit vier Toten auf der B 482 bei Petershagen vor drei Jahren ist im "Blaulichtprozess" am Landgericht Bielefeld ein Urteil gefallen. Quelle: Symbolbild/dpa
Bielefeld/Petershagen

Beide Frauen wollen endlich damit abschließen, was am 25. Mai 2016 auf der Bundesstraße 482 bei Petershagen passierte. Doch können sie das? Eine Woche haben die Prozessbeteiligten jetzt Zeit, Revision einzulegen. Tun sie das, geht der Fall zur Prüfung an das Oberlandesgericht in Hamm.

Pkw nach gescheitertem Überholmanöver gegen Lkw geschleudert

Drei Jahre ist der tödliche Unfall jetzt her, der vor allem wegen des illegal benutzten Blaulichts für Aufsehen sorgte. Auch wenn es beim Unfall selbst ausgeschaltet hinter dem Beifahrersitz lag, spielte es bei der Urteilsfindung eine Rolle. Marcel B. überholte damals mit seinem aufgemotzten Twingo und erhöhter Geschwindigkeit den BMW der libanesischen Familie.

Als er die Scheinwerfer des Lkw auf der Gegenfahrbahn sah, scherte er wieder ein und kollidierte mit dem Wagen der Familie. Dieser wurde gegen den Lkw geschleudert. Vier Männer der libanesischen Familie (43, 23, 22 und 18 Jahre alt) starben dabei, der heute 22-jährige Aiman Elmolla überlebte den Unfall schwer verletzt. „Die Bilder habe ich noch heute vor meinen Augen, sie werden schwächer, aber sie sind immer da“, sagt die Lkw-Fahrerin unter Tränen.

Lkw-Fahrerin: Unverständnis über Schuldzuweisungen

Belastend seien für sie aber nicht nur die Bilder vom Unfall, sondern auch die Vorwürfe der Verteidigung. Im Laufe des Prozesses brachte Marcel B.s Anwalt Raban Funk immer wieder an, dass auch die Lkw-Fahrerin eine Mitschuld habe, da sie beim Unfall neun Kilometer pro Stunde zu schnell unterwegs war.

Die Bilder habe ich noch heute vor meinen Augen. Sie werden schwächer, aber sie sind immer da.

Lkw-Fahrerin

Richter rügt Verhalten des Verteidigers

Doch gerade dieser Vorwurf wurde dem 27-jährigen Angeklagten zum Verhängnis. In der Urteilsbegründung ging Richter Johannes Wichmann sehr deutlich auf das Verhalten des Verteidigers ein. „Wenn man mehrfach die Lkw-Fahrerin in den Fall einbezieht und spekuliert, was passiert wäre, wenn sie langsamer gefahren wäre, hat das schon ein Geschmäckle“, so Wichmann.

Auch die Einlassung von Marcel B. habe konstruiert gewirkt, da B. auf anschließende Fragen dazu nicht antworten konnte. Funk soll dem Angeklagten außerdem häufig souffliert und ihm so seine Antworten vorgegeben haben. Negativ wertete Wichmann außerdem die Aussage des Verkehrspsychologen, den Funk später noch als Zeugen laden ließ. Dieser berichtete von B.s rücksichtlosem Fahrverhalten im Straßenverkehr vor dem Unfall und seinen Punkten in Flensburg.

Zweifel an Einsicht des Angeklagten

Dass B. sein Fahrverhalten nach der Therapie mit dem Verkehrspsychologen geändert habe, glaubte der Richter nicht. „Er hat kein Gefühl dafür entwickelt, dass seine Fahrweise auch für andere gefährlich werden kann“, sagte der Richter. Die Gefahr beim Überholen auf der B 482 sei ihm damals bewusst gewesen – ein Augenblicksversagen sehe er hier nicht.

Für Marcel B. bleibt es deshalb bei der Haftstrafe von vier Jahren, die bereits im Februar 2018 vor dem Amtsgericht Minden ausgesprochen wurde. Auch die Fahrerlaubnis bekommt er erstmal nicht wieder.

Beifahrer: Geld- statt Haftstrafe

Für den Beifahrer Kevin G. ging das Berufungsverfahren dagegen deutlich besser aus. Statt ein Jahr und acht Monate Haftstrafe muss G. nur noch eine Geldstrafe wegen Amtsanmaßung von 70 Tagessätzen à 40 Euro zahlen. Weil nachträglich noch bewiesen werden konnte, dass das Blaulicht beim tödlichen Unfall nicht benutzt wurde und Kevin G. laut eigener Aussage noch vor der gefährlichen Kurve auf der B 482 gewarnt haben soll, fiel die Anklage wegen psychischer Beihilfe zur Gefährdung im Straßenverkehr weg.

Die Einlassung von Kevin G. hielt Richter Wichmann für schlüssig. „Was da im Auto wirklich passiert ist, wissen nur die beiden“, sagt er.
Von Nadine Schwan