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Minden Portaner Fußballer feiern mit Nazi-Parole - Verein will alle Beteiligten ausschließen
Aus der Region Minden Portaner Fußballer feiern mit Nazi-Parole - Verein will alle Beteiligten ausschließen
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08:44 05.09.2019
Porta Westfalica

„Kennst Du dieses Video?" Als Matthias Adamkowitsch die Nachricht am Mittwochmorgen auf seinem Handy liest, denkt er an nichts Verfängliches. Nachdem er sich den 13 Sekunden langen Clip angesehen hat, muss er sich erst einmal sammeln. „Ich bin geschockt und immer noch völlig durch den Wind", sagt der Vorsitzende des TuS Holzhausen/Porta.

„Alle, die sich an den Parolen beteiligt haben, sind für den Verein nicht mehr tragbar", sagt Adamkowitsch am Mittwochabend. „Sie werden aus dem Verein ausgeschlossen." Im Gespräch am Nachmittag wirkt er mitgenommen: „Wir distanzieren uns von diesem Video. So etwas darf und wird nicht wieder vorkommen."

Das ist im Video zu sehen

Das Video ist offenbar bei der Aufstiegsfeier der ersten Fußballmannschaft des TuS Holzhausen/Porta entstanden. Es verbreitet sich am Mittwoch wie ein Lauffeuer in der Fußballszene, in zahlreichen Whatsapp-Gruppen wird es geteilt. „Sieg Heil" rufen einige der Feiernden gleich mehrfach im Chor und strecken dabei den Meister-Pokal der Kreisliga B Süd in die Höhe. Im Hintergrund sind auch kritische Stimmen zu hören: „Jungs, was macht ihr da?" Sie gehen unter.

Das Video ist offenbar direkt in der Kabine des TuS aufgenommen worden. Der Zeitstempel datiert es auf den 5. Mai 2019, 21.48 Uhr. Kurz zuvor war die erste Mannschaft des TuS „HoPo", wie der Verein unter Fußballern genannt wird, mit einem 6:0 gegen den TuS Bad Oeynhausen II in die Fußball-Kreisliga-A aufgestiegen. Warum das Video erst jetzt, rund vier Monate nach Aufnahme, öffentlich wird, steht noch nicht fest. Womöglich hat es mit dem überraschenden Einzug ins Halbfinale des Kreispokals zu tun.

Das sagt der Vorstand

Adamkowitsch hat das Video am Mittwochmorgen erstmals gesehen. Der Vorstand setzte sich am noch abends zusammen, um herauszufinden, wer auf dem Video zu sehen ist, wer es mit dem Handy aufgenommen hat. Auch Mike Achtelik, Trainer der ersten Mannschaft, und auch einige Spieler wurden dazu befragt. Was Adamkowitsch, der sich seit einigen Jahren im Vorstand des TuS engagiert und seit März Vorsitzender ist, aber bereits am Vormittag sagen konnte: „Dieser Vorfall wird definitiv Konsequenzen haben." Diese sind am Mittwochabend klar: Alle Beteiligten sollen aus dem Verein ausgeschlossen werden, so Adamkowitsch.

Diese Situation sei Neuland für ihn und seine ehrenamtlichen Mitstreiter. „Wir müssen abwarten, was jetzt noch alles auf uns zukommt", sagte Adamkowitsch. Dann zögerte er wieder, seine Stimme stockte. „Ich kann es einfach nicht verstehen. In der Mannschaft spielen nicht nur Deutsche, es sind mehrere Nationalitäten vertreten, die Spieler sind voll integriert." Es habe bisher keine anderen negativen Vorkommnisse gegeben, Probleme mit Spielern der Mannschaft seien ihm nicht bekannt.

Auch er fragt, warum das Video ausgerechnet jetzt in der Fußballszene die Runde macht. Ob jemand dem TuS „HoPo" den derzeitigen sportlichen Erfolg nicht gönne? „Hätte ich früher davon mitbekommen, hätten wir sofort eingegriffen", betont Adamkowitsch. „Wir müssen jetzt über alles sprechen." Auch mit Ermittlungsbehörden. Die Staatsanwaltschaft hat ein Verfahren eingeleitet.

Das sagt die Stadt Porta Westfalica

Während sich Vereinsverantwortliche bestürzt zeigten, reagierte die Stadt Porta mit drastischen Maßnahmen: „Die Stadt wird sich in dieser Angelegenheit an die Staatsanwaltschaft und den Verfassungsschutz wenden und darüber hinaus umgehend das Gespräch mit dem Verein TuS Holzhausen Porta 1905 und dem Vorsitzenden des Stadtsportverbandes suchen", heißt es in einer offiziellen Stellungnahme der Verwaltungsspitze. Man werte die Rufe der Fußballer in dem Video als eine Straftat – unter anderem wegen Volksverhetzung.

Portas Bürgermeister Bernd Hedtmann (parteilos) ist entsetzt: „Ein solches Verhalten kann und darf nicht toleriert werden", betont er gegenüber dem MT. „Abgesehen von der strafrechtlichen Relevanz halte ich es für dringend notwendig, hier das Gespräch zu suchen. Gerade vor dem Hintergrund, dass an der Porta 3.000 Menschen unter dem nationalsozialistischen Regime in drei Lagern schwer gelitten haben und seit einigen Jahren intensive Aufklärungsarbeit hierzu geleistet wird, trifft mich ein solches Verhalten persönlich und auch als Bürgermeister, der den Ruf dieser Stadt zu schützen hat." Gegenüber dem WDR betonte der Bürgermeister noch, dass der Verein stets gute Arbeit in der Integration geleistet habe und man sich bewusst sei, dass der Vorfall nur eine wenige, nicht aber das Gesamtgefüge betreffe. "Der TuS hat bei der Flüchtlingswelle als erster geholfen und Menschen integriert", so Hedtmann. Das solle nicht vergessen werden.

Das sind die mögliche Strafen

Nach Bekanntwerden des Videos mit „Sieg heil!"-Rufen ermittelt die Staatsanwaltschaft unter anderem wegen Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen. Darauf steht laut dem Bundesamt für Justiz bei Verurteilung eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe. Die Stadt Porta sieht auch den Strafgesetzbuch-Paragrafen zur Volksverhetzung erfüllt. Darauf stehen bei Verurteilung bis zu fünf Jahre Gefängnis oder eine Geldstrafe.

Das sagt der Sponsor

Die RWS Baustoff-Recyling GmbH fungiert beim TuS Holzhausen/Porta als Trikotsponsor – und will diese Tätigkeit auch nach dem Vorfall fortsetzen, wie Geschäftsführer Rainer Spier auf Anfrage mitteilt. „Ich stehe weiterhin zum Verein." Von dem Video habe er bislang noch nichts gehört, als das MT ihn am Mittwoch kontaktiert. „Ich sehe es aber tolerant. Die Jungs haben an dem Tag schön gefeiert. Das kommt immer mal vor. Das Thema wird mir zu sehr an die große Glocke gehängt", sagt Spier.

Das sagen andere Vereine

Ein Großteil der Mindener Fußballszene bewertet das offenbar anders. In Whatsapp-Gruppen wird das Video heiß diskutiert. Einige Mannschaften denken demnach auch über einen Boykott des Teams nach. Am Mittag positionieren sich der SV Hausberge, der TuS Kleinenbremen 1920 und der FSC Eisbergen öffentlich mit der klaren Botschaft: kein Platz für Rassismus. „In den Farben getrennt, in der Sache vereint – Gemeinsam gegen Rechts" – mit diesen Worten beginnen die Vereine eine Stellungnahme auf Facebook. Das Video sorge in den Netzwerken für sehr viel Aufsehen und Empörung – „und das unserer Meinung nach völlig zu recht", heißt es. Diese Form von Gedankengut „findet in unseren Vereinen keinen Platz". Weder auf noch neben dem Platz habe Rassismus etwas in der Gesellschaft zu suchen.

Für die erste Mannschaft des Tus Holzhausen/Porta steht am Donnerstagabend das nächste Spiel in der Kreisliga A an: Um 18 Uhr wird die Partie bei RW Maaslingen II angepfiffen. Der Fußball- und Leichtathletikkreisverband werde dieses Spiel nicht absetzen, betont Vorsitzender Thomas Schickentanz. Sehr wohl werde man das Spiel allerdings unter Kreisaufsicht stellen.

Das sagt der Verband

Im Vorstand des Fußball- und Leichtathletikkreises Minden herrscht Fassungslosigkeit. „Ich bin entsetzt darüber, dass so etwas in unserem schönen Fußballkreis passiert ist", sagt Vorsitzender Thomas Schickentanz. Er spreche im Namen aller Aktiven des Fußball- und Leichtathletikkreises Minden: „Wir haben dafür kein Verständnis." Ebenso erschrocken sei der Vorstand darüber, „dass aus dem Umfeld des Vereins so ein Fehlverhalten bagatellisiert wird".

Ob und wenn ja welche Konsequenzen der Vorfall haben werde, kann er in einer ersten Stellungnahme noch nicht sagen. Er habe die Rechtsabteilung des Fußball- und Leichtathletikverbandes Westfalen (FLVW) in Kaiserau umgehend informiert und um eine Bewertung gebeten. Alexandros Papassimos, Vorsitzender des Kreissportgerichts, verweist auf die eingeleitete Prüfung des Verbands. „Persönlich bin ich über diesen Vorfall mehr als nur entsetzt", sagt er. Das Verhalten und doe Wortwahl hätten mit einem „jugendlichen Fehlverhalten" oder mit der „Euphorie des Aufstiegs" nichts zu tun und könne nicht in Einklang gebracht werden. Das Kreissportgericht und der Verband verurteilen dieses Verhalten aufs Schärfste. „Nichtsdestotrotz sind natürlich die Ermittlungen abzuwarten", sagt er.

Dass es in der Fußballszene bereits Erwägungen gibt, den Verein künftig zu boykottieren, sieht Schickentanz kritisch. Man solle erst mal abwarten, was die Recherchen des Vereins zu den Hintergründen des Vorfalls ergeben. „Wir sollten nicht alle unter Generalverdacht stellen", appelliert er.

Das sagt der Forscher

Wilhelm Heitmeyer (74) ist Professor für Sozialisation am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld. In jüngster Zeit hat er sich unter anderem im Zusammenhang mit dem Tönnies-Skandal und den aktuellen Landtagswahlergebnissen zu Wort gemeldet. „Man muss an allen Ecken und Enden intervenieren", sagt er im MT-Gespräch. Die Rechtsverschiebung sei in der Bundesrepublik unübersehbar, gegen sie und gegen damit einhergehende „Normalisierungsprozesse" müsse mit aller Kraft vorgegangen werden – „gegen alles, was als normal gilt, kann man doch ab einem bestimmten Zeitpunkt sonst nicht mehr vorgehen." Und darum müsse sich die Vereinsspitze auch eindeutig positionieren. „Wenn man das nicht in Holzhausen macht, wo dann?"  mt

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