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Burgdorf Wunder von Lengede: Letzter Überlebender erzählt im Stadtmuseum
Aus der Region Region Hannover Burgdorf Wunder von Lengede: Letzter Überlebender erzählt im Stadtmuseum
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00:16 01.06.2019
Adolf Herbst (rechts) ist der letzte Überlebende des Lengeder Grubenunglücks, alle anderen Geretteten sind inzwischen gestorben. Im Stadtmuseum spricht er mit Ausstellungsmacher Horst Regenthal (links) über die schlimmsten Tage seines Lebens. Quelle: Sandra Köhler
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Burgdorf

Bewegende Begegnung im Burgdorfer Stadtmuseum: Adolf Herbst, der letzte Überlebende des Lengeder Grubenunglücks im Jahr 1963, hat von seiner Rettung aus dem überfluteten Eisenerzbergwerk berichtet. Der damals 20-Jährige gehörte zu den elf Verschütteten, die nach 14 bangen Tagen gerettet werden konnten. Das Ereignis ist als „Wunder von Lengede“ in die Geschichte eingegangen.

Rund 50 Besucher vorwiegend älteren Semesters, viele davon aus Peine, ließen sich am Sonntag die Gelegenheit nicht entgehen, Herbst zuzuhören. Eingeladen hatten ihn die ehrenamtlichen Organisatoren der aktuellen Ausstellung zum Bergbau und zur Erdölförderung in der hiesigen Region, die noch bis zum 16. Juni im Stadtmuseum gezeigt wird.

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Erinnern an die Opfer des Grubenunglücks

„Ich will an die 29 erinnern, die es damals nicht geschafft haben“, sagte der heute 77-jährige Herbst: „Ich habe 50 Jahre mit meiner Familie erleben dürfen. Sie hatten das Glück nicht.“ Deswegen – und wohl auch, um das damals Erlittene für sich selbst zu verarbeiten – erzählt er immer wieder von den wohl schwersten Tagen in seinem Leben. Im Fernsehen, im Rundfunk, in Zeitungsberichten. „Mir war klar: Den willst du für die Ausstellung“, sagte Horst Regenthal vom Museumsteam. Im ersten Anlauf klappte es nicht, Herbst hatte bereits ein Engagement für den NDR.

Rund 50 Besucher im Stadtmuseum hören Adolf Herbst aufmerksam zu. Quelle: Sandra Köhler

Doch am Sonntag war es dann so weit. Hinter sich eine Rettungsbombe, wie die, die ihn seinerzeit aus der allumfassenden Dunkelheit der Bruchhöhle Alter Mann wieder ins Leben beförderte, ließ Herbst die Vergangenheit lebendig werden. 20 Jahre alt war er und mitnichten Bergmann. Als Elektriker sollte der in Hannover wohnende junge Mann am 24. Oktober 1963 lediglich eine Pumpe auf Automatikbetrieb umrüsten. Um am nächsten Tag – für das Wochenende hatte er seine Verlobung geplant – nicht noch einmal einfahren zu müssen, machte er Überstunden. Als die Pumpe gegen 19.30 Uhr lief, hatte die Katastrophe gerade begonnen. Ein Klärteich brach ein, rund 475.000 Kubikmeter Wasser und Schlamm liefen in die Grube Mathilde und überfluteten sie bis zur 60-Meter-Sohle.

„Helfer gaben alles, um uns zu versorgen und zu retten“

Eindrücklich beschrieb Herbst den Besuchern im Stadtmuseum die Flucht vor den Wassermassen. Erzählte, wie er im Dunklen verzweifelt versuchte, den flackernden Grubenlampen der anderen zu folgen. „Ich kannte mich ja nicht aus.“ Er sprach von der Angst, doch noch „elendiglich zu ersaufen“. Von der Erschöpfung, der Dunkelheit und Hilflosigkeit. „Wir bewegten uns wie Maulwürfe in Dreck und Sand.“ Von den Gesprächen, die sich um die Familien oben drehten. Von der Angst, wie zehn der ursprünglich 21 Männer der flüchtenden Gruppe von herabfallendem Gestein erschlagen zu werden. Er redete von der Hoffnung, als nach zehn Tagen ein Bohrer durch die Decke des Hohlraums stieß. Vom Unverständnis und der Enttäuschung, als die Rettungsbohrung bei 40 Metern stoppte und keiner der Eingeschlossenen wusste, warum.

7. November 1963: Adolf Herbst (Mitte) ist aus dem überfluteten Bergwerk gerettet. Helfer des Roten Kreuzes tragen den Entkräfteten. Quelle: Archiv

Herbst erzählte den Zuhörern, die ihm gebannt zuhörten, auch von seiner Dankbarkeit gegenüber allen, die „alles gaben, um uns zu versorgen und zu retten“ – den Helfern an der Oberfläche, aber auch dem Bergmann Bernhard Wolter gegenüber, der alle Eingeschlossenen mit Wasser versorgte. Kraft zum Durchhalten habe ihm vor allem gegeben, dass er sich in Gedanken mit seiner Freundin und seiner jetzigen Frau ausgetauscht habe, sagte Herbst und bekannte, dass er zwar über vieles rede, aber nicht über alles. „In mir gibt es eine Black Box, die ist verschweißt.“ Ob er jemals wieder unter Tage eingefahren sei, wollte ein Zuhörer wissen. „Nein, niemals“, antwortete Herbst. Das habe er nicht gebraucht.

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Von Sandra Köhler

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