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Burgdorf Einkaufen ohne Verpackungsmüll
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00:19 17.10.2018
Kathrin Kirst findet das Warenangebot – alles in schönen Glasbehälter zum Selbstabfüllen präsentiert – sehr ansprechend.
Kathrin Kirst findet das Warenangebot – alles in schönen Glasbehälter zum Selbstabfüllen präsentiert – sehr ansprechend. Quelle: Heine
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Burgdorf

Der Verpackungswahn hat entschlossene Gegner – auch in Burgdorf. Am Sonnabend wurde an der Poststraße das Geschäft Unverpackt Burgdorf eröffnet. Es verzichtet auf Einwegverpackungen und bietet Ware zum Selbstabfüllen an.

Bürgermeister Alfred Baxmann (SPD) war einer der ersten Kunden und wünschte den drei Jungunternehmerinnen Yvonne Hofmann, Lara Hofmann und Jessika Kolumbus viel Erfolg. „Das Konzept, Bioprodukte anzubieten und gleichzeitig Verpackungsabfall zu vermeiden, ist ein Gewinn für unsere Stadt. Wir haben damit etwas, das andere Mittelzentren nicht haben. Es wäre wünschenswert, wenn das Geschäft zur Innenstadtbelebung beitragen könnte“, sagte er. Es sei ein richtiger Ansatz, die Verminderung von Abfall marktwirtschaftlich zu regeln.

Geschmacksprobe für die Kunden am Eröffnungstag: Lara Hofmann (von links) reicht Fabian und Simone Heller, Alfred Baxmann, Carola Lobback und Axel Manthey Häppchen. Quelle: Heine

Fabian Heller (Bündnis 90/Die Grünen), der sich den neuen Unverpackt-Laden ebenfalls anschaute, lobte das neue Angebot. „Ich bin froh, weil damit die Bioladen-Lücke in Burgdorf geschlossen wird und das Thema Plastikvermeidung mehr in den Fokus rückt“, sagte er. Die vom EU-Parlament beschlossene Anti-Plastiktüten-Richtlinie greife zwar – Plastiktüten seien seit 2016 kostenpflichtig und verschwänden nach und nach aus den Läden – aber das könne erst ein Anfang sein. Die Einführung einer Plastiksteuer sei eine Überlegung wert, sagt Heller.

Kundin Sinja Münzberg war von der Vielfalt des Angebotes in Bioqualität angetan und probierte die ladentypische Abfüllmethode gleich aus. Sie füllte ein Glasgefäß mit Tee und machte die Erfahrung, dass es gar nicht so einfach ist, die Menge abzuschätzen, die tatsächlich gebraucht wird. „Im Supermarkt gibt es Standardmengen. Jetzt habe ich die Chance, nur eine kleine Ration zu kaufen und erst einmal zu probieren, ob mir das Lebensmittel überhaupt schmeckt“, stellte sie erfreut fest. Ein bedarfsgerechter Einkauf sei so viel eher möglich.

Sinja Münzberg füllt Tee in ein Glas. Sie überlegt genau, welche sie Menge sie braucht. Quelle: Heine

Jungunternehmerin Jessika Kolumbus nannte einen weiteren Unterschied zum üblichen Einkauf. Mehr Planung sei nötig. Neben der Einkaufsliste müsse ein Gefäßsortiment vorgehalten und mitgebracht werden. Die Behälter werden vor und nach dem Einkauf gewogen, damit das Nettogewicht ermittelt werden kann. Spontankunden können aber auch vor Ort Behältnisse erwerben.

Janek (8) (von links), Henrik (5) und Uschi Schacher kommen aus dem neuen Geschäft an der Poststraße. Sie sind nach eigenen Angaben mit ihren Einkäufen zufrieden. Quelle: Heine

Kundin Kathrin Kirst verschaffte sich einen Überblick über das Sortiment und informierte sich über den Zuckergehalt der getrockneten Früchte mit Schokoüberzug. Das Angebot im unverpackt-bio-Laden, alles in geschmackvollen Glasbehältern mit Zapfhahn, reicht von Kaffee über Reis und Nudeln bis Obst und Gemüse. Tee, Gewürze, Wein und Drogerieartikel sind ebenfalls erhältlich. Der Laden ist montags bis sonnabends ab 9 Uhr geöffnet.

Läden bieten Alternativen aus Stoff und Papier

Der tägliche Kampf gegen die Flut von Plastiktüten ist seit Inkrafttreten der EU-Plastiktütenverordnung auch in Burgdorf spürbar, wie ein kleine Einkaufstour zeigt:

Auf dem Wochenmarkt läuft die Umtauschaktion Plastiktüte gegen Markttasche laut Marktsprecherin Christine Hasenclever nach wie vor gut. Mitte Dezember soll die Initiative bei einem Weihnachtsfest noch einmal beworben werden. Außerdem sei geplant, die Verpackungen für die Marktwaren auf Spezialpapier, das auch bei Nässe nicht durchweicht, umzustellen, kündigt sie. „Die Händler auf dem Burgdorfer Wochenmarkt am Mittwoch und Sonnabend werden sich soweit wie möglich beteiligen“, stellte Hasenclever in Aussicht.

In der Buchhandlung FreyRaum hat sich nach Auskunft von Buchhändlerin Gaby Frey die Ausgabe von Plastiktüten inzwischen um die Hälfte reduziert. „Wir lassen gerade Stofftaschen als Alternative bedrucken“, sagte sie. Bei KiK gibt es seit drei Jahren keine Plastiktüten mehr. Einkäufe können in Stoffbeutel oder Permanent-Tragetaschen aus Polypropylen verpackt werden.

Edeka bietet große Pappkartons, Stofftaschen und Papiertüten zum Transport an. Neu sind wiederverwertbare Obst- und Gemüsebeutel als Gegenangebot zu den dünnen Einwegplastiktüten. Diese sind übrigens – warum auch immer – nicht Teil des Verbots zur Abgabe kostenloser Plastiktüten.

Die EU-Richtlinie, die das Parlament und der Rat im April 2015 beschlossen haben, schreibt den Mitgliedstaaten vor, dass der Verbrauch von Plastiktüten reduziert werden muss – bis Ende 2019 auf maximal 90, bis Ende 2025 auf maximal 40 Stück pro Kopf. Wie die Mitgliedstaaten dieses Ziel erreichen, schreibt die Richtlinie nicht vor. Das erste Ziel erreicht Deutschland mit etwa 70 Tüten pro Kopf und Jahr bereits, heißt es auf der Internetplattform des Umweltbundesamtes. Um den Verbrauch weiter zu senken und auch das langfristige 40-Tüten-Ziel zu erreichen, haben Bundesumweltministerium und der Handel am 26. April 2016 eine Vereinbarung unterzeichnet haben, nach der Plastiktüten nicht mehr kostenlos abgegeben werden. Die Vereinbarung gilt für alle Kunststofftragetaschen mit oder ohne Tragegriff, die in den Märkten erhältlich sind. Keine Plastiktüten im Sinne der Vereinbarung sind Tiefkühltragetaschen, Permanenttragetaschen und sehr leichte Plastiktüten (dünner als 15 Mikrometer) – zum Beispiel für Obst und Gemüse.

 

Von Sybille Heine