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Burgwedel Stolpersteine sollen an 28 tote Säuglinge erinnern
Aus der Region Region Hannover Burgwedel Stolpersteine sollen an 28 tote Säuglinge erinnern
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17:33 09.10.2019
Bürgermeister Axel Düker (von links, mit einem Porträt von Dr. Albert David), Elke Schmitzdorff-Listing vom Kulturamt, Ortsbürgermeister Rolf Fortmüller, Andrea Stroker vom Arbeitskreis Stolpersteine und Michaela Seidel (Öffentlichkeitsarbeit) mit dem Titelblatt des neuen Buches und Stücken, die bei der Ausstellung nach der Stolperstein-Verlegung gezeigt werden. Quelle: Sandra Köhler
Großburgwedel

Ein wichtiger Tag für die Erinnerungskultur in Burgwedel: Während einer Gedenkstunde am Sonnabend, 23. November, 9 Uhr, werden am Rande der Innenstadt 28 Stolpersteine verlegt. Sie sollen an die Säuglinge erinnern, die während der NS-Zeit als Kinder osteuropäischer Zwangsarbeiterinnen mitten im Ort im sogenannten Polenheim verhungerten. Im Anschluss wird im Rathaus ab 11 Uhr eine Publikation vorgestellt, die die Schicksale der Opfer des Nationalsozialismus in Burgwedel beschreibt. Zusätzlich gibt es bis Dezember eine Ausstellung mit Gegenständen aus dem Umfeld des jüdischen Arztes Dr. Albert David zu sehen. Für ihn war im Juni 2015 der erste und bisher einzige Stolperstein in Großburgwedel verlegt worden.

Ab November sollen in Großburgwedel 28 neue Stolpersteine an Babys osteuropäischer Zwangsarbeiterinnen erinnern, die im Winter 1944/1945 zu Tode kamen.

„Wir haben das Sterberegister durchgeschaut und sind auf einen Säugling gestoßen. Und dann auf noch einen und noch einen. 28 insgesamt. So ist das alles ins Rollen gekommen“, erinnert sich Andrea Stroker. Bei der Erinnerung an die grauenvolle Entdeckung erschaudert die Ordnungsamtsleiterin, die auch Mitglied im Burgwedeler Arbeitskreis Stolpersteine ist, sichtlich. Auch Elke Schmitzdorff-Listing vom städtischen Kulturamt lässt das Schicksal der Kinder nicht kalt: „Gerade als Mutter trifft einen das tief. Die Frauen waren als Zwangsarbeiterinnen auf Bauernhöfen in der Nähe eingesetzt. Sie konnten ihren Kindern nicht helfen, sie wahrscheinlich nicht einmal besuchen.“

Beide Frauen sind sich einig: Schicksale aus dem eigenen Ort machen deutlich betroffener als Gräueltaten, die irgendwo anders begangen wurden. „Es sind eben Menschen, nicht nur Fälle“, sagt Ortsbürgermeister Rolf Fortmüller, Vorsitzender des Arbeitskreises, nachdenklich. Er ist überzeugt: „Die Veranstaltung wird sehr würdevoll werden. Und es wird so manche Träne fließen.“

Jeder tote Säugling bekommt eigenen Stolperstein

Viktor Bulyga, Ryszard Calik, Karolina Michalska ...: Jedes der Babys – manche waren nur wenige Wochen alt, das älteste ein halbes Jahr – bekommt einen eigenen Stolperstein, verlegt vom Bildhauer und Erfinder des Projekts, Gunter Demnig. Damit werden ihre Schicksale sichtbar.

Und zwar in unmittelbarer Nähe des Ortes, an dem sie starben: der von der Kreisbauernschaft betriebenen sogenannten Ausländerkinder-Pflegestätte, einer Scheune mit der Adresse Im Mitteldorf 9. Platziert werden die Stolpersteine deshalb auf dem Fußweg der Straße Im Mitteldorf, zwischen den Hausnummern 7 und 9 nahe der heutigen Grundschule. Im Durchschnitt hätten die Kinder, die ihren Müttern wenige Tage nach der Geburt weggenommen wurden, ohne Muttermilch und Wärme lediglich zwei Monate überlebt, sagt Stroker. Danach wurden sie auf dem Friedhof an der Thönser Straße an unbekannter Stelle begraben.

Den Opfern des NS-Regimes wieder zu ihren Namen und ihrer Geschichte zu verhelfen, habe eine Menge Recherche, Quellenarbeit und Archivbesuche nötig gemacht, sagt Bürgermeister Axel Düker. Da das den Rahmen ehrenamtlicher Arbeit gesprengt hätte, hatte die Stadt die Historikerin Irmtraud Heike und den Journalisten Jürgen Zimmer damit beauftragt. Beide haben viel herausgefunden und das in einem Buch aufgeschrieben, das nach der Stolpersteinverlegung im Rathaus präsentiert wird. Ein Buch, das sich Düker zufolge „gut lesen lässt und auch dafür geeignet ist, dass sich Schüler von der siebten Klasse bis in die Oberstufe in die Lokalgeschichte vertiefen“.

Das Buch „Geraubte Leben. Spurensuche: Burgwedel während der NS-Zeit“ arbeitet Stadtgeschichte und Schicksale auf. Quelle: privat

Ausstellung mit zeitgeschichtlichen Exponaten im Rathaus

Noch sind keine konkreten Projekte mit Schulen dazu geplant, und doch werden Schüler des Gymnasiums und der Oberschule bei der Stolpersteinverlegung dabei sein. Sie werden die Namen der Babys verlesen, soweit diese bekannt sind. „Von vier haben wir keinen, von einem nur den Nachnamen“, sagt Stroker. Damit die Namen der anderen neben dem Geburts- und Sterbedatum auch korrekt auf den Stolpersteinen zu lesen sind, hatte die Stadtverwaltung viele Beglaubigungen ausgestellt: als Legitimation, um etwa in Polen, Russland und der Ukraine weiterzuforschen. Die Mühe hat sich gelohnt, Heike und Zimmer haben Verwandte ehemaliger Zwangsarbeiterinnen sowie die original Sterbeurkunden der Babys gefunden. „Jürgen Zimmer hat viele Gespräche mit Zeitzeugen geführt“, sagt Düker.

Im Zuge der Recherchen sind auch Gegenstände aus dem Umfeld des jüdischen Arztes Dr. Albert David aus Burgwedel aufgetaucht, der 1940 angesichts der anrückenden Gestapo den Freitod wählte: ein Buch mit Widmung, sein Testament und ein von ihm genutztes Inhalationsgerät. Diese Dinge werden nach der Stolpersteinverlegung bis Dezember im ersten Stock des Rathauses zu sehen sein. Übrigens ist auch ein Dokument dabei, das an die verstorbenen Säuglinge erinnert: eine Rechnung über drei Kindersärge, gerichtet an die Gemeinde Burgwedel.

Eine Rechnung der Burgwedeler Tischlerei Münchenhagen über drei Kindersäge für das sogenannte Polenheim, gerichtet an die Gemeinde Burgwedel. Quelle: Repro Martin Lauber

Noch werden Paten für neun Stolpersteine gesucht

Mit der Verlegung der Stolpersteine am 23. November sei die Arbeit des Arbeitskreises abgeschlossen, sagt Fortmüller. Weitere Stolpersteine werden nicht folgen. Nicht, weil das Gedenken an andere Opfer der NS-Zeit – Sinti und Roma, Menschen mit Behinderung und KZ-Häftlinge auf ihrem Todesmarsch nach Bergen-Belsen – nicht wichtig sei, sondern weil diese schlicht nicht ihren letzten Wohnsitz in Burgwedel hatten, wie es das Projekt vorsieht. Ihrer wird aber an anderer Stelle gedacht: auf einer Gedenktafel an der Pestalozzi-Stiftung etwa oder mit dem Mahnmal auf dem Großburgwedeler Friedhof.

Bereits im Zuge der Verlegung des ersten Stolpersteins hatten sich zahlreiche Paten für weitere Steine gefunden. 120 Euro schlagen für jedes Exemplar zu Buche, neun sind noch zu vergeben. Welche genau, ist auf der Internetseite www.burgwedel.de aufgelistet.

Buch beschreibt Burgwedel in der NS-Zeit

„Geraubte Leben. Spurensuche: Burgwedel während der NS-Zeit“: In diesem Buch stellen die Autoren Irmtraud Heike und Jürgen Zimmer die Ergebnisse ihrer Recherchen zu einem düsteren Kapitel der Geschichte Burgwedels zusammen. Im Fokus stehen Schicksale, die betroffen machen. Es geht um den jüdischen Landarzt Dr. Albert David, in Auschwitz ermordete Sinti, eine 17-Jährige aus der Pestalozzi-Stiftung und die 28 Säuglinge, für die nun die Stolpersteine verlegt werden. Das Buch erscheint im November als Hardcover im VSA-Verlag Hamburg und kostet 19,80 Euro. Die erste Auflage umfasst 800 Exemplare. Die ISBN lautet 978-3-96488-038-3. Bestellungen sind bereits im Buchhandel sowie über die Internetseite des Verlages auf www.vsa-verlag.de/nc/buecher/detail/artikel/geraubte-leben möglich.

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