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Garbsen Für Hartz-IV-Empfänger wird es am Kronsberg eng
Aus der Region Region Hannover Garbsen Für Hartz-IV-Empfänger wird es am Kronsberg eng
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00:19 29.03.2019
Vonovia modernisiert seine Wohnungen auf dem Kronsberg in Berenbostel, die Mieten steigen deutlich. Quelle: Sebastian Stein
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Berenbostel

Viele Menschen auf dem Kronsberg trifft die Mieterhöhungen durch Modernisierungen bei Vonovia besonders hart. Das liegt vor allem am Charakter des Quartiers, der sich deutlich vom Rest der Stadt Garbsen abgrenzt. Hier leben überdurchschnittlich viele Hartz-IV-Empfänger, Menschen mit Migrationshintergrund und Geringverdiener. Über deren Probleme weiß Kathrin Osterwald Bescheid.

Als Leiterin des Sozialprojektes Neuland ist sie die erste Anlaufstelle für die Kronsberg-Bewohner. Bislang sei ihr noch keine Familie bekannt, die wegen der Mieterhöhungen hätte ausziehen müssen. Das bestätigt auf Nachfrage sowohl die Stadtverwaltung als auch der Vermieter Vonovia.

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Vonovia-Mieten übertreffen Obergrenze des Jobcenters

Durch die steigenden Mieten stehen viele nichtsdestotrotz unter Druck, eine neue Wohnung suchen zu müssen, erklärt Hartmut Berg vom Jobcenter Garbsen. Denn die neuen Vonovia-Mieten überträfen häufig die Obergrenze, die Hartz-IV-Empfänger für ihre Wohnungsmiete einzuhalten haben. In Garbsen liegt diese für eine Wohnung für drei Personen bis 75 Quadratmeter bei 517 Euro kalt. Vonovia verlangt für eine vergleichbares Objekt aktuell 570 Euro. Wenn die Bewohner trotzdem dort bleiben wollen, müssen sie nachweisen, dass sie keine günstigere Wohnung finden.

Dieses Problem hat Ramona Welke (Name von der Redaktion geändert). „Die Stadt Garbsen hat mich aufgefordert, innerhalb eines halben Jahres eine günstigere Wohnung zu finden. Die Miete für unsere jetzige Wohnung sei nicht mehr angemessen“, schreibt sie. Sie habe nach dieser Wohnung schon zwei Jahre lang suchen müssen. Jetzt beginne die Suche nach einer bezahlbaren und bewohnbaren Wohnung von vorn. „Die Mieter stehen permanent unter Druck, das Damoklesschwert des Auszuges bleibt“, erklärt Berg vom Jobcenter.

Keine Sozialwohnungen bei aktuellen Bauprojekten

Dass bislang auf dem Kronsberg niemand ausziehen musste, liegt mitunter also am Mangel an günstigerem sozialen Wohnraum in Garbsen. Für Berg ist klar, dass die Stadt dafür verantwortlich ist, neue Sozialwohnungen zu bauen oder bauen zu lassen. Bei aktuellen Bauprojekten in Garbsen wie an der Europaallee, am Bosse-See oder im Klüterfeld in Frielingen ist jedoch keine Quote für sozialen Wohnungsbau vorgesehen. Das sei auch nicht überall so einfach umsetzbar, sagt Stadtsprecher Benjamin Irvin. Zudem wolle die Stadt im Bauvorhaben Berenbostel Ost 2020 einen nennenswerten Teil an sozialem Wohnungsbau planen. Mit wie vielen Wohnungen und wann genau damit zu rechnen ist, ist derzeit aber noch unklar.

Schon 2018 hatte die Garbsener SPD die Befürchtung geäußert, dass bestimmte Mietergruppen vom Kronsberg verdrängt werden. Im Raum steht daher auch die Frage, inwiefern die Veränderung in der Kronsberg-Bevölkerung durch steigende Mieten politisch gewollt ist, um soziale Probleme im Stadtteil zu lösen. Vonovia-Sprecher Matthias Wulff stellt jedenfalls klar: „Wir möchten, dass die Mieter bei uns wohnen bleiben.“ Die Sanierung auf dem Kronsberg geht allerdings nicht ausschließlich auf die Kappe des Unternehmens, sondern liegt auch am Projekt Soziale Stadt.

 2014 wurde das Quartier in das Städtebauförderprogramm aufgenommen, um die Wohn- und Lebensbedingungen für alle Bewohner in dem als benachteiligt angesehenen Stadtteil zu verbessern. Wegen der steigenden Mieten werden davon über kurz oder lang aber nicht alle aktuellen Bewohner des Quartiers profitieren. Eine von der Stadt Garbsen in Auftrag gegebene Untersuchung aus dem Jahr 2012 prognostizierte nämlich: „Bei Sanierung wird dagegen davon ausgegangen, dass sich soziale Probleme erheblich reduzieren lassen, indem wieder eine stärkere Mischung der Bevölkerungsstruktur erfolgt“ – also einkommensstärkere Gruppen zuziehen. Eine solche Durchmischung der Struktur habe schon etwas Gutes, sagt Osterwald vom Sozialprojekt Neuland. Aber dann müsste es als Ausgleich für finanzschwache Gruppen woanders günstigen Wohnraum geben.

Von Sebastian Stein