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Garbsen Ärztin aus Garbsen: „Wir hatten so gut wie keinen Covid-19-Patienten“
Aus der Region Region Hannover Garbsen

Corona: Hausärztinnen in Garbsen kehren langsam in Praxis-Alltag zurück

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18:50 19.07.2020
Die Lage in der Gemeinschaftspraxis von Dr. Ines Polley (links) und Dr. Anja Seidel normalisiert sich wieder. Wegen Corona sind weniger Patienten in die Praxis gekommen. Quelle: Anke Lütjens
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Garbsen-Mitte

In der Hochzeit der Corona-Krise haben wir mit den Hausärztinnen Dr. Anja Seidel und Dr. Ines Polley gesprochen und gefragt, wie es wegen der Pandemie in ihrer Praxis im Shopping-Plaza aussah. Sie hatten berichtet, dass sie in der Krise weniger Patienten als sonst haben. Und jetzt? Wir haben erneut mit Dr. Seidel gesprochen.

Guten Tag, Frau Dr. Seidel. Garbsen hat laut der jüngsten Statistik der Region Hannover mittlerweile keine mit Covid-19 Infizierten mehr. Wie macht sich das in ihrer Hausarztpraxis bemerkbar?

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Wir sind wieder im normalen Praxis-Alltag angekommen und stellen einen Nachholbedarf fest. Die Menschen kommen verstärkt in die Praxis. Wir bieten zu den üblichen Sprechzeiten wieder alle Leistungen einer Hausarztpraxis an. Dazu gehören die Behandlung akut und chronisch Erkrankter, Impfberatung und Impfungen, aber auch Gesundheits- und Kontrolluntersuchungen bei chronischen Erkrankungen wie Diabetes oder Asthma. Auch Akupunktur läuft wieder ohne Einschränkungen.

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Haben Sie wegen Corona Veränderungen an ihren Patienten festgestellt?

Bei labilen oder ängstlichen Patienten haben sich psychische und psychosomatische Erkrankungen verstärkt. Teils führen wir das auch auf die überwiegend aufs Negative gerichtete Berichterstattung in den Medien zurück. Dabei ist die Zahl der Menschen, die in Deutschland am Coronavirus verstorben sind, im Vergleich zu anderen Ländern relativ gering. Es sollte auch auf diesen sehr positiven Aspekt der Pandemie in Deutschland geschaut und positiv nach vorn gesehen werden.

Wie geht’s (weiter), Garbsen?

Seit Beginn der Corona-Krise haben wir über viele Menschen in Garbsen berichtet: Etwa darüber, welche Verluste Geschäftsleute zu beklagen haben. Oder darüber, wie Eltern zurechtkommen, deren Kinder nicht in die Schule oder die Kita gehen dürfen. Jetzt, einige Wochen später, haben wir einige von ihnen erneut besucht. Wir wollten wissen: Wie ist es ihnen in der Zwischenzeit ergangen?

Wie erklären Sie sich den Rückgang der Patientenzahlen, auch von chronisch kranken Menschen, in ihrer Praxis im April?

Einige sind nicht gekommen, weil sie uns nicht zusätzlich belasten wollten. Sie dachten wohl, wir hätten alle Hände voll zu tun mit Covid-19-Patienten. Andere hatten aber auch Angst, sich in der Praxis anzustecken. Wir hatten aber so gut wie keinen Covid-19-Patienten. Außerdem gab es auch weniger Patienten mit Erkältungen.

Wie erklären Sie sich das?

Die Kontaktbeschränkungen, Abstands- und Hygieneregeln wirken sich nicht nur auf die Verbreitung der Coronaviren, sondern auch auf die Verbreitung aller Erkältungsviren positiv aus. Mit der durchaus sinnvollen Pflicht zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes treten alle Arten von Infekten in deutlich reduzierter Fallzahl auf. Die wenigen Patienten, die sich mit Husten, Fieber, Schnupfen oder Halsschmerzen telefonisch nach einem Termin erkundigen, bestellen wir kurzfristig immer so in die Sprechstunde ein, dass sie nicht mit anderen Patienten in Kontakt kommen.

Wie schützen sie sich selbst?

Bei diesen Patienten machen wir dann in der entsprechenden Schutzausrüstung einen Rachen-Nasen-Abstrich auf SARS-CoV2. Seit Langem sind aber alle Abstriche negativ.

Welche Hygienemaßnahmen werden in der Praxis umgesetzt?

Wie es üblich ist, bitten wir alle Patienten, die Praxis nur mit einem Mund-Nasen-Schutz zu betreten. Im Eingangsbereich steht ein Spender mit Desinfektionsmittel, den jeder benutzen soll. Im Wartezimmer darf nur jeder zweite Stuhl besetzt werden. Mit unserer Terminsprechstunde versuchen wir, Wartezeiten so kurz wie möglich zu halten. Alle Flächen und Türdrücker werden regelmäßig desinfiziert.

Was raten Sie ihren Patienten im Hinblick auf Infektionen besonders?

Wir raten dringend zu einer Pneumokokken-Impfung bei allen Patienten über 60 Jahren und bei Risikopatienten. Außerdem empfehlen wir allen Patienten, sich im Herbst gegen Grippe impfen zu lassen. Egal, welches Alter, ob chronisch krank oder gesund. Es soll verhindert werden, dass Patienten sich parallel mit Corona- und Influenzaviren anstecken. Neben dem Einhalten der bekannten Hygieneregeln raten wir aus naturheilkundlicher Sicht auch zur vorbeugenden Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln wie Zink und Vitamin C, Vitamin D, Omega-3-Fettsäuren und Probiotika wie zum Beispiel Milchsäurebakterien.

Was denken Sie, wie sich die Pandemie-Situation zukünftig entwickelt?

Das ist natürlich schwer abzuschätzen. Wir müssen abwarten, ob die Fallzahlen beispielsweise durch rückkehrende Urlauber wieder ansteigen. Denkbar ist auch, dass wir wieder mehr Infizierte in Deutschland bekommen werden, dass aber die Schwere der Infektionen rückläufig ist. Es ist zum Beispiel möglich, dass die Coronaviren durch Mutation deutlich seltener zu schweren Lungenentzündungen oder zum Tod führen. Dann laufen sie möglicherweise als Infektion im Nasen-Rachenbereich wie ein grippaler Infekt ab. Und damit würde eine Corona-Infektion auch ihren Schrecken verlieren.

Zu den Personen

Seit 15 Jahren betreiben die beiden Ärztinnen Dr. Anja Seidel und Dr. Ines Polley ihre Gemeinschaftspraxis im Shopping Plaza in Garbsen-Mitte. Beide sind Fachärztinnen für Allgemeinmedizin und zudem spezialisiert für Naturheilverfahren und Akupunktur. Ende April hatten sie erzählt, dass seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie die Zahl der Patienten um ein Drittel eingebrochen sei. Damals rieten sie dazu Kontrolltermine dringend einzuhalten. aln

Von Anke Lütjens