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Garbsen 400.000 Pakete, 900 Lkw am Tag: Wie es ist, direkt neben Amazon zu wohnen
Aus der Region Region Hannover Garbsen 400.000 Pakete, 900 Lkw am Tag: Wie es ist, direkt neben Amazon zu wohnen
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10:33 07.12.2019
„Man kann Amazon nicht verteufeln“: Während die Stadtverwaltung mit der Ansiedlung sehr zufrieden ist, stört viele Anwohner in Schloß Ricklingen der Verkehr. Quelle: Samantha Franson (Archiv)
Garbsen

Auf der Autobahnabfahrt der A2 Richtung Garbsen nimmt der Verkehr in diesen Tagen deutlich zu. Das Weihnachtsgeschäft beginnt – und anstatt 200.000 werden im Amazon-Sortierzentrum an Spitzentagen bis zu 400.000 Pakete vom Band gehen – an nur einem Tag. Der Verkehr kann dadurch laut Angaben des Unternehmens auf 500 bis zu 900 Lkw-Fahrten pro Tag zunehmen. Auch die Zahl der aktuell 300 Mitarbeiter wird um hunderte Saisonkräfte verstärkt.

Es ist das zweite Weihnachtsfest, an dem Lieferungen des Onlinehändlers ihren Weg über Garbsen nehmen. Vor knapp einem Jahr hat das Zentrum seinen Betrieb aufgenommen. Im März dieses Jahres wurde die offizielle Eröffnung gefeiert.

Verkehr im Ort hat zugenommen

Im Rathaus ist man mit der Ansiedlung des Sortierzentrums sehr zufrieden: „Alles hat reibungslos funktioniert“, sagt Bürgermeister Christian Grahl. Garbsen profitiere von zahlreichen neuen Arbeitsplätzen in einer wachsenden Branche. „Rund 90 Prozent der neu eingestellten Mitarbeiter kommen aus der Region Hannover“, sagt Grahl. 20 Prozent der knapp 300 Mitarbeiter kommen sogar aus Garbsen.

Für viele Anwohner in Schloß Ricklingen ist der neue Arbeitgeber allerdings ein eher ungeliebter Nachbar. Schon im Vorfeld hatten sie ihre Bedenken über zunehmenden Verkehr durch ihren Ort geäußert. Das scheint sich – in Teilen – zu bewahrheiten: „Amazon-Lastwagen, die Staus auf der A2 umfahren wollten, verirren sich im Ort und verstopfen beim Rangieren die Straßen“, ist immer wieder aus Schloß Ricklingen zu hören. Fotos, die solche Szenen beschreiben, liegen auch dieser Redaktion vor. Anwohner Heinrich Baumgarten berichtet von regelmäßigem ungebetenen Besuch von Lastwagenfahren, die Lieferungen zum Sortierzentrum bringen wollen und den Weg nicht kennen.

Ende April haben sich zwei DHL-Lieferwagen nach Schloß Ricklingen verirrt, beobachtet Anwohner Heinrich Baumgarten. Quelle: privat

Beschilderung reicht aus

„Man kann Amazon nicht verteufeln“, sagt Björn Tegtmeier. Die meisten Menschen hätten dort schon einmal bestellt. Tegtmeier wohnt in Schloß Ricklingen an der Burgstraße – also genau dort, wo die meisten Beschwerden über das Sortierzentrum des Onlinehändlers herkommen.

Er sieht die Entwicklung nicht so dramatisch: „Ja, der Verkehr von Amazon ist wahrnehmbar“, sagt er. Die vielen Autos auf der Hauptstraße seien allerdings ein viel älteres Problem: „Es kann nicht nur an Amazon liegen.“ Außerdem sei die Beschilderung ausreichend, die darauf hinweist, dass eine Durchfahrt durch Schloß Ricklingen für Lkw mit mehr als 7,5 Tonnen verboten ist.

Amazon-Verkehr zwischen Garbsen und Wunstorf

Täglich werden vom Sortierzentrum Garbsen auch Pakete ins neue Verteilzentrum nach Wunstorf-Luthe gesendet. Dadurch würden Bestellungen auch schneller beim Kunden landen, sagt Amazon-Sprecherin Nadiya Lubnina. Nach Garbsen kommen Sendungen aus anderen Amazon-Logistikstandorten in Europa. Im Sortierzentrum werden sie nach Zustellgebieten sortiert und im Anschluss per Lastwagen zu regionalen Verteilzentren – wie in Wunstorf – transportiert. Von dort aus erfolgt der letzte Schritt: die Zustellung an die Kunden. ton

 „Aus Schloß Ricklingen liegt uns lediglich eine Anwohnerbeschwerde vor, seitdem die Von-Woyna-Brücke auf Initiative der Stadt für den Lkw-Verkehr gesperrt wurde“, sagt Stadtsprecher Benjamin Irvin.

„Lkw-Verkehr ist gut organisiert“

Amazon selbst sind eigenen Angaben zufolge keine Probleme bekannt: „Wir konnten den Lkw-Verkehr gut organisieren“, sagt Amazon-Sprecherin Nadiya Lubnina. „Unseren Lieferpartnern teilen wir die direkte Route von der Autobahn mit.“ Man höre allerdings zu, wenn sich jemand mit einem Anliegen melde, sagt die Sprecherin. „Wir werden uns kümmern, sollte es trotzdem unnötigen Verkehr über Schloß Ricklingen geben.“

An normalen Tagen zähle man knapp 300 Lkw-Fahrten, heißt es von Amazon. Es seien Sieben-Meter-Trucks und 13,6-Meter-Trucks im Einsatz. Sprinter, wie es einige Anwohner vermuten, würden für den Transport der Pakete nicht genutzt.

Stadt kündigt Verkehrszählung an

Nachdem nun das neue Amazon-Verteilzentrum in Wunstorf-Luthe in Betrieb genommen wurde, werde die Verwaltung eine aktuelle Verkehrszählung nach Pkw und Lkw in Auftrag geben, kündigt Stadtsprecher Irvin an. Dann werde man schauen, ob reagiert werden müsse und sich entsprechend mit der Polizei abstimmen.

Anwohner Tegtmeier hält das für dringend nötig – vor allem, nachdem eine Tempo-30-Zone für die Ortsdurchfahrt abgelehnt wurde. Es gäbe nicht nur viel Verkehr, die Autos würden auch mit hohen Geschwindigkeiten fahren. „Eine stationäre Blitzanlage könnte der Anfang sein. Außerdem könnte man die Straße verengen“, erklärt Tegtmeier.

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Von Linda Tonn

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