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Garbsen Amazon-Abend: Mehr Fragen als Antworten
Aus der Region Region Hannover Garbsen Amazon-Abend: Mehr Fragen als Antworten
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00:17 10.08.2018
2400 Fahrzeuge pro Tag: Durch die Ansiedlung von Amazon an der Burgstraße nimmt der Verkehr deutlich zu. Quelle: Krüger Consult
Schloß Ricklingen/Garbsen-Mitte

Der Abend soll Klarheit bringen. Zahlen und Fakten. Beruhigung in eine aufkommende Debatte über verstopfte Straßen, überlastete Stadtteile und Lkw-Ströme zum Amazon-Gelände. Doch nach mehr als zwei Stunden hitziger Diskussionen im ebenso hitzigen Ratssaal muss sich Stadtbaurat Frank Hauke eingestehen, dass er doch nicht – wie angekündigt – „alle Fragen beantworten“ kann. Statt Punkt für Punkt seine Agenda abzuarbeiten, muss er kapitulieren: „Wir bleiben beim chaotischen System. Wer hat eine Frage?“, ruft er am Dienstagabend in den vollbesetzten Ratssaal.

Präsentationstermin wurde vorgezogen

Die Stadt hat eingeladen, um über den Verkehr rund um Amazon zu sprechen. Und Bürger aus Garbsen, Neustadt, Wunstorf und Seelze sind gekommen – mit vielen Fragen im Gepäck. Besonders stark vertreten sind Anwohner aus Schloß Ricklingen, Altgarbsen und dem benachbarten Luthe. Was sagt der Gutachter über die Belastung vor ihrer Haustür? Ist Amazon mit mehr als 1000 Mitarbeitern zu groß für Garbsens Verkehrsnetz?

Die Baum Unternehmensgruppe, Bauherr des Sortierzentrums, hat eine Analyse in Auftrag geben. Eigentlich wollte die Stadt Garbsen die Ergebnisse nur in kleinem Rahmen im Ortsrat Horst vorstellen. Wegen des „großen öffentlichen Interesses“, wie Bürgermeister Christian Grahl es formulierte, hat man den Termin vorgezogen und den Ratssaal für die große Diskussion geöffnet.

„Wir werden aber auch über die Sicherheit an der Burgstraße, über den überregionalen Verkehr auf der A2 und das Nadelöhr Von-Woyna-Brücke und K322 sprechen“, kündigt Hauke seinen Fahrplan für den Abend an. „Das Thema Verkehr bewegt uns an vielen Stellen.“ Wie konkret Amazon die Verkehrsströme auf Gutenbergstraße, Burgstraße, A2-Auffahrt, Alte Ricklinger Straße bis hin zur Meyenfelder Straße verändern wird, zeigt Ingenieur Thomas Müller vom Ingenieurbüro Schubert aus Hannover. Er hat die 20-Seiten-Analyse geschrieben.

Insgesamt 2400 Fahrten am Tag

Zum Amazon-Gelände werden täglich nicht nur die Lieferungen rollen, sondern auch die Autos der Mitarbeiter, die in fünf Schichten arbeiten – an sechs Tagen in der Woche, auch in den Nachtstunden. Spitzenzeiten liegen zwischen 7.30 und 8.30 Uhr sowie 17 und 18 Uhr. Man gehe insgesamt von etwa 1900 Pkw-Fahrten am Tag aus, sagt Müller. Die Zahl der An- und Abfahrten der Amazon-Mitarbeiter sei allerdings sehr hoch angesetzt. „Es soll eine gute ÖPNV-Erschließung erfolgen. Das sorgt dafür, dass sich die Fahrten reduzieren.“ Auch der Einsatz von Shuttlebussen sei denkbar.

Auffallend still wird es bei den Zahlen für den Lkw-Verkehr. Sie bereiten den Anwohnern besonders viele Bauchschmerzen. Amazon hat sie zusammengestellt. „An durchschnittlichen Werktagen rechnet man mit 300 Lkw-Fahrten am Tag“, sagt Müller. 150 Fahrten zum Gelände hin, 150 Fahrten von der Burgstraße weg. In der Vorweihnachtszeit steige die Zahl auf etwa 500, an den beiden absoluten Spitzentagen vor Weihnachten auf 900. Müller hat im Gutachten durchgehend mit der Zahl 500 gerechnet. „In Summe berücksichtigen wir 500 Lkw- und 1900 Pkw-Fahrten pro Tag“, sagt Müller. Das ergebe insgesamt 2400 Kfz-Fahrten an jedem Tag.

Fazit: Straßennetz reicht aus

Schaubilder machen sichtbar, an welchen Straßen die Belastung am meisten zunimmt: Besonders tief rot leuchten die Burgstraße, die Gutenbergstraße, die Alte Ricklinger Straße und die Auf- und Abfahrten der A2. Darauf werden sich die Lkw-Ströme nach Prognosen der Gutachter verteilen. Nur wenige zusätzliche Fahrten werden Richtung Schloß Ricklingen, in und um Altgarbsen berechnet. „Lkw werden das keine sein“, sagt Müller. Die Mitarbeiter müssten aber auch irgendwo herkommen. Das Gutachten kommt zu dem Schluss, dass der Verkehr zwar deutlich zunehme, aber ohne weiteres von den bestehenden Straßes aufgenommen werden könne. „Natürlich sind die Anschlussstellen und auch Knotenpunkte wie der Gutenbergkreisel stärker belastet“, sagt Müller. „Ihre Leistungsfähigkeit ist aber noch ausreichend.“ Ein besseres Netz aus Shuttlebussen und ÖPNV könne die Belastung reduzieren.

Ein Abend voller Lehren

Bei Thema Verkehr gibt es keine einfachen Fragen, die sich Punkt für Punkt abarbeiten ließen. Vieles hängt miteinander zusammen. Das musste Stadtbaurat Frank Hauke am Dienstagabend erfahren. Fragen und Forderungen prasselten auf ihn ein – aus allen Richtungen und zu vielen Problemen. Sein Abendfahrplan sollte Struktur schaffen, aber Hauke verlor die Regie.

Die Ansiedlung von Amazon ist für viele Garbsener, aber auch auch die Bewohner der umliegenden Kommunen der bekannte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Amazon macht sichtbar, wie viel beim Thema Verkehr im Argen liegt. Hunderte Lastwagen sollen ab Oktober zusätzlich rollen. Und plötzlich vermischen sich die lokale Sorgen in Schloß Ricklingen, Luthe, Dedensen und Neustadt zu einem großen Ganzen.

Das Problem heißt längst nicht nur Amazon, sondern vor allem A2. Zu lange haben die Kommunen nur auf ihre eigenen Probleme geschaut und den Blick über den Tellerrand hinaus vermissen lassen. Deshalb ist die Initiative von Garbsens Bürgermeister Christian Grahl und Wunstorfs Bürgermeister Rolf-Axel Eberhardt richtig. Im großen Kreis wollen sie mit Bürgermeistern aus Seelze, Neustadt, mit Polizei, Region und Land über die Staulage auf der A2 sprechen und nach Lösungen suchen. Die Offensive kommt reichlich spät. Und dass der Amazon-Verkehr bei Stau auf der A2 nicht einmal angedacht worden ist, ist ein Defizit. Die Ingenieure hätten das leisten können, sie haben alle Zahlen. Aber es stand nicht im Baum-Auftrag.

Der Unmut der Anwohner, die jahrelang mit Lärm, verstopften Straßen und gefährlichen Verkehrssituationen allein gelassen wurden, ist nachvollziehbar. Die Stadt kann aus dem Abend einige Lehren ziehen – und sollte das auch tun. Beim Thema Verkehr muss zusammen gearbeitet werden. Und diese Zusammenarbeit muss kontinuierlich, sichtbar und mit Bürgerbeteiligung passieren.

„Unaufgeregt“ und „ernüchternd“ nennt Hauke die präsentierten Zahlen. Doch die meisten Bürger, darunter auch politische Vertreter aus Seelze, Wunstorf und Neustadt, geben sich mit diesen Ergebnissen nicht zufrieden. Ihre Kritik: Bei Stau auf der A2 weicht der Verkehr auf Umleitungsstrecken über Luthe, Schloß Ricklingen bis nach Neustadt aus. Auch in Seelze sind Unfälle und Sperrungen unmittelbar zu spüren. „Das Gutachten ist nicht allumfassend“, meint Uwe-Karsten Bartling, Mitglied im Ortsrat Luthe. Es blende die A2 komplett aus. „Jeder, der sich auf der Autobahn bewegt, weiß doch, was los ist.“ „Über einzelne Ortsteile kann und darf der Verkehr nicht geführt werden“, sagt Hauke. Bei einem Runden Tisch zur A2 werde man gemeinsam mit den Kommunen, der Region und der Landesbehörde für Straßenbau nach Lösungen für die Verkehrsführung bei Stau suchen. „Wir können die Probleme nur zusammen lösen“, sagt Hauke mehrfach.

"Wir bleiben beim chaotischen System": Stadtbaurat Frank Hauke führt durch den Abend. Quelle: Linda Tonn

Ruhe bringt Hauke mit solchen Ankündigungen nicht in die aufgeheizte Stimmung: Das sei doch alles eine Alibi-Veranstaltung, mit der man beruhigt werden soll, ist zu hören. „Die Probleme sind alle alt“, sagt Nabu-Chef und Anlieger Waldemar Wachtel aus Altgarbsen. „Man hätte viel früher diskutieren müssen. Doch es passiert nichts.“ Birgit Triebenbacher sieht Garbsen vor dem Kollaps: „Irgendwann sind die Straßen kaputt gefahren und was dann?“ Und so endet der Abend nach mehr als dreistündiger Diskussion mit mehr Fragen als Antworten.

Das sagen die Bürger zur Veranstaltung

„Es ist irrsinnig, einen Abend anzusetzen, um alle Probleme zu diskutieren.“ Rüdiger Hergt, Wunstorf

„Die Veranstaltung hätte nicht stattgefunden, wenn die Bürger nicht gefordert hätten, dass das Gutachten auf den Tisch kommt.“ Heinrich Aller, Seelze

„Das Thema Verkehr betrifft uns alle. Wenn wir uns an einen Tisch setzen, können wir das lösen.“ Peter Hahne, Meyenfeld

„Wenn es um Verkehr geht, braucht man kein Gutachten. Man muss einfach mal die Menschen fragen.“ Iris Klaßen, Garbsen

„Ich wünsche mir, dass sich die Region endlich einmischt und wir über konkrete Maßnahmen reden können.“ Rolf-Joachim Hoch, Wunstorf

Von Linda Tonn

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