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Garbsen Traditionsbäckerei Marquardt fehlen die Kunden vor Ort
Aus der Region Region Hannover Garbsen Traditionsbäckerei Marquardt fehlen die Kunden vor Ort
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00:16 28.03.2019
"Wenn die Backstube hier nicht wäre, hätte ich in Garbsen schon geschlossen": Seit 1993 führt Thomas Marquardt die Bäckerei. Quelle: Linda Tonn
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Schloß Ricklingen

Thomas Marquardt hat es einfach versucht: Er ist in den Wald gegangen, hat Eicheln gesammelt, sie gemahlen, getrocknet und in einem Brot verbacken. „Mit Dinkel passt das ganz wunderbar“, findet der Bäckermeister. Man müsse ja auch immer mal wieder etwas Neues ausprobieren. Runde 15 solcher Brote backt der 54-Jährige in einer Nacht – die neue Kreation ist beliebt. Es sind allerdings nur wenige Schloß Ricklinger, die die dunklen Laibe in ihren Küchen aufschneiden. Die meisten Brote wandern bei den Wochenmärkten in Burgdorf, Seelze, Hannover, Burgwedel und Wunstorf über die Theke. „Hier honoriert fast keiner meine eigenen Entwicklungen und Rezepte“, sagt Marquardt und klingt dabei sehr resigniert. Nur 30 bis 50 Kunden finden an einem Tag den Weg in die Bäckerei am Lönsweg in Schloß Ricklingen. Seit dem vergangenen Jahr hat der Laden auch nur noch vormittags geöffnet – weil die Kunden wegblieben. Wenn er nicht Nacht für Nacht in der kleinen Backstube am Haus mit dem Steinofen die Kuchen, Brote und Brötchen für seine Kunden auf dem Wochenmarkt backen würde, hätte er den Verkaufsraum schon längst geschlossen, sagt Marquardt.

Aus Eicheln hat der Bäcker ein dunkles Eichelbrot gebacken. Quelle: Linda Tonn

900 Brötchen pro Nacht

1993 hat er die Bäckerei von seinem Vater übernommen. 1934 hatte sein Großvater die Bäckerei/Konditorei mit Eisherstellung in der Straße Im Dorfe gegründet. „Von Beginn an haben wir im Steinofen gebacken“, erzählt Marquardt, dessen Arbeitstag um 22.30 Uhr beginnt. Dann geht er in die Backstube, um gemeinsam mit einer Mitarbeiterin die Teige auszurollen und zu formen, aus denen bis zum frühen Morgen hunderte Brötchen, Brote, Kuchen und süße Stückchen entstehen. Eine Liste gibt genau vor, wie viele der jeweiligen Sorten gebraucht werden: 15 Streuselkuchen, 25 Schweineohren, 17 Roggenbrote. Wie viele Brötchen am Ende der Nacht auf die Kisten verteilt werden, kann Marquardt nicht genau sagen: „Um die 900 werden es schon sein.“ Die Kuchen werden zum Teil schon am Vortag vorbereitet und gekühlt. Um 6 Uhr öffnet die Bäckerei am Lönsweg, zur gleichen Zeit werden auch die drei Verkaufswagen beladen, die sich auf den Weg zu den Wochenmärkten machen. Mit den Wochenmärkten habe er eine lukrative Nische gefunden, sagt der Bäckermeister. Wenige hätten Freude daran, bei Wind und Wetter Backwaren zu verkaufen – nur drei bis vier Bäcker aus der Region seien auf den Märkten präsent. Viele seiner 17 Mitarbeiter hätten dagegen schon ihre Lieblingsmärkte ausgeguckt. „Auf den Märkten schauen wenige Kunden auf den Preis. Sie würdigen unser handgemachtes Brot“, sagt Marquardt. Bis zu 200 Kunden zählt er dort manchmal – in vier Stunden.

Der Steinofen läuft seit 1959

Im Jahr 1934 gründete Ernst Marquardt die Bäckerei, seit dem 29. September 1959 besteht der Standort am Lönsweg 12. Gebacken wird in einem sogenannten Dampfbackofen aus Stein, in dem unter Druck Wasserdampf in einem Kreislauf durch Rohre geschickt wird und dabei Temperaturen bis zu 350 Grad Celsius entstehen können. „Beim Backen brauchen wir allerdings nur Temperaturen zwischen 190 und 250 Grad“, sagt Thomas Marquardt. Eigentlich laufe der Ofen immer, so der Bäckermeister. Die einzige Unterbrechung habe es am 11. November 1991 gegeben. „Das Thermostat war defekt, der Ofen hat sich immer weiter erhitzt, der Zement ist gebröselt und es kam zu einer kleinen Explosion“, erzählt Marquardt. Die Ortsfeuerwehr konnte Schlimmeres vermeiden, die am Vortag mit viel Handarbeit hergestellten schokoladenüberzogenen Dominosteine waren allerdings hinüber. Während der Reparatur wurde der Betrieb in der 20 Kilometer entfernten Bäckerei Ernst Zahlmann fortgesetzt. ton

Keine Nachfolge in Sicht

Er liebe seinen Beruf, sagt der Schloß Ricklinger. Obwohl es hart sei, jede Nacht in der Backstube zu stehen und dann schlafen zu müssen, wenn andere ihren Tag verbrächten. Aber irgendwie sei das in seiner Familie auch immer selbstverständlich gewesen. Wie es mit der Bäckerei weitergehen wird, kann Marquardt nicht sagen. Ein paar Jahre wird er noch arbeiten, eine Nachfolge ist nicht in Sicht. Lehrlinge habe er schon eine ganze Zeit nicht finden können. Dass die Kunden weniger werden, ist in der Filiale am Lönsweg kein neuer Trend. „Das ist schon seit 20 Jahren so“, sagt Marquardt. Doch seitdem die Banken geschlossen hätten, würde die Siedlung immer mehr zum „Schlafstandort“, wie er sagt. Und die Zahl der Kunden nimmt rapide ab. „Die Schloß Ricklinger sollten mehr auch vor Ort einkaufen“, sagt Eckard Peters vom Verein für Dorfentwicklung und Tradition. Mit Sorge beobachtet er, wie die Banken schließen und sogar die Grundschule um ihre Zukunft bangen muss. „Man muss nicht immer woanders hinfahren“, findet Peters, der gemeinsam mit seinen Vereinskollegen eine Liste mit allen Unternehmen und Dienstleistungen in Schloß Ricklingen zusammengestellt hat – von der Autowerkstatt über den Supermarkt bis zum Heilpraktiker. Wenn alles dichtmache, hätten gerade die älteren Menschen keine Möglichkeit mehr, Kleinigkeiten zu kaufen.Im vergangenen Jahr hat sich der Verein erfolgreich für den Erhalt des Supermarktes eingesetzt. „Jetzt ist auch die Ortspolitik gefragt“, findet Hans-Peter Wendorff. Man könne derzeit nur an die Anwohner appellieren. Ob das reicht, wisse er nicht.

"Wir wollen, dass Schloß Ricklinger vor Ort einkaufen": Eckard Peters (links) und Hans-Peter Wendorff setzen sich im Dorfentwicklungsverein für ihren Stadtteil ein. Quelle: Linda Tonn

Von Linda Tonn