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Hemmingen Wie können Pflegeberufe attraktiver werden?
Aus der Region Region Hannover Hemmingen Wie können Pflegeberufe attraktiver werden?
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15:38 11.09.2019
Zum Thema Pflege diskutieren auf dem Forum „ÜberMorgen“ im bauhof: Graziano Zampolin (von links), Dirk von der Osten, Annegret Hesemann und Sabine Tiedt. Rechts sitzt HAZ-Moderator Jan Sedelies. Quelle: Foto: Katrin Kutter
Hemmingen/Hannover

Können wir uns unsere Gesundheit übermorgen noch leisten? Für diese zentrale Frage, gestellt am Dienstagabend in Hemmingen-Westerfeld beim Forum „ÜberMorgen“ von Sparkasse und HAZ, gibt es keine einfache Lösung. Aber es kamen viele gute Ideen, wie bei der Diskussion von vier Fachleuten auf dem Podium im Kulturzentrum bauhof deutlich wurde. Etwa 70 Besucher verfolgten die von HAZ-Redakteur Jan Sedelies moderierte, rund 90-minütige Veranstaltung, die mit munteren Gesprächen in kleinen Gruppen in der Abendsonne auf dem Platz vor dem bauhof begann. Wir fassen die wichtigsten Themen des Abends zusammen.

Wenn 10 Punkte die beste Bewertung ist, wie gesund ist dann unser Gesundheitssystem heute?

Annegret Hesemann, Pflegedirektorin im Kinder- und Jugendkrankenhaus Auf der Bult in Hannover, schwankte im Hinblick auf die Pflege zwischen 5 und 6.

Die Physiotherapeutin Sabine Tiedt bewertete es mit 8 Punkten. Sie ist seit rund 30 Jahren aktiv im Beruf, hat früher im Krankenhaus gearbeitet und heute eine eigene Praxis in Westergellersen (Landkreis Lüneburg).

Der stellvertretende Vorsitzende der AWO Region Hannover und Geschäftsführer der AWO Jugend- und Sozialdienste gGmbH Dirk von der Osten vergab für die Qualität eine 8 und für die solidarische Finanzierung eine 7.

Graziano Zampolin sagte, für die medizinische Versorgung in den Krankenhäusern vergebe er 8 Punkte, für die Altenpflege hingegen nur 3. Der Krankenpfleger und Medizinpädagoge ist Mitgründer des Vereins Klang und Leben in Hannover. Zampolin verhilft Demenzkranken wieder zu Erinnerungen.

Wie erkennt man ein gutes Pflegeheim?

Zampolin sagte, für den Normalbürger sei dies schwer zu beurteilen. Da würden auch die Noten des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen wenig weiterhelfen, weil sie sich stark ähneln. Ein Aspekt aber sei die nächtliche Versorgung. Wenn eine Pflegekraft bis zu 80 Patienten zu betreuen habe, der Standard sei 40 Patienten, „bleibt der Mensch auf der Strecke“.

Aber es gibt doch die Fachkraftquote.

Von der Osten erklärte, die Quote sei festgelegt worden, ohne den tatsächlichen Bedarf in einem Heim zu klären. „Die Quote gängelt uns.“ Es gehe doch nicht nur ums Waschen, Essen und Medikamente geben. In manchen Heimen werden zum Beispiel dringend Musikpädagogen benötigt.

Wird es in der Zukunft genügend Pfleger geben?

„Die Berufsgruppe blutet aus“, warnte Zampolin. „Viele werden schon während der Ausbildung verheizt.“ Hesemann kritisierte, dass der Fokus zu sehr auf der Allgemeinversorgung liege und Randgruppen „abgehängt“ werden. Dabei sei es ein „Traumberuf“, schwärmte Hesemann, und ein Beruf mit Zukunft, denn Kinder und alte Menschen werde es immer geben. Allerdings forderte sie auch höhere Löhne.

Ein Zuhörer wies darauf hin, dass sich 2020 sich in der Pflegeausbildung etwas ändern wird. Grob gesagt: Es gibt keine getrennten Ausbildungen mehr, sondern zunächst eine gemeinsame, und später kann man einen Bereich vertiefen. Ist das gut?

Hesemann sprach von einem „Riesen-Gau“, der zu „Qualitätsverlusten“ in der Kranken- und Altenpflege sowie in der Versorgung von Kindern und Jugendlichen führe. Die geplante sogenannte generalistische Ausbildung lasse es beispielsweise zu, dass ein Teil der Ausbildung in der Kita absolviert werde. Dies bereite aber nicht genug auf den Krankenhausalltag vor. Zampolins Prognose: Die wenigsten werden sich für die Altenpflege entscheiden.

Wie lassen sich mehr junge Menschen für den Pflegeberuf begeistern?

Ein Zuhörer regte an, schon in der Schule das Interesse dafür zu wecken. Von der Osten berichtete von guten Kooperationen von Altenheim und Schule als Nachbarn, zum Beispiel mit der KGS in Sehnde. Gute Bus- und Bahnverbindungen seien heute ebenso entscheidend für eine Zusage für eine Stelle wie bezahlbarer Wohnraum. „Die Träger müssen sich auf den Weg machen“, sagte er. Hesemann nannte Praktika, Freiwilliges Soziales Jahr und Tage der offenen Tür als Beispiele, damit junge Menschen den Beruf näher kennenlernen können.

Welche Erwartungen haben junge Menschen an ihren Beruf?

Auf jeden Fall andere als frühere Generationen, sagte Jens Bratherig, stellvertretender Vorsitzender der Sparkasse Hannover. So sei vielen die Balance zwischen Arbeit und Privatleben wichtig. „Junge Leute suchen zudem einen Sinn in ihrem Beruf. Diesen Aspekt muss man noch stärker herausstellen“, sagte er. Für Sabine Tiedt steht fest: „Wenn das Betriebsklima stimmt, sind die Menschen auch leistungsbereit.“

Droht ein medizinisches Versorgungsproblem in ländlichen Regionen?

Hesemann zufolge gibt es das längst, zum Beispiel im Emsland. Zampolin merkte an, es werde wohl immer Engpässe geben. Junge Menschen ziehe es einfach eher in die größeren Städte als aufs Land. Tiedt lenkte den Blick auf Dänemark mit Versorgungszentren auf dem Land. Hinzu komme, dass die medizinische Versorgung dort schon im Krankenwagen beginnt.

Wächst in Deutschland das Unwissen über die Gesundheit bei der jüngeren Generation?

Hesemann berichtete von einem Zulauf junger Eltern mit ihren Kindern im Kinder- und Jugendkrankenhaus abends und wenn die Praxen der Kinderärzte geschlossen sind. Oft seien es aber keine akuten Notfälle. Einige junge Eltern wüssten mittlerweile nicht mehr, dass sie selbst Fieber bei ihrem Kind messen können. Zampolin verwies aufs Internet: Seien Kinder krank, beginnen die Eltern im Internet nach Ursachen und Heilmethoden zu suchen und „steigern sich in Panikzustände“.

Wird die verstärkte Nutzung des Smartphones zu Haltungsschäden führen?

Tiedt sagte, sie behandele bereits Patienten mit solchen Beschwerden. Tiedt hat am Projekt Bewegte, gesunde Schule mitgewirkt. Doch nicht mehr die Grundschule stehe im Fokus, sondern die Berufsschule. Junge Menschen ab 18 Jahren steckten in einer „Bewegungsarmut-Falle“. Der Grund: „Sie fühlen sich in der sitzenden Haltung wohl.“

Fachleute diskutieren im Kulturzentrum bauhof über das Thema Gesundheit.

Karten für die Podiumsdiskussion waren nicht zu erwerben. Diese Zeitung hat sie verlost. Nach der Auftaktveranstaltung im August in der historischen Turnhalle des Turn-Klubbs zu Hannover und Abenden im Amtshof in Burgwedel, im Clinical Research Center in Hannover sowie im Hemminger bauhof endet die Reihe am heutigen Donnerstag im Schulzentrum I in Garbsen.

Teilnahme ist kostenlos: So geht es bei „ÜberMorgen“ weiter

In Garbsen beteiligen sich die Pflegedirektorin im Kinder- und Jugendkrankenhaus Auf der Bult, Annegret Hesemann, und die Vorsitzende des Vereins Bürger für Resse, Renate Kolb. Sie treffen auf den Medizinpädagogen und Mitgründer des Vereins Klang und Leben, Graziano Zampolin, und die Fachreferentin der Landesvereinigung für Gesundheit und der Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen, Elena Reuschel. Als weiterer Gast ist der Geschäftsführer des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe Nordwest, Burkhardt Zieger, dabei. Die Diskussion läuft im Schulzentrum I am Planetenring 7 um 19 Uhr. Der Eintritt ist kostenlos. Wer dabei sein möchte, sendet zur Anmeldung seinen Vor- und Zunamen sowie seine E-Mail-Adresse mit dem Stichwort „ÜberMorgen Garbsen“ an die E-Mail-Adresse hannover@haz.de. Die Plätze sind limitiert. Die Teilnahme inklusive Catering ist kostenlos, Anmeldungen sind hier möglich.

Die Foren sind aber nur ein Teil der „ÜberMorgen“-Reihe. Digital und in der Zeitung bietet die HAZ von nun an verstärkt Themen an, die sich um Gesundheit und Gesundheitspolitik drehen. Die Artikel werden grafisch aufgearbeitet. So entsteht auf der „ÜberMorgen“-Seite im Internet unter www.uebermorgen.haz.de ein Archiv der Ideen, das ständig wächst.

Das ist das Projekt „ÜberMorgen“

Das Projekt „ÜberMorgen“ ist eine Ideen- und Diskussionsplattform von HAZ und Sparkasse Hannover. In der gedruckten HAZ, auf der Multimedia-Internetseite www.uebermorgen.haz.de und bei Veranstaltungen überall in der Region Hannover werden Informationen zu den wichtigsten Zukunftsfragen gesammelt. In diesem Jahr steht das Thema Gesundheit unter dem Aspekt Kosten im Fokus. Themenpartner ist erneut Hannoverimpuls. „Als Sparkasse sind wir seit fast 200 Jahren in der Region Hannover aktiv. Und genauso lange bewegen uns die Zukunftsfragen für das Umfeld, in dem wir arbeiten“, sagt Heinrich Jagau, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Hannover. „Mit der Initiative ,ÜberMorgen‘ wollen wir helfen, gute Antworten in einer sehr komplex gewordenen Welt zu finden. Nicht irgendwo im Silicon Valley, sondern in unserer Region“, sagt Jagau.

Das Zukunftsforum geht nun weiter auf Tour durch die Region und diskutiert in Hemmingen, Garbsen und in Hannover. Kostenlose Anmeldungen auf www.uebermorgen.haz.de.

 

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