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Hemmingen So erlebt eine bedürftige Familie die Festtage
Aus der Region Region Hannover Hemmingen So erlebt eine bedürftige Familie die Festtage
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00:17 26.12.2018
Die Mutter steht am Fenster des Seniorenbüros in Hemmingen und blickt hinaus. Dort fand das Gespräch statt. Quelle: Andreas Zimmer
Hemmingen

Die Weihnachts-Wunschbaum-Aktion in Hemmingen läuft mittlerweile zum achten Mal. Wie leben eigentlich die bedürftigen Familien, deren Kinder die Geschenke bekommen? Redakteur Andreas Zimmer hat sich mit einer Mutter von zwei Teenagern getroffen, die im Hemminger Stadtgebiet wohnt. Die Alleinerziehende ist zwischen 30 und 40 Jahre alt und möchte anonym bleiben. Das Gespräch war im Seniorenbüro der Stadt, das den Kontakt vermittelte.

Zum wie vielten Mal nehmen Sie an der Aktion teil?

Wir sind von Anfang an dabei, also seit acht Jahren.

Haben Ihre beiden Kinder immer bekommen, was sie sich gewünscht haben?

Ja, und sie haben sich darüber sehr gefreut. Ich finde es gut, dass es die Aktion gibt. Meistens liegt eine Karte dabei mit einem kurzen Weihnachtsgruß und den Initialen des Absenders, manchmal sogar noch Süßigkeiten.

Was haben sich Ihre Kinder dieses Jahr gewünscht?

Der kleinere ein 3-D-Puzzle und der größere einen On-Air-Kopfhörer.

Was bedeutet für Sie Weihnachten?

Ich bin nicht in Weihnachtsstimmung, war es auch in den vergangenen Jahren nicht. Es heißt immer, das Fest sei so schön, weil die Familie zusammensitzt. Aber wir sitzen jeden Tag in der Familie zusammen.

Setzen Sie bei Ihren Geschenken für Ihre Kinder ein Limit?

Ja, höchstens 50 Euro für jeden. Auch, weil der Kleine kurz nach Weihnachten Geburtstag hat.

Äußern Ihre Kinder denn immer Geschenke mit diesem Höchstwert?

Der Große will was von Gucci. Ich habe ihm gesagt: Sieh zu, dass Du die Schule hinbekommst und was lernst, dann kannst Du Dir selbst was von Gucci kaufen. Wir kaufen nicht viel Markenware und wenn, nur reduziert. Es gibt auch gute normale Kleidung.

Lassen Sie sich von Erwachsenen aus Ihrer Familie beschenken, oder schenken Sie Erwachsenen etwas?

Nein, wir haben das abgeschafft. So viel Geld habe ich nicht. Die Kinder meiner Schwester bekommen etwas Süßes.

Wie werden Sie dieses Jahr Weihnachten verbringen?

Bei meinen Eltern in Hemmingen. Meine Mutter ist pflegebedürftig, und ich kümmere mich um sie. Mein Vater stellt einen Tannenbaum auf.

Wo kaufen Sie ein?

In Hemmingen. Ich gucke im Netz nach Kupons oder wenn irgendwo Personalkauf ist. Eventuell bestelle ich ’was im Internet. Ich habe kein Auto. Wenn ich Bus oder Bahn nehme, kostet das extra.

Das heißt, Ausflüge sind für Sie und Ihre Kinder selten?

Im Sommer sind wir viel bei einer Freundin im Norden der Region. Die hat einen Garten. Aber ein Besuch im Zoo Hannover zum Beispiel, den muss man sich erst mal zusammensparen. Wir waren dann stattdessen früher auf dem Wakitu-Spielplatz in der Eilenriede. In den vergangenen Jahren haben meine Kinder auch viel beim Ferienpass mitgemacht, dazu sind sie jetzt zu groß. Schwimmen zu gehen ist immer noch einigermaßen erschwinglich.

Wie sieht Ihr Alltag aus?

Ich schicke den Großen morgens in die Schule, dann kümmere ich mich um den Jüngsten. Er hat psychische Probleme. Wenn er nachmittags in einer Gruppe ist, gehe ich zu meiner Mutter und pflege sie, damit mein Vater in der Zeit Arbeiten gehen kann.

Würden Sie auch gern arbeiten?

Ja, aber das geht unter den Umständen nicht. Außerdem habe ich eine abgebrochene Maler- und Lackiererausbildung.

Fühlen Sie sich von der Stadt gut behandelt?

Ja, ich fühle mich ernst genommen. Es gibt so viel Positives hier: die Wunschbaum-Aktion, Nachbarn helfen Nachbarn, die Sportvereine.

Sie haben viel mit Behörden zu tun. Wie sind Ihre Erfahrungen?

Der Kontakt zur Verwaltung ist gut. Wenn die Bescheide nicht rechtzeitig da sind, dann ist das nicht gut, denn die laufenden Ausgaben bleiben, und es wird weiter vom Konto abgebucht. Ich bin froh, dass ich den Druck im Jobcenter nicht mehr habe.

Welchen Druck?

Weil ich Pflegegeld bekomme, bin ich aus den Förderungen rausgeflogen. Das Jobcenter hat mich dann immer in Maßnahmen gesteckt. Wenn ich da irgendwo war, konnte ich wegen meiner Kinder und Mutter nie so arbeiten, wie die sich das vorgestellt haben.

Sie müssen sich Ihr Geld einteilen. Worauf legen Sie Wert?

Aufs Handy, ich habe ein gebrauchtes mit Vertrag. Ich informiere mich übers Internet, was los ist. Außerdem muss ich für die Kinder und meine Mutter erreichbar sein. Meine Kinder bekommen die alten Handys. Mein Jüngster ist ein Handymörder.

Wieso Handymörder?

Der schafft es, alle kaputt zu bekommen, bis auf ein uraltes Handy. Ich glaube, es war eines der ersten mit Android.

Wenn Sie für einen Tag Bürgermeisterin wären, was würden Sie in Hemmingen verändern wollen?

Da gibt‘s nichts. Es ist alles da. An unserer Wohnung müsste dringend die Fassade gemacht werden, aber das ist nicht Sache der Stadt. Laufend wechseln die Eigentümer, die machen nur die Kleinigkeiten. In manchen Wohnungen ist schon Schimmel.

Was wünschen Sie sich für 2019?

Dass mein Jüngster wieder zur Schule geht und dass ich mir, vielleicht im Einzelhandel, einen Job suchen kann.

Von Andreas Zimmer

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