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Isernhagen Jugendweihe – das gab es nicht nur in der DDR
Aus der Region Region Hannover Isernhagen Jugendweihe – das gab es nicht nur in der DDR
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00:15 29.05.2017
Phillip Hansen (links) jnd Henry Redeke haben am Sonnabend ihre Jugendweihe und freuen sich auf den besonderen Tag. Quelle: Jarolim-Vormeier
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Isernhagen F.B.

Mit 14 beginnt der Ernst des Lebens, sagt der Volksmund. Ab diesem Zeitpunkt endet die Kindheit und das Erwachsensein beginnt. Das wird verschieden gefeiert: Jugendweihe, Konfirmation und Firmung. Die Berliner Mauer besichtigen statt das „Vater unser“ auswendig zu lernen. Benimmregeln nach Knigge statt biblische Geschichten. Kultur statt Glaube: Das sind nur einige Unterschiede zwischen der Vorbereitung auf die Jugendweihe und dem Konfirmationsunterricht. Manches ist indes auch gleich: Die Mädchen und Jungen klopfen an die Tür zum Erwachsensein. Die einen wollen keinem Glauben angehören. Andere wollen ihr Bekenntnis zum Glauben mit der Konfirmation oder Firmung bekräftigen.

"Wir haben unseren Kindern freigestellt, ob sie konfirmiert werden wollen oder nicht“, sagt Vater Hans-Heinrich Redeke. Bei Sohn Henry fiel die Entscheidung auf die Jugendweihe, nicht zuletzt, weil auch seine Schwester Sarah vor zwei Jahren Jugendweihe gefeiert hatte. Zudem stammt seine Mutter Iris aus der Lutherstadt Wittenberg und kennt somit die atheistische Alternative zur Konfirmation.

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Auch Phillips Vater Gabor ist in Zwickau, mitten in der ehemaligen DDR, aufgewachsen. „Deshalb habe ich mich auch dafür entschieden“, sagt der 14-Jährige aus F.B. Beide Jungen haben ein Jahr lang ein kulturelles Programm beim Niedersächsischen Verein Jugendweihe absolviert. Sie reisten mit einer Gruppe zum Beispiel nach Berlin und erkundeten dort die Reste der Mauer, den Fernsehturm und den Atomschutzbunker. „Zudem hatten wir eine Führung im Reichstag und besichtigten auch die Kuppel“, berichtet Phillip. Er fand das am besten, weil „man sich von oben einen guten Überblick über die Stadt verschaffen konnte.“ Henry hingegen beeindruckte der Besuch im Bunker am meisten. „Es war interessant zu sehen, wie die Leute dort leben konnten“, erzählt der 14-Jährige.

Außerdem nahmen die Jungen auch an einer Führung am Langenhagener Flughafen teil. Für beide war die Tour mit dem Bus auf dem Rollfeld sehr eindrucksvoll. Einen Knigge-Kurs absolvierten sie auch. Dort wurde ihnen beigebracht, wie sie sich im Alltag benehmen, wie sie einen Tisch decken oder gegenüber älteren Menschen in der Straßenbahn auftreten sollten.

Am Sonnabend feiern sie mit vielen anderen Jugendlichen und ihren Familien, Verwandten und Freunden den Übergang zum Erwachsenen im Theater am Aegi. Schick gekleidet werden Henry und Phillip auch sein. „Anzug und weißes Hemd, das muss schon sein“, verrät Phillip. Und Geschenke gibt es auch – so groß ist der Unterschied zur Konfirmation dann auch nicht. Henry will sparen, Phillip mit dem Geld später den Motorrad-Führerschein machen. „Zudem brauche ich auch einen Helm und eine gute Kombi“, sagt er.

Jugendweihe

Die Jugendweihe ist eine weltliche Alternative zu kirchlichen Traditionen. Das Ritual gibt es seit mehr als 150 Jahren. Viele Menschen im Westen Deutschlands halten es für ein Überbleibsel aus DDR-Zeiten. Das stimmt nur bedingt, denn die ersten Jugendweihen fanden bereits in den 1850-er Jahren statt. Richtig ist, dass das DDR-Regime die in der Arbeiterbewegung beliebte Jugendweihe für ihre Zwecke instrumentalisierte und sie im Jahr 1954 in ein so genanntes „Bekenntnis zum Sozialismus“ verwandelte. Schon fünf Jahre später nahmen rund 80 Prozent der Jugendlichen in Ost-Deutschland teil. Nach dem Mauerfall lebte die Tradition bundesweit fort. In Niedersachsen ist der Verein Jugendweihe der größte Anbieter – mit bis zu 80 000 zurückliegenden Jugendweihen

Von Katerina jarolim-vormeier