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Laatzen So entstehen die Wartezeiten in der Notaufnahme des Klinikums Agnes Karll
Aus der Region Region Hannover Laatzen So entstehen die Wartezeiten in der Notaufnahme des Klinikums Agnes Karll
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17:08 13.09.2019
„Wer ist so bedroht, dass eine Therapie das Überleben verbessert?“ Chefarzt Jan Rudolf Ortlepp im sogenannten Schockraum der Notaufnahme. Quelle: Johannes Dorndorf
Grasdorf

Eine Laatzener Seniorin musste mehr als zwei Stunden auf die Behandlung in der Notaufnahme des Klinikums Agnes Karll warten – trotz Schlaganfallsymptomen. Es ist nicht das erste Mal, dass Patienten über lange Wartezeiten in der Grasdorfer Klinik klagen. Viele fragen sich: Wie kommt es dazu, und welches System liegt der Reihenfolge bei der Untersuchung zugrunde?

Es ist voll an diesem Montagmittag in der Notaufnahme der Grasdorfer Klinik. Alle Untersuchungszimmer sind besetzt, eine Krankenpflegerin bereitet eilig den sogenannten Schockraum vor, in dem gleich der nächste Patient behandelt werden soll. Weiter hinten, im beengten Wartezimmer, sitzen etwa zehn Patienten, die meisten von ihnen sind Senioren.

„Das ist eher Normalbetrieb“, sagt Jan Rudolf Ortlepp. Eigentlich benötige die Notaufnahme mehr Platz, weiß der Chefarzt für Innere Medizin. Zwar entsprächen die Raumgrößen den Vorgaben, aber selbst im relativ großen Schockraum könne es in Extremfällen eng werden, etwa wenn sich mehrere Ärzte und Pfleger zugleich um einen Patienten kümmern müssen. Die Klinik will die Räume deshalb erweitern – von derzeit 300 auf 440 Quadratmeter. Ursprünglich sollte dies 2019 geschehen. Beim Klinikum und bei der Region stünden jedoch noch Entscheidungen aus, erläutert die Ärztliche Direktorin Antje Hoffmann. „Wir hoffen, dass es im nächsten Jahr umgesetzt wird.“

In der Kritik: Die zentrale Notaufnahme des Klinikums Agnes Karll. Quelle: Johannes Dorndorf

Von Blau bis Rot: Dringlichkeit wird per Triage ermittelt

Im Fall der Laatzener Seniorin ging es nicht um Platzprobleme, sondern um die Einschätzung, wie dringlich ihr Fall ist. Die 81-Jährige durchlief ein standardisiertes Verfahren, das inzwischen in vielen Krankenhäusern üblich ist: das sogenannte Manchester-Triage-System. Die Pflegekräfte gehen dabei einen Katalog durch. Je nach Punktzahl wird jeder Patient in eine von fünf Kategorien eingeteilt – von „sofort“ (rot) über „dringend“ (gelb) bis „nicht dringend“ (blau).

„Die Triage richtet sich nach Dringlichkeit“, erläutert Ortlepp. Es gehe zunächst nicht um die genaue Diagnose, sondern darum, möglichst genau einzuschätzen, wie dringend eine Behandlung ist. Die Kernfrage dabei: „Wer ist so bedroht, dass eine Therapie das Überleben verbessert?“ Das Pflegepersonal sei darin „sehr gut trainiert.“

System wurde 2017 reformiert

Eingeführt hat das Krankenhaus das System im Jahr 2017, auch als Ergebnis einer jahrelangen Diskussion um lange Wartezeiten in Notaufnahmen. Das Klinikum Region Hannover, zu dem das Agnes Karll gehört, hatte damals eine Projektgruppe zum Thema gegründet – unter Leitung von Hoffmann, die heute Ärztliche Direktorin in Grasdorf ist.

Mit Erfolg, so die Einschätzung in der Klinik: „Wir fühlen uns besser mit diesem Instrument“, sagt Ortlepp. Mit dem Triage-System gebe es eine klar strukturierte und international anerkannte Art der Ersteinschätzung, die die Prioritäten „so gut sortiert, wie man sie sortieren kann“. In den allermeisten Fällen beurteilten die Pflegekräfte dies richtig, im Zweifelsfall werde der diensthabende Arzt hinzugerufen.

Eingeführt wurden 2017 auch entsprechende Schulungsprogramme, eine vollständige Dokumentation per Notfallprotokoll, aber auch klare Prozesse, ergänzt Hoffmann. So würden Notfallpatienten schon bei der Anfahrt so angekündigt, dass die Klinik die entsprechenden Vorbereitungen treffen könne, zum Beispiel mit der Bereitstellung von Räumen und Ärzten zur radiologischen Untersuchung.

„Wenn Sie fünf Gelbe haben, dauert es länger“

Zweifel, dass lebensgefährliche Notfälle zu lange warten müssen, haben Hoffmann und Ortlepp nicht. „Wenn jemand mit einer akuten Blutung warten müsste, hätten wir ein Riesenproblem und würden auch ein Riesenproblem daraus machen“, sagt der Chefarzt. Anders könne dies bei den „gelben“ Patienten sein – also jene der Dringlichkeitsstufe drei, die als „dringend“ gelten. „Wenn Sie fünf oder zehn Gelbe haben, wird die Gruppe neu sortiert, und die Patienten werden entsprechend versorgt.“ Für einige könne es dann länger dauern.

Aber ist ein Schlaganfall, wie ihn die 81-jährige Laatzenerin erlitten hatte, nicht ein solcher Notfall? Und warum wurde er als „nicht dringend“ eingestuft? „Schlaganfall ist nicht gleich Schlaganfall“, sagt die neurologische Chefärztin Katharina Hein. Der Vorfall habe bereits zwei Tage zurückgelegen, sodass eine akute Therapie, wie sie innerhalb eines bestimmten Zeitraums und bei einer bestimmten Symptomschwere angezeigt sei, keinen zusätzlichen Erfolg gebracht hätte. Bei der Triage sei die Seniorin tatsächlich zunächst als „dringend“ – also gelb – eingestuft worden. Dies sei jedoch von Arztseite aufgrund der Datenlage in „nicht dringend“ korrigiert worden, sodass die Patientin tatsächlich mehr als zwei Stunden warten musste. Auch im Nachhinein sei diese Einschätzung richtig gewesen, betont Hein.

Zu viele Bagatellfälle

Von noch längeren Wartezeiten sind vor allem blaue, „nicht dringende“ Patienten betroffen, die das Krankenhaus zum Großteil gar nicht hätten aufsuchen müssen. „Gut die Hälfte könnte auch in eine kassenärztliche Ambulanz verlegt werden“, schätzt Ortlepp. Ein Problem aus seiner Sicht: Die Kompetenz der Selbsteinschätzung sinke. Er habe schon Patienten erlebt, die ihn gefragt hätten, ob sie krank seien. „Auf die Frage, welche Symptome vorlägen, hieß es: Sie sind der Arzt, das müssen Sie doch wissen.“

Hinzu kämen Schwankungen: Durchschnittlich suchten wöchentlich 400 Patienten die Notaufnahme auf. Manchmal seien es 800, manchmal nur 250. Betreut werden diese tagsüber von einem Oberarzt und einem Arzt der Fachkliniken sowie drei Pflegern, nachts sind es Ärzte im Hintergrund-, Bereitschafts- und Schichtdienst sowie zwei Pflegekräfte.

„Die sozialen Kontrollinstanzen fallen weg“

Es gebe auch eine Besonderheit des Agnes Karll, die er aus anderen Kliniken so nicht kenne, sagt Ortlepp. „In Laatzen haben wir extrem viele einsame ältere Menschen.“ Mangels Angehörigen benötigten diese eine ganz andere Zuwendung – auch bei Bagatellfällen. Wenn die Familie sich nicht kümmert, suchten die Menschen im Zweifel die Notaufnahme auf. „Die sozialen Kontrollinstanzen fallen oft weg.“

Haben sich die Wartezeiten dank des Triage-Systems in den vergangenen Jahren verkürzt? „Wir sind deutlich schneller und besser als vor 20 Jahren“, sagt Ortlepp überzeugt. Konkrete Zahlen dazu nennt das Klinikum nicht: Die Wartezeiten würden zwar erfasst, sie seien jedoch bislang nur mit viel Aufwand auswertbar, sagt Hoffmann. Auch daran arbeite man.

Hier sind die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema Wartezeiten:

Wann muss ich mit langen Wartezeiten in der Notaufnahme rechnen?

Regelmäßige Stoßzeiten – etwa an Wochenenden oder zu bestimmten Tageszeiten – gibt es im Agnes Karll nach Aussage der Klinik nicht. Auffällig sei lediglich, dass in den Sommerferien weniger Betrieb sei als etwa im nasskalten Herbst.

Wie lang sind die durchschnittlichen Wartezeiten im Klinikum Agnes Karll?

Die Zeiten werden seit 2017 erfasst, lassen sich jedoch laut Klinikum aus Softwaregründen bislang nur mit viel Aufwand auswerten. Das Manchester-Triage-System sieht als Richtlinie Wartezeiten in folgender Abstufung vor: „sofort“ (0 Minuten), „sehr dringend“ (zehn Minuten), „dringend“ (30 Minuten), „normal“ (90 Minuten) und „nicht dringend“ (120 Minuten).

Werde ich schneller behandelt, wenn ich mit dem Rettungswagen komme?

Nein, grundsätzlich durchlaufen auch vom Rettungsdienst gebrachte Patienten das Triage System, versichert die Klinikleitung. Ausnahmen seien schwere Fälle, bei denen die Menschen schon bei der Anfahrt vom Notarzt behandelt werden – etwa im Koma, mit bedrohter Atmung oder nicht stabilem Kreislauf. Die Übergabe erfolge dann direkt von Arzt zu Arzt.

Woher weiß ich, wie voll es gerade in einer bestimmten Notaufnahme ist?

Einen Hinweis darauf gibt das Internetportal Ivena, in dem alle Notaufnahmen in der Region Hannover erfasst sind. Wartezeiten sind dort zwar nicht angegeben, aber zumindest erfahren Patienten auf der Seite www.ivena-niedersachsen.de, welche Notaufnahmen freie Kapazitäten haben.

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Von Johannes Dorndorf

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