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Laatzen Mit Fliegeralarm 415 kommt Krieg aufs Dorf
Aus der Region Region Hannover Laatzen Mit Fliegeralarm 415 kommt Krieg aufs Dorf
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00:16 25.09.2018
Schauriges Lichterspiel: Dutzende Scheinwerfer leuchten den Himmel für die Luftabwehr auf. Deren Ziel ist es, alliierte Kampfflugzeuge abzuschießen, eh diese ihre Bomben abwerfen. Quelle: Quelle: Stadtarchiv Laatzen
Grasdorf/Alt-Laatzen

Der 22. September 1943 – ein Mittwoch – war ein wolkenverhangener Frühherbsttag. Als gegen 21.30 Uhr wie andernorts auch in Gradsorf plötzlich die Sirenen zu heulen begannen, war kaum zu ahnen, dass das jahrhunderte alte Bauerndorf fast zwei Stunden später in weiten Teilen dem Erdboden gleichgemacht sein würde. Immerhin war es der 415. Fliegeralarm seit Beginn der Luftangriffe auf Hannover im Jahr 1941. Von den Alliierten ausgemachten strategisch besonders bedeutenden Ziele wie die Gummi und Reifen produzierenden Contiwerke stand keines in der Nähe – wohl aber andere rüstungsrelevante Industrie, wie die Laatzener Leichtmetallwerke und das Eisenwerk.

Was den Grasdorfern in dieser Nacht mit zum Verhängnis worden sein sollte, war der Abschuss jenes Leitflugzeugs, das das Zielquadrat für die alliierten Bomber markierte: Statt der üblichen vier wurden Berichten zufolge nur zwei sogenannte „Tannenbäume“ zur Orientierung gesetzt. Bedrängt durch deutsche Abwehrjäger in der Luft und die Flak am Boden – auch am Heidfeld und am Kronsberg standen seit einiger Zeit Geschützstellungen mit den im Durchmesser bis zu 1,5 Meter großen Scheinwerfer für nächtliche Flugabwehr – warfen die alliierten Bomber ihre tödliche Fracht aus bis zu sieben Kilometer Höhe vor allem über dem südlichen Hannover, Grasdorf und den Nachbarorten ab.

Ausgebombte Häuser und kaputte Straßen: So sah der Bereich Neue Straße /Ecke Hildesheimer Straße nach den Bombenangriffen vom 22./23. September 1943 aus. Im Hintergrund ist der Laatzener Turm zu sehen. Quelle: Quelle: Stadtarchiv Laatzen

Dass bei dem Angriff Wohngebiete und Zivilisten getroffen wurden, war seitens der alliierten Militärführung durchaus gewollt. Bei der Konferenz von Casablanca im Januar 1943 hatten sie sich auf eine Verschärfung des Luftkrieges geeinigt, mit dem Ziel, die Bevölkerung zu demoralisieren und eine zügige Kapitulation Nazi-Deutschlands zu erreichen.

Erst wenige Wochen zuvor bei den Angriffen auf Hamburg (“Operation Gomorrah“) hatten britische und amerikanische Verbände das zerstörerische Zusammenspiel von Spreng- und Brandbomben in der Fläche üben können. Aus Alliierter Sicht war diese Taktik erfolgreich und so gingen gingen in der Nacht zum 23. September auch über dem Gebiet des heutigen Laatzens zahlreiche der insgesamt rund 2260 Tonnen schweren Bomben nieder. Sie deckten Häuserdächer ab, beschädigten Gebäude oder brachten sie gleich zum Einsturz, und was danach noch intakt war, wurde von den Flammen zerfressen.

Die Menschen sahen ihre Dörfer in ein Inferno verwandelt: Zerstörte und brennende Häuser und Ställe, kaum zu löschende Phosphorbrände sogar auf den Straßen und an Tieren in der Leinemasch. Wer konnte, versuchte zunächst sich und seine Angehörigen, dann sein Hab und Gut zu retten – und war doch oft machtlos. In Grasdorf wurden in der „Schreckensnacht“ unter anderem die Kirche getroffen und in Alt-Laatzen ging die Kapelle in Flammen auf. Der damalige Pastor Georg Kuhlgatz konnte gerade noch das Kreuz und die Bibel auf dem Altar retten.

Die Grasdorfer St.-Marien-Kirche nach der Bombennacht vom 22./23. September 1943. Quelle: Quelle: Stadtarchiv Laatzen

Die örtlichen Feuerwehrleute versuchen zu helfen, doch die Wasserversorgung war zusammengebrochen, einen Löschteich gab es nicht und als schließlich an der Leinebrücke die einzige Spritzen in Gang gesetzt werden sollte, versagt diese den Dienst. Mit den verbliebenen Löschmitteln – Sandeimern, Lappen und Feuerpatschen – konnten die Menschen nicht viel ausrichten.

Gedenkfeier zum 75. Jahrestag der Bombardierung

In Erinnerung an die Bombardierung Grasdorfs vor 75 Jahren laden die St.-Marien-Gemeinde und die Stiftung Grasdorf an der Leine für Sonnabend, 22. September, 18 Uhr zu einer Andacht in die Kirche ein. Die Andacht selbst hält Pastor Burkhard Straeck, für die Musik ist Dietmer Lex zuständig. Teilnehmer des Seminarfachs „Erinnern statt Vergessen“ der Albert-Einstein-Schule wollen dann aus alten Schüleraufsätzen vorlesen. Noch bis zum 26. September ist in der Kirche außerdem eine von dem Zeitzeugen, Hobby-Historiker, Architekt und Buchautor Helmut Flohr gestaltete Ausstellung über die Bombennacht vom 22./23. September 1943 zu sehen. akö

In Grasdorf allein starben in Nacht zum 23. September und den Tagen danach 16 Menschen: vom Baby bis zum 72-jährigen Senior. Unter den sieben Todesopfern, die allein aus dem Haus Hildesheimer Chaussee 16 ums Leben kamen, sind eine Ehepaar sowie zwei junge Mütter mit ihren erst ein und drei Jahre alten Söhnen. Dem Angaben im Totenschein zufolge starb eine 21-jährige Mutter im Luftschutzkeller.

Das Dorf Grasdorf mit seinen vielen Fachwerkhäusern wurde in der Bombennacht zu nahezu 80 Prozent zerstört. In Rethen staben bei dem Luftangriff vier Menschen. Dort wurde Schätzungen zufolge etwa zehn Prozent der Gebäude beschädigt oder zerstört.

Unter den 33 Opfern der Bombardierung am 22./23. September 1943 sind mehrere Familien aus Alt-Laatzen und auch viele Zwangsarbeiterinnen. Ihre Grabsteine stehen auf dem Friedhof Am Brocksberg. Quelle: Astrid Köhler

Zahlenmäßig die meisten Opfer wurden nach der Bombardierung am 22./23. September in dem zu 35 Prozent zerstörten Laatzen (heute: Alt-Laatzen) gezählt. Unter den 33 tote Männer und Frauen sind Familien und viele Zwangsarbeiter. Letzteren war es bei Strafe verboten, einen Bunker aufzusuchen.

Die Gräber der Laatzener Bomben- und Kriegsopfer stehen im südöstlichen Bereich des Friedhofs, Am Brocksberg, die der Opfer aus Grasdorf sind auf dem Friedhof Ahornstraße zu finden.

Zahlen und Daten zum Luftangriff am 22./23. September

Bereits im Mai 1940, wenige Monate nach Beginn der Zweiten Weltkrieges, schickte die Royal Air Force (RAF) erste Kampfflugzeuge nach Hannover, um die Raffinerie in Misburg zu bombardieren. Den ersten Großangriff mit mehr als 100 Toten gab es am 10. Februar 1941.

Seit Frühjahr 1943 bombardierten britische und amerikanische Verbände deutsche Städte systematisch in der Fläche. Nach Hamburg (“Operation Gomorrah“, Juli/August 1943) war am 22./23. September Hannover das Ziel.

632 Bomber der Alliierten, vornehmlich britische Lancaster-Maschinen aber auch fünf der US Army, starteten am 22. September 1943 vom Flugplatz Elsham Wolds bei Grimbsby in der Grafschaft Lincolnshire an der Ostküste Englands aus in Richtung Bremen und dem eigentlichen Hauptziel Hannover.

Beladen waren die Kampfflugzeuge den amtlichen englischen Zahlen nach mit 2260 Tonnen Spreng- und Brandbomben, darunter eine große Anzahl von Phosphorkanistern.

Als nächtliche Navigationspunkte für das in den Lancaster-Maschinen verbaute damals neue Radargerät „H2S“ dienten unter anderem das Steinhuder Meer und der Große Garten in Hannover.Zu den Hauptzielpunkten des Angriffs am 22./23. September gehörten der Hauptbahnhof, die Bahnanlagen sowie die Contintental AG in Hannover. Viele Bomben landeten jedoch in der unbebauten Leinemasch sowie in den Wohngebieten Döhren, Wülfel und im Bereich des heutigen Laatzens.

Der erste alliierte Flugzeuge erreichte ihre Ziele um 21.43 Uhr. Der letzte Angriff in der Nacht wurde für 0.41 Uhr notiert.

Englischen Berichten nach galten nach dem Luftangriff 30 Kampfflugzeuge der Royal Air Force als vermisst. Der Wehrmachtsbericht vom 9. Oktober meldet den Abschuss von 35 Bombern.

Insgesamt starben 1943 bei den Angriffen auf Hannover und das Umland am 22. und 23. September 201 Menschen. 176 Männer, Frauen und Kinder wurden schwer verletzt. 5000 Menschen wurden obdachlos und 287 Wohnhäuser sowie 16 Industriebetriebe vollständig zerstört.

Von Astrid Köhler

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