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Laatzen Mit Vollgas auf die Bremsstrecke
Aus der Region Region Hannover Laatzen Mit Vollgas auf die Bremsstrecke
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00:15 31.05.2017
Von Markus Holz
Und los geht's für uns: Gerhard Piekut gibt die Strecke frei. Quelle: Daniel Junker
Laatzen

Motorrad aus dem Winterlager geschoben, Zündschlüssel gedreht und ab auf die Straße zur ersten Ausfahrt. Auf dem Sozius dieses ungute Gefühl. Es macht sich da immer zum Saisonstart breit, seit 29 Jahren. Geht das noch mit dem Bremsen? Funktionieren die Reflexe? Sind Ausweichmanöver noch auf der Festplatte? Fiese Fragen hinten vom Beifahrersitz, die verunsichern. Weil ich sie dieses Jahr nicht wirklich beantworten kann, stehe ich jetzt vor dem Fahrsicherheitszentrum des ADAC in Laatzen. Fünf Stunden Training mit Gerhard "Piki" Piekut. Er soll den Quälgeist auf dem Sozius zum Schweigen bringen. Er soll mein Wecker sein nach dem Winterschlaf, weil ein kleiner verpennter Moment am Steuer eines Motorrades tödlich sein kann.

Wir sind an diesem Dienstagmittag zu Fünft, ein kleiner Kurs. Üblich sind zehn Teilnehmer. Kleiner Kurs bedeutet viel Praxis. Wir jubeln innerlich. Nichts nervt mehr, als vor jeder Übung zehn Minuten zu warten, bis die anderen durch sind. Jeder kommt mit anderen Voraussetzungen. Wolfgang und Farid haben Sturzerfahrung. Esther hat vor einem Jahr den A-Führerschein gemacht, Farid ist noch dabei. Bernd wagt sich jährlich in die Dolomiten und absolviert diesen Kompaktkurs jedes Jahr. Kein Motorrad ist baugleich. Aber jeder von uns hört diese Stimme vom Sozius.

"Bewölkt - fällt euch dazu wat ein?", fragt der schwer berlinernde Piekut, blickt in fragende Gesichter und erklärt die Eselbrücke: B(remse und Bereifung), E(lektrik), W(asserkühler), Ö(lkontrolle), L(icht), K(ette), T(ankfüllung) - "bewölkt", ein einfacher Leitfaden für den Check vor dem Fahren. "Ihr müsst das nicht jedes Mal machen, aber wenigstens ab und zu", sagt Piekut. "Bewölkt", wieder etwas gelernt und einfach zu merken.

Was zieht der Trainer heute aus der Tasche? Dinge, die ich nicht beherrsche? Übungen mit Sturzgefahr? Ich will lernen, aber nicht ständig im Kopf haben, meine 31 Jahre alte Oldtimer-BMW zu zerlegen. Den anderen geht es genauso. Piekut weiß das. "Nichts muss, ihr könnt jederzeit abbrechen", sagt er sehr ernst. Das nimmt den Druck, bevor wir in die Parcours gehen.

"Die Kunst ist nicht das Rasen, die Kunst ist das Langsamfahren. Daran sehe ich, wie gut ihr euer Motorrad beherrscht." Piekut hat Slalom-Hütchen gesetzt. Die Abstände sind erschreckend klein - das geht nur langsam. Einer nach dem anderen steuert sein Bike durch die Zehn-Meter-Strecke. Und wehe, einer schaut nach unten. "Nach vorne sehen, nicht auf die Straße unter euch. Unsere Augen haben nach unten einen größeren Blickwinkel, als nach oben. Ihr seht die Hütchen trotzdem", sagt Piekut und beweist mit einem kurzen Experiment, wie Recht er hat. Also nochmal durch die Hütchen, und nochmal. Langsam kommt das Gefühl fürs Schneckentempo zurück. "Das könnt ihr jederzeit auf der Straße üben, wenn ihr auf eine rote Ampel zu fahrt und keiner hinter Euch ist." Langsam fahren, wo brauche ich das eigentlich? Im Stadtverkehr, im Stau. Da ist Balance gefordert und dosiertes Einsetzen von Gas und Bremse.

Piekut führt mich an jede Übung heran, erklärt die Theorie, sagt, was passieren kann und endet immer wieder mit: "Alles eine Frage der Physik und des Kopfes." Das prägt sich in den fünf Stunden wie ein Brandzeichen ein.

Piekut markiert einen Kreis und den Mittelpunkt. "Immer auf den Mittelpunkt blicken." Wie? Nicht nach vorne, nicht auf die Kreislinie? Das kostet zum ersten Mal Überwindung, aber es funktioniert wirklich. Am Anfang hat der Kreis noch Beulen, aber er wird runder und runder. Und die Stimme auf dem Sozius wird mit jeder Übung leiser. Im Alltag ist jede Wende, jede scharfe Kehre ein Kreissegment. Mittelpunkt denken, Lenker einschlagen und rum. Ganz einfach, wenn der richtige Blick trainiert ist. "Wenn ihr beim Wenden aus Angst auf den Bordstein schaut, fahrt ihr gegen den Bordstein", sagt Piekut. 

Es gibt zwei Königsdisziplinen, die jeder beherrschen will, weil sie lebenswichtig sind. Notbremsen und Ausweichen. Piekuts Kniff fürs Ausweichmanöver kenne ich vom ersten Trainingskurs vor gefühlt 20 Jahren. Er ist inzwischen ein Reflex. "Gebt dem Lenker links einen plötzlichen Impuls, und euer Motorrad kippt nach links", sagt Piekut. Ein kurzer, kräftiger Druck aus dem Handgelenk, wenn's ganz eng ist, sogar einen kurzen Schlag - wirkt Wunder, kostet aber Überwindung. Lenker sind Sensibelchen, da drückt niemand freiwillig, plötzlich und kräftig dran herum. Aber wer einmal die Wagentür eines parkenden Autos vor sich aufspringen sieht, weiß den Trick sehr zu schätzen.

Bremsen. Piekut nimmt sich Zeit für dieses Thema. Physikalische Theorie, Sitzhaltung, Handhaltung, Reihenfolge: Kupplung ziehen und nicht wieder loslassen, Fußbremse und Vorderbremse dosieren und immer wieder die Warnung: "Macht keine Schreckbremsung und blockiert das Vorderrad nicht. Wenn das passiert, bedeutet das Abflug." Genau davor haben wir fünf Angst. Die ABS-Fahrer vielleicht etwas weniger. Anfahren bis Tempo 50, Kupplung ziehen, bremsen und genau nach 20 Metern stehen - eine Gefahrenbremsung. Wir fahren Runde um Runde. Piekut verkürzt immer wieder den Anhalteweg und bringt uns an den Punkt, an den jeder kommen wollte - ohne Sturz. "Ihr habt das in neun bis elf Metern geschafft - perfekte Notbremsungen. Ihr könnt stolz sein."

Letzte Station ist die große Kreisbahn. Rechts rum, links rum, Schräglage üben. Wo ist die Grenze? Nicht mit der Fußspitze auf dem Asphalt, kein Hang-off wie bei den Superbike-Rennen, kein Knieschleifen. Piekut verlangt Gefühl, der Kopf soll immer senkrecht zum Horizont stehen, das kreisinnere Knie sollen wir nach vorne schieben und der Blick so dorthin gehen, wohin wir das Motorrad haben wollen. Die Augen lenken. Manchmal verlangt Piekut ein bisschen viel auf einmal. Ich komme mir vor wie ein Schlagzeuger. Seit fast fünf Stunden versuchen wir, zwei Hände und zwei Füße so zu trainieren, dass sie unabhängig voneinander, aber zeitgleich genau das richtige tun. Piekut winkt mich zu sich. "Du hast noch zwei Zentimeter zwischen Koffer und Straße. Mehr geht nicht, mach Schluss."

Die neuen Kniffe sind nach den fünf Stunden sicher noch nicht auf der Festplatte. Das muss der Alltag bringen. Die alten Reflexe aber, die Reaktionen sind wieder da. Besser noch, sie sind geschärft. Das war das Ziel. Der Sozius ist wieder frei. Die Saison kann kommen.

Nachgefragt bei Gerhard Piekut (61), seit fünf Jahren Trainer, Motorradfahrer "seit er denken kann":

Herr Piekut, welches sind die größten Defizite, die Ihre Kursteilnehmer mitbringen?

Bremsen. Alle hacken. Alle können die Bremsen nicht definiert einsetzen. Das ist mein größtes Ziel in den Kursen. Selbstüberschätzung ist auch ein Defizit. Das sind die 200-PS-Typen, die alles schon können. Die versuche ich, wieder zu erden.

Registrieren Sie Unterschiede zwischen Frauen und Männern?

Ja, ganz deutlich. Frauen gehen ganz anders ans Motorrad heran. Männer würden nie fragen: Wie hebe ich mein Motorrad auf? Das ist für Frauen die erste Frage. Männer werden nie fragen: Wie schiebe ich mein Bike? Für Frauen ist das eminent wichtig. Der Kenntnis- und Praxisstand ist bei Frauen in der Regel niedriger, aber die Erfolge bis zum Kursende sind viel größer.

Haben sie einen besonderen Tipp zum Saisonstart?

Besonnen, umsichtig, vorausschauend fahren und immer die Lücke zum Ausweichen vor sich parat haben - nicht erst dann, wenn man sie braucht. Dann ist es zu spät. 0,5 Sekunden entscheiden über Leben und Tod. Und rechnet immer mit den Fehlern von Autofahrern, die erst blinken, wenn sie abgebogen sind, die auf Kreuzungen stehen bleiben, die unvermittelt wenden und die euch schlicht übersehen - das bedeutet vorausschauend. Und natürlich: Jedes Frühjahr zum Kompaktkurs.

Info: Bestimmte Trainingseinheiten sind - bei zertifizierten Anbietern - bundesweit einheitlich. Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) legt diese Inhalte fest. Der ADAC-Kompaktkurs (99-135 €) setzt sich aus Modulen solcher Sicherheitskurse zusammen. Es gibt daneben Kurse für Einsteiger und Wiederaufsteiger, für Frauen, fürs Kurven- und Schräglagentraining, dreistündige Warm-up-Kurse und achtstündige Intensivtrainings. Eine Mitgliedschaft ist nicht Voraussetzung. Das Fahrsicherheitszentrum liegt an der Hermann-Fulle-Straße 10, 30880 Laatzen. Infos und Buchung unter Telefon (0 51 02) 9 30 60. Auf der Internetseite www.fsz-hannover.de finden sich zu jedem Kurs Kalenderübersichten mit freien Terminen. Wer teilnehmen will, braucht Führerschein und ein zugelassenes Motorrad mit TÜV-Plakette. Jeder haftet selbst für Schäden an Bikes und Strecke. Der ADAC bietet aber Tagesversicherungen an. Trainings finden bei jedem Wetter statt. Weitere Anbieter im Raum Hannover sind unter anderen die Firmen Motorradcamp, die Landesverkehrswacht Niedersachsen/EUVA GmbH, Zweirad-Akademie und vereinzelt auch Hersteller-Niederlassungen wie etwa BMW.

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