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Laatzen Albert-Einstein-Schüler gestalten Trafostation am jüdischen Gedenkstein
Aus der Region Region Hannover Laatzen Albert-Einstein-Schüler gestalten Trafostation am jüdischen Gedenkstein
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00:17 07.06.2019
„Wir wollen nicht belehren, sondern auf den Ort aufmerksam machen“: AES-Lehrerin Jana Albus (stehend, von links), die Elftklässlerinnen Lena Reimann und Giulia Pantano sowie AES-Lehrerin Rike Kappmeier stellen im Ortsrat Gleidingen ihren Gestaltungsentwurf für die Trafostation am Judengedenkstein nahe der Thorstraße vor. Quelle: Astrid Köhler
Gleidingen

Der Gedenkstein für die in der NS-Zeit vertriebenen und ermordeten Mitglieder der jüdischen Gemeinde sowie die beim Pogrom 1938 zerstörte Gleidinger Synagoge an der Thorstraße soll ein würdigeres Umfeld bekommen. Dafür haben sich Ortsrat und Rat schon vor einiger Zeit ausgesprochen und Geld für das von der Albert-Einstein-Schule (AES) initiierte Projekt im Haushalt bereitgestellt. Konkret geht es darum, das nur wenige Schritte entfernt stehende und immer wieder beschmierte und beklebte Trafohäuschen der Netzgesellschaft Laatzen an der Ecke von Hildesheimer und Thorstraße in den Gedenkort mit einzubeziehen. Nachdem sich das Seminarfach Erinnern statt vergessen und eine Kunst-AG der AES mehr als ein Jahr lang mit dem Thema befasst haben, steht nun fest: Die Wände der Trafostation sollen nach einem Gedicht der Lyrikerin Rose Ausländer (1901–1988) gestaltet werden.

Das Gedicht „Biographische Notiz“ (1976)

Ihr Gedicht „Biographische Notiz“ hat die Lyrikerin Rose Ausländer 1976 im Alter von 75 Jahren veröffentlicht. Auf dem Wandgemälde an der Gleidinger Trafostation soll es in Auszügen aufgenommen und an einer dort ebenfalls anzubringenden Plakette in Gänze zu lesen sein.

Biographische Notiz, 1976

Ich redevon der brennenden Nachtdie gelöscht hatder Pruth

von TrauerweidenBlutbuchenverstummtem Nachtigallgesang

vom gelben Sternauf dem wir stündlich starbenin der Galgenzeit

nicht über Rosenred ich

Fliegendauf einer LuftschaukelEuropa Amerika Europa

ich wohne nichtich lebe.

„Wir wolle nicht belehren, sondern auf den Ort aufmerksam machen“, betonte Kunstlehrerin Jana Albus vergangene Woche bei der Vorstellung des Gestaltungsentwurfs im Ortsrat. Das Ziel sei sehr anspruchsvoll, ergänzte ihre Kollegin Rike Kappmeier, zumal das, was seinerzeit an Unrecht und Gewalt begangen wurde, kaum in Worte zu fassen sei. Um das Ausmaß der Zerstörung erahnen zu lassen, entschied sich die Gruppe für die Poesie und einen persönlichen Zugang und wählte ein Gedicht von Ausländer aus. Angereichert mit Textauszügen will die Kunstgruppe das Gedicht „Biographische Notiz“ in Bilder übersetzen.

Die Trafostation nahe dem Gedenkstein an der Thorstraße in Gleidingen soll im Rahmen eines Kunstprojektes von AES-Schülern umgestaltet werden. Quelle: Astrid Köhler

Davidsterne auf Gemälde stehen für die Gleidinger Juden

Auf dem Entwurf für drei Wände der Trafostation sind unter anderem eine Trauerweide, Militärstiefel, die Gleidinger Synagoge und ein Sternenhimmel mit Davidsternen zu sehen. „Für jeden Juden, der in Gleidingen wohnte, gibt es einen Stern“, erklärte Albers. Es sei genau dokumentiert, wer im Ort gewohnt, vertrieben und deportiert wurde. Die auf dem Boden gemalten Sterne stünden für all jene, die es nicht rechtzeitig geschafft hatten zu fliehen. Die Sonnenszene auf der dritten, schmalen Seite könne vom Betrachter als Untergang oder Aufgang gedeutet werden. Sie hätten das Mittel der Poesie gewählt und wollten die Besucher des Gedenkortes zu einem Rundgang um die Trafostation einladen, so Albus.

Ein Gedicht der jüdischen Schriftstellerin Rose Ausländer soll die Trafostation schmücken. Quelle: Mathias Ernert/dpa

Für das Wandgemälde sei bewusst auf die Darstellung von Stacheldraht und Feuer verzichtet, dafür der Davidstern und eines der wenigen Fotos der Gleidinger Synagoge explizit ausgewählt worden. „Die Nazis wollten, dass das nicht mehr gesehen wird, wir aber stellen sie zurück in unser Sichtfeld“, so die Kunstlehrerin. An dem Trafohäuschen solle ferner eine separate Plakette angebracht werden mit kurzen, erklärenden Worten zum Wandbild und dem Gedenkort sowie dem kompletten Wortlaut des Gedichtes „Biographische Notiz“ von Ausländer.

Im Ortsrat gab es für den Entwurf parteiübergreifend sehr viel Lob und einhellige Zustimmung. „Super, dass sich die Schüler so intensiv Gedanken um die Gestaltung gemacht haben“, fasste Ortsbürgermeisterin Silke Rehmert die Reaktionen zusammen. Das Ergebnis sei beeindruckend und runde den Platz ab. Es bestehe die Hoffnung, dass dem Ort künftig mehr Respekt entgegengebracht werde.

So sieht der optimierte Entwurf für Gestaltung von drei Wänden der Trafostation am jüdischen Gedenkstein nach einem Gedicht von Rose Ausländer aus. Unter anderem soll eines der seltenen Fotos der Gleidinger Synagoge eingefügt werden. Quelle: Albert-Einstein-Schule

Bis zum 9. November soll Wandbild fertig sein

Nach Auskunft der AES-Kunstlehrerin sind derzeit noch einige Detailfragen zu klären und soll nach den Sommerferien die praktische Umsetzung des Entwurfs vorbereitet werden. Eine Handvoll Oberstufenschüler habe bereits Interesse angemeldet. Das Projekt solle aber auch für jüngere Schüler geöffnet werden. Ob der derzeit noch sehr grobporigen Außenwände solle zudem idealerweise ein professioneller Wandmaler eingebunden werden, so Albus – zumindest beratend. Ziel sei es, die Bilder bis zur nächsten Gedenkfeier am 9. November auf die Wände der Trafostation übertragen zu haben.

Das Leben von Rose Ausländer (1901 bis 1988)

Die Lyrikerin Rose Ausländer kam am 11. Mai 1901 als Rosalie Beatrice „Ruth“ Scherzer im seinerzeit noch zu Österreich-Ungarn, nach dem Ersten Weltkrieg zu Rumänien und heute zur Ukraine gehörenden Czernowitz zur Welt. Die Stadt, in der 1920 auch der deutschsprachige Dichter Paul Celan („Todesfuge“) geboren wurde und in der fast jeder Zweite jüdischen Glaubens war, gilt als Hauptstadt des Kulturlandes Bukowina (Buchenland). Sie liegt am östlichen Ufer des auch in Ausländers Gedicht „Biographische Notiz“ erwähnten Donaunebenflusses Pruth.

Nach ihrer Schulausbildung in Czernowitz, Budapest und an der Handelsschule der Wiener Kaufmannschaft in Wien erhielt die Tochter liberal-jüdischer und weltoffener Eltern 1919 eine erste Anstellung als Büroleiterin einer Rechtsanwaltskanzlei. Nach dem Tod des Vaters Sigmund wanderte die Gasthörerin von Literatur- und Philosophievorlesungen 1921 mit ihrem Studienfreund Ignaz Ausländer in die USA aus, wo sie als Buchhalterin, Redakteurin und Bankangestellte arbeitete und erste Gedichte publizierte. Zehn Jahre später kehrte Rose Ausländer – die Ehe mit Ignaz wurde kurz zuvor geschieden – nach Czernowitz zurück. Dort erlebte sie nach kurzen Zwischenstationen in Bukarest, Mailand, Paris und New York ab 1940 den Zweiten Weltkrieg mit anfänglich sowjetische Besetzung mit. Ausländer, die 1926 die amerikanische Staatsbürgerschaft erhalten hatte, bis diese ihr 1937 wegen zu langer Abwesenheit wieder aberkannt wurde, wurde noch im selben Jahr wegen Spionageverdachts für die USA vom Inlandsgeheimdienst verhaftet, verhört und für vier Monate inhaftiert.

Nach dem Einmarsch rumänischer und deutscher Truppen im Juli 1941 begann für die Czernowitzer Juden die Leidenszeit. Ausländer wurde mit zigtausend anderen im Getto gefangen gehalten, erlebte dort Zwangsarbeit und Todesnot. Nach der Befreiung der Stadt durch sowjetische Truppen im April 1944 reiste sie über Rumänien in die USA aus, wo sie ihre Gedichte ausschließlich auf Englisch veröffentlichte und als Fremdsprachenkorrespondentin bei Schifffahrtsexpeditionen arbeitete.

1965 siedelte Ausländer in die Bundesrepublik über und lebte fortan in Düsseldorf. Sie ist Autorin zahlreicher Gedichte, steht im Fokus vieler Bücher und Veröffentlichungen von Briefwechseln und erhielt viele Auszeichnungen, darunter den Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland und den Evangelischen Buchpreis.

Am 3. Januar 1988 starb die seit zehn Jahren bettlägerige, aber bis zuletzt schreibende Lyrikerin im Nelly-Sachs-Haus, einem jüdischen Altenwohn- und Pflegeheim in Düsseldorf. Ihre letzte Ruhestätte ist der jüdische Friedhof auf dem dortigen Nordfriedhof.

Von Astrid Köhler

Seit 25 Jahren besteht der Schüleraustausch zwischen der Laatzener Albert-Einstein-Schule (AES) und dem XV. Liceum im polnischen Wroclaw. Zwischen Lehrern und Schülern sei eine ganz besondere Verbindung entstanden, einige polnische Lehrer sind sogar von Beginn an dabei.

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