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Laatzen Hier zogen vor 100 Jahren die ersten „Siedlerkinder“ ein
Aus der Region Region Hannover Laatzen Hier zogen vor 100 Jahren die ersten „Siedlerkinder“ ein
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17:39 05.11.2019
Der Lindenplatz mit den umliegenden Backsteinhäuser und angrenzenden Straßen wurde 1919 auf dem Gelände der früheren Ziegelei Röhr errichtet. Quelle: Astrid Köhler
Alt-Laatzen

Eine mit Laubbäumen gestaltete Freifläche, die von pittoresken roten Backsteinhäusern umgeben ist: Allein der Lindenplatz ist ein Kleinod in Alt-Laatzen. Doch entlang der angrenzenden Nebenstraßen stehen noch Dutzende weitere denkmalgeschützte Häuser. Sie alle gehören zur „Städtischen Siedlung Laatzen“, die der Hannoversche Baurat Paul Wolf auf einem früheren Ziegeleigelände entwickelt hat und die seinerzeit als Beispiel zweckmäßiger Moderne galt. Vor genau 100 Jahren, im Herbst 1919, zogen die ersten Bewohner ein.

Der Erste Weltkrieg war kaum vorbei, als Wolf mit der Aufgabe betraut wurde, im Süden Hannovers eine Siedlung mit Kleinhäusern und Gärten zur Selbstversorgung zu bauen. Wohnraum wurden dringend benötigt und zusätzlich zu den innerstädtischen Siedlungen, die in den Folgejahren unter anderem in Vahrenwald und Hainholz neu entstanden, investierte Hannover auch in das Umland. In Laatzen, so der Plan, sollte eine Siedlung für städtische Arbeiter entstehen. Die zunächst 94 Wohnungen wurde später auf 108 erweitert.

Hannover kauft ehemaliges Ziegeleigelände

Das etwa 6,6 Hektar große Areal (damals 25 Morgen) westlich der Hildesheimer Straße hatte die Hauptstadt Hannover schon 1911 von den Röhr’schen Erben gekauft. Kurz nach Kriegsende wurden die alten Gebäude abgerissen und noch ehe im Februar 1919 mit dem ersten Abschnitt rund um den Lindenplatz begonnen wurde, beschäftigte sich die örtliche Politik mit dem Projekt.

Die Gemeinde Laatzen machte von ihrem Mitspracherecht reichlich Gebrauch, wie aus den Protokollen dieser Zeit hervorgeht. In fast jeder Sitzung – und seinerzeit tagte der Gemeinderat bisweilen mehrfach im Monat – wird das Siedlungsprojekt erwähnt und diskutiert. So wie am 10. Januar 1919, als der Gemeinderat „nochmals über den Fluchtlinienplan auf dem Gelände der Stadt Hannover (früher Röhr’sche Ziegelei“) am Brocksberge“ beriet und unter anderem festlegte, dass der Brocksbergweg wie auch dessen geplante Verlängerung in der vorhandenen Breite beibehalten solle. Die Gemeinde scheute finanzielle Belastungen und stellte am 16. Januar 1919 klar: „Es sollen die anzulegenden Straßen als Privatstraßen angesehen werden und die Anlage, Unterhaltung und Beleuchtung von der Stadt Hannover übernommen werden.“

Straße Am Bergdahle sollte anders heißen

Auch bei den Straßennamen war Laatzen mit einzubeziehen. Was heute den wenigsten bekannt sein dürfte: Die Straße „Am Bergdahle“ erhielt ihren Namen nur dank eines Einspruches der Gemeinde. Eigentlich hätte sie „Giebelstraße“ heißen sollen.

Beschluss der Gemeinde Laatzen am 29. September 1919: "Zu 2 der Tagesordnung wurde beschlossen: Die vom Magistrat Hannover für die Kleinwohnungssiedlung vorgeschlagenen Straßennamen wurden angenommen, bis auf den Namen Giebelstraße. Dafür soll der Flurname "Am Bergdahle gewählt werden." Quelle: Quelle: Stadtarchiv Laatzen / Foto: Köhler

Zentrum der neuen Siedlung war der Lindenplatz mit seinen Baumreihen, dem Kinderspielplatz und angrenzenden Häusern. Auf dessen Südseite entstand zudem ein großes Wohn- und Wirtschaftsgebäude mit Geschosswohnungen, Gaststätte und dem Lebensmittelladen Konsum. Mehr als zwei Jahrzehnte, bis zur Weltkriegsbombardierung 1943 und den anschließenden Abriss, prägte es den Platz.

Bis zur Fertigstellung der Siedlung im Juni 1921 wurden vier Haustypen mit einer Wohnfläche von 74 bis 100 Quadratmetern errichtet, die durchschnittliche 600 Quadratmeter großen Gärten für die Selbstversorgung enthielten. Typ A war ein alleinstehendes Kleinsthaus mit Wohnküche, Stube, Spülküche, Abort (Toilette) und Stall im Erdgeschoss sowie zwei bis drei Schlafräumen in der oberen Etage. Insgesamt standen den Menschen dort – bei einer Grundfläche von 76 Quadratmetern – rund 85 Quadratmeter Wohnfläche plus Keller (30 qm) und Stall (5 qm) zur Verfügung. Darüber hinaus wurden noch Doppelhaushälften (Typ B), Einfamilienreihenhäuser (Typ C) und drei großzügiger ausgestattet Meisterhäuser (Typ D) errichtet. Die Geschosswohnungen in dem Wirtschaftsgebäude am Lindenplatz waren etwa 70 Quadratmeter groß.

Zweckmäßige Behaglichkeit oder verbaute „Butzen“

Die anfängliche Begeisterung wird unter anderem in der Deutschen Bauzeitschrift deutlich. Diese hob 1925 die „zweckmäßige Behaglichkeit“ der Häuser hervor und lobte den Zuschnitt als „gerade nicht eng und gedrückt“. Einige Jahre später war davon keine Rede mehr. Die Häuser seien „verbaut“ und die Räume mit Ausnahme der Wohnküche „kleine Butzen, in die weder Licht noch frische Luft“ eindringe, heißt es in einer Fachzeitschrift.

Im Stadtarchiv Laatzen liegen diverse Dokumente, Fotos und Karten sowie Berichte aus Fachzeitschriften und andere Literatur Städtischen Siedlung, darunter auch eine Doktorarbeit über Paul Wolf.

Die städtische Siedlung in der Gemeinde hatte verschiedene Kritiker, auch in der Gemeinde Laatzen. Deren Hauptsorge war, dass die geschätzt 700 Seelen, die dort leben sollten der Gemeinde zur Last fallen könnte wegen der Schul- und Wohlfahrtspflege.

,Siedlerkinder’ werden nach Hannover zur Schule geschickt

Die ersten Bewohner, die im Herbst 1919 die ersten Kleinsthäuser rund um den Lindenplatz, das Siedlungszentrum, bezogen, waren kinderreiche Arbeiterfamilien, die bei der Stadt Hannover beschäftigt waren. Karl Hoffmann zog als junger Mann mit seinen Eltern und neun Geschwistern in das Haus am Lindenplatz 10b ein. Ein Dutzend Menschen in einem Kleinsthaus waren also keine Seltenheit, und tatsächlich mussten die Jungen und Mädchen fast ein Jahrzehnt lang nach Hannover zur Schule pendeln. Erst durch Nachverhandlungen – unter anderem hatten Ausschussmitglieder der Bürgerlichen Liste einen frühzeitigen Vertragsschluss verhinderten, indem sie die Sitzung verließen – einigten sich Stadt und Gemeinde. Von 1929 an durften die Siedlungskinder die Laatzener Schule besuchen. Bis die Familien von den Alteingesessenen in Laatzen vollends anerkannt wurden, sollte es noch länger dauern.

Auf die Reparationsjahre nach dem Ersten Weltkrieg folgte die Weltwirtschaftskrise und die Zeit des Nationalsozialismus mit dem Zweiten Weltkrieg. Letzterer prägte vor allem das äußere Erscheinungsbild der Städtischen Siedlung. Bei Luftangriffen im September 1943 brannte unter anderem die beliebte Gaststätte und der gestalterisch prägende Konsumladen am Lindenplatz aus. Nach dem Krieg entstanden an seiner Stelle Wohnhäuser. Auch sonst veränderte die Städtische Siedlung teils dramatisch ihr Erscheinungsbild und wurden zweckmäßige, teils mehrgeschossige Nachkriegsbauten in die Backsteinsiedlung gesetzt.

Stadt verkauft Häuser ab den 1960er Jahren

Bis Ende der Sechzigerjahre blieb die Städtische Siedlung im Eigentum der Stadt Hannover, dann begann der Verkauf, wobei ein Großteil der Gebäude von den Bewohnern selbst übernommen wurden. Inzwischen stehen weite Teile der Gebäude im Viertel rund um den Lindenplatz unter Denkmalschutz.

Zur Person: Paul Wolf

Der Planer der Städtischen Siedlung in Laatzen, Paul Wolf, wurde am 21. November 1879 im württembergischen Schrozberg geboren. Nach dem Architekturstudium und ersten Tätigkeiten in Stuttgart sowie Kiel, Kattowitz, Wilhelmshaven und Berlin-Schöneberg wurde er noch in der Kaiserzeit 1914 Magistratsmitglied und Stadtbaurat in Hannover.

Bis zu seinem Wechsel nach Dresden im Jahr 1922, während der Weimarer Republik, plante und realisierte er in Hannover verschiedene Projekte. Er erstellte einen Generalbebauungsplan für die Stadt mit integrierter Grünflächenplanung, was als fortschrittlich galt, und plante neben dem in Laatzen noch verschiedene weitere Wohnprojekte darunter die Kleinhaussiedlungen „Rote Häuser“ in Hannover-Vinnhorst, an der Schulenburger Landstraße in Hannover-Hainholz und den Wohnblock Grabbestraße in Vahrenwald.

In seiner Hauptschaffenszeit arbeitet Wolf, der sich selbst als unpolitisch beschrieb und nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 der NSDAP im Sommer 1933 beigetreten war, als Stadtrat und -baurat in Dresden. Trotz seiner Parteimitgliedschaft und hohen Stellung in der Verwaltung zu NS-Zeiten wurde er auch nach dem Einmarsch der Roten Armee 1945 in Dresden nicht weiter belangt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte sich Wolf eher erfolglos als freier Architekt mit Veröffentlichungen und Plänen am Wiederaufbau der zerstörten deutschen Städte zu beteiligen. Von 1950 bis 1952 arbeitete er als Referent für Stadtplanung am DDR-Ministerium für den Aufbau in Ost-Berlin. Paul Wolf starb am 30. April 1957 in Leonberg bei Stuttgart.

Im Stadtarchiv Laatzen sind verschiedene Dokumente, Karten, Akten und Sekundärliteratur zur Städtischen Siedlung einzusehen, darunter die Dissertation „Leben und Werk des Städtebauers Paul Wolf (1879 - 1957) unter besonderer Berücksichtigung seiner 1914 bis 1922 entstandenen Siedlungsentwürfe für Hannover“. Vorgelegt hat diese die Diplomingenieurin Eva Benz-Rababah am Fachbereich Architektur der Uni Hannover im Jahr 1993. akö

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Von Astrid Köhler

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