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Laatzen „Gräberkult ist überholt“: Zahl der Bestattungen sinkt, das Loch im Haushalt wächst
Aus der Region Region Hannover Laatzen „Gräberkult ist überholt“: Zahl der Bestattungen sinkt, das Loch im Haushalt wächst
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17:02 06.11.2019
Die Fixkosten für Grünpflege und andere Arbeiten bleiben auch bei rückläufigen Bestattungszahlen - so wie auf dem Friedhof am Brocksberg in Alt-Laatzen. Quelle: Johannes Dorndorf
Laatzen

Eigentlich dürfte die Prognose von Bestattungszahlen für Kommunen und Kirchen eine berechenbare Angelegenheit sein. Sterbezahlen variieren in Friedenszeiten schließlich kaum. Dennoch steht die Stadt Laatzen derzeit im Friedhofsbereich vor einem finanziellen Problem: Auf den fünf städtischen Friedhöfen lassen sich zu wenige Menschen bestatten – und zugleich ändern sich die Bestattungsformen.

„Wir haben einen bemerkenswerten Einbruch der Zahlen im Friedhofswesen“, sagt Sven Achtermann, der als Teamleiter im Rathaus für den Bereich zuständig ist. Bereits in den vergangenen drei Jahren habe die Stadt bei den Gebühren einen Rückgang von 80.000 Euro verzeichnet. Nun hat sich der Trend sogar verstärkt: Für 2019 rechnet die Stadt mit einem Minus von weiteren 60.000 Euro. Und dies, obwohl die Friedhofsgebühren gerade erst – nämlich zum 1. Juli – kräftig angehoben wurden. Unterm Strich dürfte die Kommune in diesem Jahr 610.000 Euro an Friedhofsgebühren einnehmen.

Verband: „Friedhöfe werden immer defizitärer“

Wie die Entwicklung genau zu erklären ist, ist bislang unklar. „Den Trend haben andere Kommunen auch“, weiß Achtermann. So hatte unlängst der Bundesverband Deutscher Bestatter festgestellt, dass die Leerflächen auf Friedhöfen in Deutschland immer größer würden. „Der Gräberkult, wie man ihn von früher kennt, ist überholt“, sagt dessen Vizepräsident Ralf Michal. Dem Verband zufolge entschieden sich heute 20 bis 25 Prozent für eine Alternative zur normalen Grabstätte – etwa Gemeinschaftsgrabstätten, Wald- und Seebestattungen. Für Kommunen und Kirchen habe das Konsequenzen: „Friedhöfe werden immer defizitärer“.

In Laatzen sind die Sterbezahlen in den vergangenen Jahren leicht gesunken: von 571 im Jahr 2016 auf 538 im vergangenen Jahr. Einen leichten Rückgang gab es auch bei den Bestattungen. Im laufenden Jahr nun sind bislang 379 Menschen in Laatzen gestorben – auf das Jahr hochgerechnet wäre dies ein deutlicher Rückgang. Parallel beobachtet die Stadt einen Trend weg vom relativ kostenintensiven Wahl- oder Reihengrab hin zur preisgünstigeren Urnenbestattung. „Und in den letzten Jahren sind Friedwälder und Seebestattungen stärker in den Fokus der Bestattungsmöglichkeiten gerückt“, sagt Stadtsprecher Matthias Brinkmann – gut möglich also, dass sich mehr Menschen einfach andernorts bestatten lassen.

Bislang kaum muslimische Bestattungen

Ob die Entwicklung auch mit einer steigenden Zahl muslimischer Bürger zu tun hat, ist schwer zu sagen, Angaben dazu liegen der Stadt nicht vor. „Bislang wurde erst eine einzige muslimische Bestattung in Laatzen durchgeführt“, sagt Brinkmann – mit einem Sarg und nicht dem traditionellen Tuch. „Die städtischen Friedhöfe sind aufgrund der besonderen Regelungen weitestgehend ungeeignet für muslimische Bestattungen.“

Den einzigen nichtstädtischen Friedhof in Laatzen betreibt die Gleidinger St.-Gertruden-Gemeinde. Zur aktuellen Entwicklung dort will sich der Kirchenvorstand nicht äußern.

Wenige Spielräume bei den Ausgaben

Das Einnahmeminus schlägt bei der Stadt auch deshalb so stark ins Kontor, weil es bei den Ausgaben wenig Spielraum gibt, wie Brinkmann erläutert: „Ein großer Teil der Kosten sind Fixkosten.“ Flächen, Gebäuden und Personal müssten unabhängig von den Einnahmen vorgehalten werden.

Für das Defizit aufkommen müssen am Ende die Gebührenzahler – also diejenigen, die künftig Bestattungen in Auftrag geben. Die Stadt rechnet damit, dass die Zahlen für 2019 erst im Laufe des nächsten Jahres feststehen. „Danach sind die Gebühren neu zu kalkulieren“, kündigt Brinkmann an. Setzt sich der Trend fort, dürfte es noch teurer werden, in Laatzen zu sterben: „Langfristig müssten bei weiter sinkenden Fallzahlen die Gebühren erhöht werden, um die Kosten zu decken.“

Politik fordert Ursachenforschung ein

Laatzens Ratspolitiker wollen die Lage nun genau im Blick behalten. Michael Riedel (SPD) besteht darauf, dass die Verwaltung Ursachenforschung betreibt. „Für uns als Rat wäre es wichtig zu wissen, an welchen Stellschrauben wir drehen können, damit wir keine negativen Ergebnisse haben“, sagte Riedel vor kurzem bei der Vorstellung der Zahlen im Stadtentwicklungsausschuss. Auch Dirk Weissleder (FDP) drängt darauf, das Thema zu diskutieren, wenn die abschließenden Zahlen für 2019 vorliegen.

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Von Johannes Dorndorf

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