Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Langenhagen „Was wird aus unserem Zuhause?“
Aus der Region Region Hannover Langenhagen „Was wird aus unserem Zuhause?“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:03 26.11.2017
Im Dachgeschoss versuchen sich einige Jugendliche an einem Protestbanner: Sie wissen künftig nicht, wo sie ihre Nachmittage sinnvoll verbringen sollen. Quelle: Rebekka Neander
Anzeige
Langenhagen

 In dem kleinen Raum unterm Dach ist es laut. Es wird gegrölt. Gelacht. Und doch ist hier niemand glücklich. Acht junge Männer oder vielmehr solche, die es längst gerne sein wollen, sitzen um den Tisch mit einem reinweißen Tischtuch darauf und lassen ihrem Frust freien Lauf. Es braucht ein paar Minuten, bis sich aus dem übermütigen Radau eine Botschaft herausschält. „Das ist doch unser Zuhause!“ Applaus. „Was wird denn aus unserem Zuhause? Wo sollen wir denn jetzt hin?“ Zwei Fragen. Keine Antwort. 

Fröhlich bunt sind im Erdgeschoss eigentlich nur die Papierschnipsel auf dem Fußboden. Quelle: Rebekka Neander

An diesem Abend wird im Unabhängigen Jugendzentrum (UJZ) gefeiert. Ein letztes Mal. Die Umzugskartons stehen im Treppenaufgang schon bereit, während im Erdgeschoss der Billard-Tisch und die Spielkonsole umlagert sind. Bis zum 1. Dezember müssen sie raus sein. Erfahren haben die Besucher, so sagen sie zumindest, es erst vor wenigen Wochen. Kurze Hoffnung, das UJZ könne mittelfristig in die alte Moschee an der Bahnhofstraße umziehen, haben sich schnell zerschlagen. Angesichts der Ausweglosigkeit hat der Trägerverein für Sozialarbeit seine Auflösung beschlossen. 

Anzeige

Während im Dachgeschoss der Gestaltungs-Versuch eines Protestbanners läuft, das bis zum Abriss des legendären Nordtraktes am Langenforther Platz ebendort mahnend flattern soll, versucht unten Viola Mangold mit ein paar Kindern den Blick nach vorne zu richten. An einem Tisch hat die einzige fest angestellte Sozialarbeiterin des UJZ viel Papier von einer Rolle gewickelt. Es soll ein Wunschzettel werden. Nicht für Weihnachten. Sondern für die Jugendhilfeausschuss-Sitzung am 14. Dezember. Auf dem Papier werden Stichworte gesammelt: Was denn alles wieder dort einziehen soll, wenn der marode Nordtrakt durch einen schmucken Neubau ersetzt sein wird. Denn davon gehen sie aus: Dass der neue Nordtrakt wieder ein Jugendzentrum wird und kein edler Seminarbau. So richtig versprochen hat ihnen das bislang niemand. Jedenfalls niemand von der Stadt und eben nicht diesen Jugendlichen in die Hand. 

Wie lange das Unabhängige Jugendzentrum bereits im Nordtrakt residiert, verrät die eine oder andere Wandmalerei. Quelle: Rebekka Neander

Auch an diesem Abend feiert von der städtischen Jugendpflege niemand mit. Umgekehrt aber wird der Besuch des politischen Gremiums für diese Gruppe ebenfalls eine Premiere sein. So richtig viel miteinander zu tun hatten diese Welten bislang nicht. Viola Mangold lacht mit bitterem Mitgefühl. „Nein. Wir hatten hier immer die, die sonst keiner wollte.“ Gemeint sind überwiegend jene, in zweiter, dritter Generation in Deutschland lebend. Nicht wenige besuchten die Hauptschule, die Förderschule, vielleicht noch die IGS. Wenn sie überhaupt etwas regelmäßig besuchten. 

Was mit diesen rund 50 Jugendlichen nun passieren wird, wo sie künftig dreimal in der Woche ihre Zeit sinnvoll totschlagen können, darauf gibt es aus dem Rathaus auf Nachfrage dieser Zeitung eher vage Aussagen. Grundsätzlich, schreibt Stadtsprecherin Juliane Stahl auf die an den neuen, dafür zuständigen Jugendamtsleiter Frank Labatz gerichteten Fragen, „können alle Langenhagener Jugendlichen alle offenen Jugendtreffs der Stadt besuchen“. In der Kernstadt selbst gibt es allerdings keinen, der nächste ist in Wiesenau

Diesen Wunschzettel wollen die Jugendlichen dem Jugendhilfeausschuss in dessen Dezember-Sitzung übergeben. Quelle: Rebekka Neander

Mangold bezweifelt, dass ihre bisherigen Schützlinge den Weg dorthin finden werden. Eine Anlaufstelle im direkt benachbarten Haus der Jugend gibt es nicht. Und auch das Café Monopol spreche eher eine andere Klientel an. Gleichwohl, übermittelt Stahl, seien erste Kontakte geknüpft, um immerhin die Mädchen-Gruppe des UJZ in den Jugendtreff Wiesenau zu integrieren. So richtig herumgesprochen hat sich dies aber offenbar noch nicht. Mangold weiß davon am Abend der Abschiedsparty jedenfalls nichts. 

„Kinder und Jugendliche haben und sollen sich frei an den Orten aufhalten, an denen sie sich wohlfühlen“, heißt es in der Antwort der Stadt. Grundsätzlich lebten offene Angebote davon, dass sich Kinder und Jugendliche wohlfühlen, dies sei und bleibe jedoch die Entscheidung der Kinder und Jugendlichen. 

Ein Student der Sozialarbeit, der an diesem Abend den Banner-Malern hilft, formuliert es mit Blick auf die langen Monate zwischen Abriss und Wiedereröffnung etwas anders: „Die werden jetzt am CCL abhängen.“ Und man werde sicherlich von ihnen hören. So oder so. 

Von Rebekka Neander

Anzeige