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Langenhagen IGS: Landessieg für Flüchtlingsforschung
Aus der Region Region Hannover Langenhagen IGS: Landessieg für Flüchtlingsforschung
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13:23 31.07.2019
Sanja Schmidt und Praveen Ravi haben mit ihrem Beitrag über Flüchtlings-Schicksale in Langenhagen nach dem Zweiten Weltkrieg den Landessieg der Körber-Stiftung errungen. Quelle: Rebekka Neander
Langenhagen

Was macht man, wenn der Gesprächspartner anfängt zu weinen? Wenn er nicht aufhören möchte zu sprechen, einfach weil endlich jemand seine Geschichte hören möchte? Ganz einfach: Dran bleiben, weiter zuhören. Diese vermeintlich so einfache Lektion gehört für Sanja Schmidt und Praveen Ravi wohl zu jenen Erfahrungen, mit denen die jungen Leute nicht gerechnet hatten, als sie sich für die Teilnahme am Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten unter der Federführung der Körber-Stiftung entschlossen. Gelohnt hat sich die ungeplante Lehrstunde allemal: Kurz vor der Ausgabe des Abiturzeugnisses kam die Nachricht vom Landessieg. Im Herbst geht es nun um den Bundesentscheid.

Krise, Umbruch, Aufbruch – So geht’s nicht weiter“ lautete der diesjährige Titel des Wettbewerbs, an dem sich deutschlandweit 5000 Teilnehmer mit rund 2000 Beiträgen beteiligt haben. „Die IGS Langenhagen ist die einzige Siegerschule im Landeswettbewerb aus der Region Hannover“, berichtet Geschichtslehrer Sven Schickerling und der Stolz ist unüberhörbar. „Das Schiller-Gymnasium in Hannover hat einen Förderpreis erhalten“, ergänzt er der Fairness halber. „Aber: In Süddeutschland haben einzelne Schulen teilweise mehr als 20 Beiträge eingereicht, da ist die Region Hannover offenbar nicht so gut aufgestellt.“ Für den Landessieg gab es 250 Euro Preisgeld für beide sowie die Einladung zu einem europaweiten Geschichtsworkshop, der in diesem Jahr jedoch in Berlin stattfindet.

„1945 gelang die Aufnahme von Flüchtlingen besser als 2015“

Schmidt und Ravi widmeten sich in ihrer Arbeit ihrer Heimat, der Stadt Langenhagen. Sie untersuchten monatelang das Mit- und Gegeneinander von Flüchtlingen und Einheimischen unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg und setzten es in Relation zu den Ereignissen 2015. Ihr Fazit: „Obwohl 1945 viel mehr Menschen auf der Flucht waren und im Dorf Langenhagen nur noch 314 Wohnungen überhaupt nutzbar waren, kamen die Menschen offenbar besser miteinander zurecht als während des Flüchtlingsstroms 2015“, berichtet Schmidt. Die beiden jungen Erwachsenen nutzten für ihre Forschung nicht nur Dokumente im Stadtarchiv, darunter unter anderem die Ausgaben des „Dorfboten“, des damaligen Wochenblatts in Langenhagen, sondern suchten auch öffentlich nach Zeitzeugen.

„Es hat sich rund ein Dutzend Zeitzeugen bei uns gemeldet“, erzählt Ravi. Zum Teil sogar Menschen, die längst nicht mehr in Langenhagen leben. „Wir haben dann mit ihnen jeweils einstündige Telefoninterviews geführt“, ergänzt er und taucht ein in durchaus tief gehende Begegnungen. „Wenn jemand erzählt, dass ihm seit dem Krieg eine Hand fehlt oder er das Augenlicht verloren hat, dann rückt die Vorstellung, dass Krieg eben auch hier geschehen kann, plötzlich viel näher.“ Hauptprotagonistin des für den Wettbewerbs verlangten 45-minütigen Films wurde letztlich Schmidts Großmutter, die als 12-Jährige aus dem ostpreußischen Königsberg nach Langenhagen fliehen musste.

Wieviel Rassismus erleben Schüler heute selbst?

Ravi selbst reflektierte nach eigenen Worten bei dieser Arbeit auch sein eigenes Schicksal als Deutscher mit Migrationshintergrund. „Natürlich stellt man dann Vergleiche an über den Rassismus, der den Menschen damals begegnet ist und wie ich ihn im Alltag erlebe. Ob man sich genügend integriert hat oder nicht.“ Beide hatten auch für das Abitur den Leistungskurs Geschichte gewählt. Schmidt will dieses Fach auf Lehramt studieren, Ravi tendiert zu Rechts- oder Sozialwissenschaften. Vorher aber werden beide noch eine Runde durchs Ausland drehen.

Neben den für diese Altersgruppe eher ungewohnt nahegehenden Begegnungen war vor allem die Doppelbelastung parallel zu den Abiturvorbereitungen durchaus stressiger als zu Beginn vermutet, sagt Schickerling. Zumal seine Schützlinge direkt nach dem Start mit ihrer Ursprungsidee stecken geblieben waren. „Eigentlich wollten sie sich der Forschung zur Judenverfolgung in Langenhagen widmen“, berichtet der Historiker und macht aus seiner verärgerten Verwunderung keinen Hehl: „Doch dabei wurden die regelrecht ausgebremst.“ Man solle sich an die jüdische Gemeinde in Hannover wenden, hieß es. Akten seien verbrannt. Es liege nicht genügend vor. „Offenbar gibt es da noch einige schwarze Flecken in der Stadt, die sich lohnten, ausgeleuchtet zu werden“, hält Schickerling fest. Dies aber sei neben dem Abitur für die beiden Heranwachsenden doch zu viel geworden, weshalb sie sich dann dem Zusammenwachsen der Neu- und Alt-Langenhagener stellten.

Film ist Abschiedsgeschenk an die eigene Heimat

Bislang ist der Film, den Schmidt und Ravi auch als eine Art Abschiedsgeschenk an die eigene Heimat verstehen, nicht öffentlich zu sehen. „Nach der Preisverleihung im Landtag in Hannover am 28. August werden wir alles daran setzen, dass wir ihn mindestens auf der Homapage der Schule zeigen können“, betont Schickerling. Es sei erklärter Wunsch der Befragten, dass ihr Schicksal dokumentiert und für die Nachwelt sichtbar werde. Für Schickerling steht schon jetzt fest, dass dieser Wettbewerbs-Premiere für die IGS in jedem Fall weitere Beiträge folgen sollten.

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In einer früheren Version dieses Artikels war der Vorname des Schülers Ravi versehentlich falsch geschrieben worden. Dies ist inzwischen korrigiert worden.

Von Rebekka Neander

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