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Langenhagen „Wir sind ein Volk“: Wende-Pfarrer predigt in Engelbostel
Aus der Region Region Hannover Langenhagen „Wir sind ein Volk“: Wende-Pfarrer predigt in Engelbostel
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09:27 09.11.2019
Ein seltener und besonderer Gast füllt zum Reformationstag die Martinsgemeinde in Engelbostel: Christoph Wonneberger (rechts) aus Leipzig predigt mit Pastor Rainer Müller-Jödicke. Quelle: Rebekka Neander
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Engelbostel

„Selig sind die Penner. Selig ist der letzte Dreck.“ Es weht ein anderer Wind an diesem Feiertag durch die lichtdurchflutete Martinskirche in Engelbostel. Er trägt einen anderen Klang. Und das liegt beileibe nicht nur daran, dass hier jemand hörbar aus Sachsen kommt. Christoph Wonneberger ist aus Leipzig angereist, steht am Altar und versichert seinem Engelbosteler Kollegen Rainer Müller-Jödicke, dass dieser sich keinesfalls verhört hat. Nein, Wonnebergers Seligpreisungen lesen sich anders, als sie die Bibel eigentlich festhält. Und vielleicht erklärt dies auch ein wenig, warum Wonnebergers Anwesenheit an diesem Reformationstag die Kirche über alle Erwartungen füllt. Und warum an diesem so schönen Herbsttag Tränen der Rührung fließen.

Wonneberger schmuggelt Umdruckmaschine nach Leipzig

Denn es sind dicke Bande, die zwar unsichtbar, aber dennoch tief berührend diesen kleinen, nicht ahnbar 79-jährigen Mann mit einigen Menschen auf den Kirchenbänken verbinden. Es ist Wonneberger, der 1982 in Dresden und ab 1986 in Leipzig die Friedensgebete entscheidend bis zur Wende und dem Fall der Mauer führt. Für den die Engelbosteler Partnergemeinde eine Umdruckmaschine über die Grenze schmuggelt. Später folgt ein Blankoformular aus Engelbostel, das eine andere, ebenfalls schwarz aus dem Westen beschaffte Matritzendruckmaschine für die DDR-Behörden legalisiert. Auf ihnen entsteht im Oktober 1989 eines der wohl bedeutendsten Flugblätter der neueren deutschen Geschichte: „Wir sind ein Volk“ ist darauf unter anderem zu lesen. Vor allem aber: Warum Gewalt in den stetig wachsenden Montagsdemonstrationen keinen Platz hat und wie sie zu verhindern ist.

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"Wir sind ein Volk" - eines der bedeutendsten Flugblätter der neueren deutschen Geschichte: Vervielfältigt auf einer geschmuggelten Matritzendruckmaschine, die die Engelbosteler Kirchengemeinde mittels "Schenkung" legalisierte. Quelle: Rebekka Neander

Doch schon in der zweiten Kirchenbank sitzt an diesem Reformationstag beispielsweise auch Holger Bornkap. Er saß schon einmal in Wonnebergers Kirche. Und lauschte dessen Friedensgebeten. Bis 1986. Bis er mit seiner Familie aus der DDR ausgebürgert wurde. Ein HAZ-Artikel über Wonnebergers bevorstehenden Besuch in Engelbostel hat ihn in die Martinskirche geführt. So wie viele andere. „Ich kannte heute vielleicht ein Viertel der Besucher“, räumt später Müller-Jödicke tief berührt ein.

Christoph Wonneberger hat der Engelbosteler Martinsgemeinde mehr zu verdanken als eine vor Wendezeiten über die Grenze geschmuggelte Druckmaschine.

Zufall öffnet Pastor Müller-Jödicke die Augen

Gerade einmal ein halbes Jahr ist es her, dass Engelbostels Pastor in einem Gespräch mit seinem ehemaligen Diakon Holger Kiesé erkennt, dass dessen alter Freund Wonneberger eben genau jener Wonneberger ist, den Müller-Jödicke als Theologie-Student vor vielen Jahren in Leipzig besuchen durfte. Wonneberger war zu jenem Zeitpunkt noch stark beeinträchtigt durch den Schlaganfall, den er wenige Tage nach dem berühmten 9. Oktober 1989, als erstmals Zehntausende auf die Straße gingen, erlitten hat und dennoch abends live per Telefon von Hans-Joachim Friedrichs für die Tagesthemen interviewt wurde.

Dass viele Jahre später ausgerechnet die Engelbosteler Martinsgemeinde Müller-Jödickes Heimat werden wird, ahnt der Student damals natürlich nicht. Engelbostel ist seit jenen Jahren Partnergemeinde der Lukasgemeinde in Leipzig-Volkmarsdorf, in der Wonneberger predigt. Kiesé begleitet als Diakon Jugendgruppen nach Leipzig. Dass Engelbostels Gemeindepfarrer Manfred Schmidt und seine Frau Karla ihren Freund Wonneberger nach dem Schlaganfall buchstäblich einpacken, nach Engelbostel bringen, im Haus von Kirchenvorstand Henning Jacob einquartieren und ihm einen Therapieplatz in der Medizinischen Hochschule verschaffen, erfährt Müller-Jödicke vor sechs Monaten zum ersten Mal. „Danach war für mich klar, dass er herkommen muss.“

„Wer streiten will, muss Theologie studieren“

Und so wird nicht nur der Gottesdienst am Reformationstag zu einem sehr besonderen Moment. In einer Art Predigt interviewt Müller-Jödicke seinen Gast und entlockt ihm das Geheimnis seines Mutes. „Mein Vater war ein noch kleinerer Mann als ich und selbst Sohn eines sehr ehrgeizigen Mannes.“ Gegen die sehr strenge Erziehung des Vaters begehrte Christoph Wonneberger auf. „Wenn er mich haute, stahl ich etwas. Es musste ihm auch wehtun.“ Seine Schlussfolgerung: „Wenn man mit qualifizierten Menschen streiten will, so muss man Theologie studieren.“ Nur als Pfarrer würde er in der DDR die dafür nötige Freiheit genießen. Was in der Kirche wie versöhnliche Plauderei klingt, ist für den heranwachsenden Wonneberger ein harter Weg. Als Student geht er nach Prag – im Frühling 1968. Die dort auffahrenden sowjetischen Panzer erlebt er ebenso hautnah mit wie das spätere – und erfolgreichere – Aufstehen der polnischen Gesellschaft 1980.

Anschließend im Gemeindehaus verrät Wonneberger, dass er selbst den 9. Oktober 1989 im Grunde gar nicht auf der Straße war. Er hatte Vorbereitungen zu treffen, damit die Bilder von den Menschen, die nicht müde wurden, Meinungsfreiheit einzufordern, um die Welt gehen können. „Wir postierten entlang der Demonstrationsroute überall Leute, die von oben fotografieren sollten.“ In seiner Wohnung bohrte er eigenhändig Löcher in die Wand, um das Telefonkabel in einen anderen „ungestörten“ Raum umleiten zu können. Das Gespräch mit dem NDR für die Live-Schaltung in die Tagesthemen war zu diesem Zeitpunkt mithilfe westlicher Journalisten längst verabredet.

Ein Tisch voller Geschichte: Holger Bornkap (im karierten Hemd) saß drei Jahre in den Friedensgebeten Wonnebergers bis er auf den Tag genau vor 33 Jahren aus der DDR ausgebürgert wurde. Neben ihm berichtet Karla Schmidt, wie sie im Auto Einzelteile einer Druckmaschine nach Leipzig schmuggelte. Quelle: Rebekka Neander

Wer gehörte zu den Schmugglern in der Gemeinde?

Eckhard Jacob verfolgt die Gespräche am Reformationstag mit ganz besonderem Interesse. Gehörte wohl sein Vater Henning, seinerzeit nicht nur Kirchenvorstand in Engelbostel, sondern auch „gewissenhafter Beamter“, auch zu den Schmugglern der Umdruckmaschine? Er lacht, während er im Gemeindehaus die Bau-Anleitung studiert, die zu einer kleinen, aber feinen Ausstellung rund um diese spannenden Tage gehört. Doch Wonneberger und auch Karla Schmidt können ihn beruhigen. In 25 Einzelteile zerlegt, gelangte der ausrangierte „Matritzenumdrucker“ in metallenen Kaffeedosen als Weihnachtspost über die Grenze. Lediglich die große Rotortonne fuhren Schmidts mit dem Auto und flatternden Nerven nach Leipzig.

In diesem Auto erlebte Wonneberger, wie er am Donnerstag verriet, die „Wende“ auf ganz eigentümliche Art. Der Fall der Mauer war an ihm, nach dem Schlaganfall auf der Intensivstation liegend, vorbeigegangen. Als klar war, dass ihm nur eine Therapie in Hannover würde helfen können, packten Schmidts ihn kurzerhand ins Auto. Sprechen konnte Wonneberger zu diesem Zeitpunkt nicht. Stumm musste er fassungslos jene endlosen Minuten erleben, in denen das Auto – wie vorgeschrieben – im Schritttempo über das weite Gelände am Grenzübergang Marienborn schlich. Voll erleuchtet, aber von jeder Menschenseele verlassen.

Lesen Sie dazu auch: Zu Besuch: Der Pastor, der „Wir sind das Volk“ erfand

Welten begegnen sich: Wonneberger im Gymnasium

Wie viel Zeit seit dem Fall der Mauer vergangen ist, zeigt sich am Freitagmorgen in der Aula des Gymnasiums. Die Jahrgänge 10 und 11 verfolgen hoch konzentriert, was Christoph Wonneberger auf der Bühne berichtet. Sie sehen die Bilder der ersten Montagsdemonstrationen, lauschen dem Live-Telefonat mit den Tagesthemen vom Abend des 9. Oktobers 1989. Für die wirkliche Fallhöhe dieser Momente, in welcher Gefahr sich Wonneberger und seine Wegbegleiter befanden, welche Angst in Halbsätzen wie „Die Stasi hat mich ein paar Mal abgeholt und ich wusste nie, wie lange sie mich dabehalten würden“ steckt, sind die Ereignisse aber vielleicht schon zu weit weg.

Dabei sind Wonnebergers Erkenntnisse, wie man die breite Masse durch geschickte Vernetzung für eine Idee gewinnen kann, welche Macht Bilder haben und warum Gewalt unter allen Umständen zu verhindern ist, aktueller denn je. Parallelen zu den Entwicklungen der Fridays-for-Future-Bewegungen kommen jedoch nicht zur Sprache. Die Fragen der Jugendlichen drehen sich mehr darum, ob es Momente des Zweifels gab, Momente des Aufgebens. Doch dies kann Wonneberger klar verneinen. Die jungen Menschen seien damals in seine Kirche gekommen – nicht der Religion wegen. „Sie kamen, weil ich ihre Themen aufgenommen habe. So waren nicht alle Kirchen. Ich war da eher ein Außenseiter.“ Eine Botschaft, die letztlich vor allem die Erwachsenen in der Aula mit Interesse verfolgt haben dürften.

Christoph Wonneberger steht dem 10. und 11. Jahrgang des Gymnasiums Langenhagen Rede und Antwort, wie seine Friedensgebete in Leipzig begannen.

Von Rebekka Neander