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Lehrte Der streitbare Pfarrer geht
Aus der Region Region Hannover Lehrte Der streitbare Pfarrer geht
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00:17 27.09.2018
Der stellvertretende Probst des Dekanats Hannover, Christoph Paschek (links), entpflichtet Roman Blasikiewicz. Quelle: Michael Schütz
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Lehrte

Es ist selten geworden, dass außerhalb Weihnachtens und Osterns hiesige Kirchen voll sind. Es muss schon einen besonderen Anlass geben. Am Sonntag war das die Verabschiedung des Pfarrers in St. Bernward, Roman Blasikiewicz. Nach 15 Jahren in Lehrte hat der katholische Seelsorger mit 68 Jahren seine Altersgrenze erreicht und ist in einer Dankesmesse an der Feldstraße vom stellvertretenden Propst des Dekanats, dem Gehrdener Pfarrer Christoph Paschek, mit dem Stichtag 30. September in den Ruhestand verabschiedet worden. Dazu las Paschek eine Urkunde des Weihbischofs Nikolaus Schwerdtfeger vom Bistum Hildesheim vor.

Dass es ausgerechnet Paschek war, dem diese Aufgabe zufiel, war sicher kein Zufall. Blasikiewicz nannte ihn einen langjährigen Freund und Weggefährten. Vor 40 Jahren hätten sie sich in Neuss kennengelernt und zusammen in Paderborn studiert. „Und in den letzten Jahren hatten wir Hannover im Griff“, meinte der Gehrdener Paschek mit einem Lachen. „Du von Osten und ich von Westen.“

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Welche Wertschätzung der Geistliche, der neben seinen Lehrter Schäfchen in den letzten vier Jahren nach einer Fusion auch für Sehnde und Bolzum zuständig war, genießt, war an den Gästen beim Abschied zu erkennen. Aus dem kirchlichen Bereich waren Vertreter protestantischer Konfessionen ebenso vertreten wie Anba Damian, Bischof der koptischen Christen in Norddeutschland.

Zum letzten Mal zelebriert Roman Blasikiewicz die Eucharistie. Quelle: Michael Schütz

Aus den weltlichen Bereichen war insbesondere die Politik vertreten. Neben Sehndes stellvertretender Bürgermeisterin Gisela Neuse verabschiedete sich auch Lehrtes Bürgermeister Klaus Sidortschuk von Blasikiewicz. In seiner Ansprache kam das zur Sprache, was den Pfarrer über die Grenzen seiner Gemeinde hinaus bekannt gemacht hat. „Sie haben der Gesellschaft einiges in das Gebetbuch geschrieben“, meinte das Stadtoberhaupt und spielte damit auf die gesellschaftskritischen Predigten etwa zum Maifeiertag an. „Sie haben sich außerhalb der Kirche eingebracht, ja sogar eingemischt.“ Auch der Lehrter DGB-Vorsitzende Reinhard Nold spielte darauf an. „Nachdem Sie das erste Mal bei der Maifeier dabei waren, hat mich jemand gefragt, ob Sie Kommunist seien.“ Bei den Lehrter Gewerkschaftern sei Blasikiewicz jedenfalls gut angesehen.

Ein Beispiel seiner streitbaren Natur konnten die Besucher des Dankgottesdienstes auch noch ein letztes Mal bei Blasikiewiczs Predigt erfahren. Hier brachte er den Drang der Menschen ins Spiel, nach Macht zu streben. Das gelte nicht nur in der Politik, sondern in allen Bereichen der Gesellschaft von Familie bis zur Kirche selbst. Er plädierte dafür, ohne Hintergedanken Mitmenschen zu helfen. Das gelte gerade für Christen, die sich auch heute offen zu ihrem Glauben bekennen müssen, „auch wenn uns deswegen manchmal der Wind um die Ohren bläst.“

Dass er mit diesen Ansichten und seiner Seelsorge über die Jahre in Lehrte beliebt geworden ist, zeigte sich deutlich in der Tatsache, dass bei der Verabschiedung viele Gruppen auftraten, allen voran die Kinder des kirchlichen Kindergartens und der Bernward-Schule.

Die Kinder des Bernward-Kindergartens verabschieden ihren Pfarrer. Quelle: Michael Schütz

Am 1. Oktober geht Blasikiewicz nach Altötting, wo er Stiftskanoniker in der Wallfahrtsseelsorge wird. Die Bernward-Gemeinde wird dann von einem Pastoralteam aus zwei Gemeindereferenten und drei Priestern übernommen.

Von Michael Schütz