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Lehrte Die Drobel: Seit 25 Jahren ein Kampf ums Überleben
Aus der Region Region Hannover Lehrte Die Drobel: Seit 25 Jahren ein Kampf ums Überleben
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14:26 23.05.2019
Drobel-Leiter Thomas Tschirner und Angelika Kunz, die den Trägerverein seinerzeit mitgegründet hat, freuen sich, dass im Hinterhof der Fachstelle im Juni ein Szenetreff eröffnet wird. Quelle: Katja Eggers
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Lehrte

 „Es war immer kurz vor knapp“, sagt Thomas Tschirner, Leiter der Fachstelle für Sucht und Suchtprävention Drobel in Lehrte. Die Einrichtung, die sich seit 1994 um Menschen mit einer Suchterkrankung kümmert und ihnen Beratung sowie psychosoziale Betreuung anbietet, hat von Anfang an kämpfen müssen. Das Geld war stets knapp, die Vorurteile in der Lehrter Bevölkerung waren dafür mitunter umso größer. Vor allem Anlieger der Drobel befürchteten, dass Lehrte durch die Einrichtung zu einem Anziehungspunkt der Drogenszene werden könnte.

Ihre Türen öffnete die Drobel dennoch – erstmals 1994 in Räumen am Gehrkamp, drei Jahre später an der Großen Moorstraße und nach einem weiteren Umzug zuletzt 2012 an der Bahnhofstraße 12, wo sie bis heute beheimatet ist. Wie die Drobel arbeitet und welche Angebote es gibt, konnten Besucher am Mittwoch erleben, als die Einrichtung ihr 25-jähriges Bestehen mit einem Tag der offenen Tür feierte.

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Methadon für Heroinabhängige

Greif Sander, Arzt aus Hannover, gewährt einen Einblick in die Ausgabestelle für die Ersatzdrogen Methadon und Polamidon. Quelle: Katja Eggers

Initiatoren waren seinerzeit der Lehrter Arzt Reinhard Lauritzen und seine Mitarbeiterin Anke Kunz gewesen. Mit weiteren Interessierten gründeten sie im Januar 1994 den Trägerverein. Die Beratungsstelle öffnete im Mai. Finanziert wurde die Einrichtung in den ersten sechs Jahren von Ärzten, die in der Drobel substituierten, also die Ersatzdrogen Methadon und Polamidon an Opiatabhängige ausgaben. Die ersten Fördermittel flossen erst im Jahr 2000. Die Region gab 20.000 Mark.

Mittlerweile bekommt die Drobel jährlich 33.000 Euro von der Region und 66.000 Euro vom Land. Von der Stadt habe es bis vor gar nicht langer Zeit indessen keine Unterstützung gegeben. „Die wollten uns in Lehrte nicht haben – für Menschen am Rande der Gesellschaft wurde kein Geld zur Verfügung gestellt“, sagt Kunz.

Praktische Hilfe für den Alltag

Auch mehrere Fusionspläne mit großen Trägern scheiterten. Die Drobel stand mehrfach vor der Pleite. Überbrückt wurde mit zinslosen Krediten großer Träger und weil Mitarbeiter monatelang auf ihr Gehalt verzichteten, bis es wieder neues Fördergeld gab. Die Schließung der Drobel hätte für Suchtkranke wie Alex eine Katastrophe bedeutet. Er besucht die Drobel seit mehr als zehn Jahren, holt sich dort zweimal die Woche sein Polamidon „Heroin brauche ich jetzt nicht mehr“, sagt er. Zu den Mitarbeitern hat er im Laufe der Jahre großes Vertrauen aufgebaut.

Die Drobel hat ihren Sitz seit 2012 an der Bahnhofstraße 12. Quelle: Katja Eggers

Neben Tschirner sind in der Drobel heute vier weitere Sozialarbeiter und einige gering Beschäftigte im Einsatz. Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die Beratung und Vermittlung Abhängiger in weiterführende Einrichtungen wie Therapie- und Entgiftungseinrichtungen oder stationäres Wohnen. Vier Ärzten stellt die Drobel ihre Räume zudem für die Sustitution zur Verfügung. Darüber hinaus bieten die Mitarbeiter den Suchtkranken praktische Hilfe für den Alltag an. Sie begleiten etwa bei Behördengängen, helfen bei Umzügen, schreiben Briefe. Prävention ist ein weiteres großes Thema.

Neuer Szenetreff im Innenhof

Das Drobel-Angebot ist vor allem niederschwellig. „Wir sind offen für alle“, betont Tschirner. Eine Fortsetzung findet dies Konzept auch im neuen Szenetreff. Ab dem 1. Juni wird der Innenhof der Drobel zum Szenetreff für Suchtkranke. Ziel ist es, diese von der Straße zu holen und zu verhindern, dass sie sich stattdessen an öffentlichen Plätzen im Stadtgebiet treffen. Die Region bezuschusst das Projekt mit 6000 Euro. Und auch von der Stadt gibt es Geld, und zwar 10.000 Euro.

Interview: Weniger Heroin, mehr Partydrogen

25 Jahre Drobel in Lehrte. Unsere Reporterin Katja Eggers hat mit dem Leiter der Einrichtung, Thomas Tschirner, gesprochen.

Herr Tschirner, wie viele Suchtabhängige kommen täglich in die Drobel?

Das ist unterschiedlich. Unser offenes Café besuchen täglich zwischen 30 und 40 Suchtabhängige. In unsere Beratung kommen etwas weniger. Oft gibt es im Café einen kurzen Kontakt, und dann gehen wir rüber in die Beratungsräume. In den kooperierenden Arztpraxen werden insgesamt 200 Personen substituiert. Das sind Opiatabhängige wie zum Beispiel Heroinabhängige, die als Ersatzdroge Methadon oder Polamidon bekommen. In der Drobel sind wir in der begleitenden psychosozialen Betreuung aber nur für 110 Substituierte zuständig.

Hat sich der Drogenkonsum in den vergangenen 25 Jahren verändert?

Ja, Heroin wird heute deutlich weniger konsumiert als früher. Dafür haben Kokain, Partydrogen, Amphetamin und Crack zugenommen. In Lehrte hat sich seit fast zwei Jahren eine regelrechte Crack-Szene entwickelt. Die meisten Suchtkranken sind zudem mehrfachabhängig. Alkohol ist dann fast immer dabei. Das Komasaufen bei Jugendlichen ist jedoch zurückgegangen. Probleme bereiten eher Cannabis- sowie Medien- , Internet- und Spielsucht. Die jüngere Generation der Suchtkranken unterscheidet sich aber auch stark von den älteren Abhängigen.

Inwiefern?

Früher haben sich Abhängige gegenseitig unterstützt, sich im Krankenhaus besucht, gegenseitig auch mal finanziell ausgeholfen. Sie kamen häufig noch aus einem ordentlichen Elternhaus und hatten einen Beruf gelernt. Drogenkonsumenten unter 30 Jahren bringen heute oft keinen Bildungshintergrund mehr mit und sind sich selbst die Nächsten.

Von Katja Eggers