Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Neustadt Das Offline-Rathaus: Wie läuft es hinter den Kulissen nach der Neustädter Cyberattacke
Aus der Region Region Hannover Neustadt Das Offline-Rathaus: Wie läuft es hinter den Kulissen nach der Neustädter Cyberattacke
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:10 12.09.2019
Zwei Auszubildende des IT-Anbieters Hann-IT warten vor dem Bürgerbüro. Router und Kabelsalat zeigen an, drinnen ist derzeit alles offline. Quelle: Mario Moers
Neustadt

Auch an Tag sechs des System-Totalausfalls bleiben in der Neustädter Verwaltung die Bildschirme schwarz. „Ab sofort wieder stempeln“, steht mit Edding auf einem Post-it geschrieben, das neben der elektronischen Zeiterfassung beim Pförtner hängt. Darunter die wichtigste Regel dieser Tage; „Die PC´s bleiben bitte aus“ und ein dickes Ausrufezeichen.

Der Innenminister meldet sich zu Wort

Der Virenbefall der Verwaltungsrechner lenkt derweil bundesweit die Aufmerksamkeit von Medien und Politikern nach Neustadt. Eben weil hier seit beinahe einer Woche nichts mehr geht, steht das Offline-Rathaus plötzlich im Fokus der Öffentlichkeit. „Fälle wie dieser machen klar, wie akut und realistisch die Gefahr von Cyberattacken auf Bürger, Verwaltungen, Unternehmen und kritische Infrastrukturen sind“, nimmt Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius am Dienstag Stellung zu der Infektion. Am nächsten Morgen stehen die Fernsehteams vor der Tür. „Drei waren bereits hier, so viele haben wir hier sonst in einem Jahr nicht“, sagt Bürgermeister Uwe Sternbeck.

Das Stadtbüro ist geöffnet, aber abgeschnitten von den eigenen Daten. Die Mitarbeiter versuchen trotzdem zu helfen, müssen die meisten Kunden aber vertrösten und bitten in der kommenden Woche wiederzukommen. Ab Donnerstag kümmern sich zwei Neustädter Kollegen im Bürgerbüro Wunstorf um die Angelegenheiten. Quelle: Mario Moers

Während die überregionalen Medien und der Innenminister die vermeintliche Hackerattacke als Symptom einer neuartigen, digitalen Dauerbedrohung deuten, bemerken Neustädter den Ausfall derzeit nur, wenn sie dringende Behördengänge erledigen müssen. In den sozialen Medien gibt es zu dem Ausnahmezustand auffällig wenige Kommentare. Die geschlossene Postfiliale und die entlaufene Katze „Peppa“ entlocken den Besuchern der sonst so regen Facebookgruppe „Bürger der Stadt Neustadt am Rübenberge“ mehr Kommentare als die Cyberattacke aus den Nachrichten.

Emotet bedeutet improvisieren

Für diejenigen allerdings, die einen neuen Personalausweis, eine Auto-Zulassung oder andere Dokumente benötigen, bedeutet Emotet vor allem: Telefonieren, Aufschieben und Improvisieren. Ein Bestatter der sich am Mittwochvormittag extra aus Hamburg auf den Weg nach Neustadt gemacht hat, ist verdutzt, als er auf dem Flur vor dem Standesamt erfährt, dass die Verwaltung derzeit keinen Zugriff auf die Einwohnermeldedaten hat. „Ich muss dem Friedhof in Hamburg eine Bestätigung zeigen, dass der Verstorbene hier abgemeldet wurde“, erzählt er, die Papiere unter den Arm geklemmt. Normalerweise geht das ganz schnell. Im Computer des Standesamts wird die Sterbefallanzeige vermerkt, fertig. Heute wird improvisiert. „Wenn jemand gestorben ist, lassen wir hier natürlich niemanden stehen“, nimmt ein Mitarbeiter den Mann im schwarzen Traueranzug an die Hand und führt in zur Standesbeamtin.

Ein Bestatter ist extra aus Hamburg angereist, um sich im Neustädter Standesamt einen Sterbefall anzuzeigen. Von dem IT-Ausfall hat er noch nichts mitbekommen. Quelle: Mario Moers

Zehn Minuten später ist dem Hamburger geholfen. „Es wurde eine Bescheinigung über Zurückstellung der Beurkundung eines Sterbefalls ausgestellt“, berichtet er erleichtert. Auch bei dem Rückfall in analoge Zustände bleibt auf die Originalität der deutschen Bürokratie verlass. Wer aber glaubt, dass die Rückkehr zu Akte, Stempel und Kugelschreiber die ausgefallene IT auf althergebrachte Art überbrücken könnten, liegt voll daneben. „Wenn wir damit anfangen, produzieren wir einen Wust von Papier, dem wir am Ende nicht hinterherkommen“, erklärt Stadtbüro-Mitarbeiter Michael Hermens. Hinter ihm ziehen gerade zwei junge Azubis eines IT-Anbieters die Router aus den Buchsen.

Computerleute wuseln durch die Büros

Computerleute wuseln dieser Tage durch alle Büros. Die Mitarbeiter versuchen derweil per Telefon die wichtigsten Bürgeranfragen zu regeln. Seit Donnerstag sind zwei Sachbearbeiter aus Neustadt als Verstärkung im Bürgerbüro Wunstorf im Ausnahmeeinsatz. Die Nachbarkommune leistet bereits seit Beginn der Krise Amtshilfe. Dem Improvisieren sind allerdings Grenzen gesetzt. Ein leichtfertiger Umgang mit den Daten der Bürger käme schließlich dem Verhalten des Virus gleich. Um die Ordnung aufrecht zu halten, findet täglich eine außerordentliche Führungskräfte-Sitzung statt. „Natürlich ist diese Situation außergewöhnlich“, sagt Bürgermeister Uwe Sternbeck.

„Schönes neues Digitalzeitalter, zum Kotzen“, ärgert sich Stadtbüro-Kunde Michael D.. Seine Ausweisangelegenheit lässt sich offline nicht klären. Wegen Zwischenfällen wie diesem denkt er schon länger darüber nach, sich zu Hause ein Notstromaggregat zuzulegen. „Meinen Bürorechner halte ich deshalb seit 20 Jahren vom Netz getrennt“, sagt er und zieht unverrichteter Dinge davon.

Vorsicht bei E-Mails aus dem Rathaus

Die Stadt Neustadt warnt Geschäftspartner „sehr vorsichtig mit elektronischen Dokumenten umzugehen, die vermeintlich von Mitarbeitern oder Abteilungen der Verwaltung stammen.“ Ob infizierte Mails auch von der Neustädter Stadtverwaltung versandt wurden, ist derzeit noch unklar. Beamte der Cybercrime-Einheit untersuchen den Fall derzeit in Hannover.

Die Schadsoftware Emotet ist seit 2014 auf dem Radar der Virenbekämpfer. Ursprünglich diente der Trojaner dazu, durch Abfischen von Bankdaten Geld zu stehlen. Inzwischen wurde der Virus so weiterentwickelt, dass er über hochkomplexe Mechanismen der Tarnung, Verteidigung und Verbreitung verfügt. Emotet ist darüberhinaus in der Lage, weitere Schadsoftware quasi modular nachzuladen. Auf diese Weise dient der Trojaner möglicherweise als eine Art Vertriebsnetzwerk für kriminelle Absichten unterschiedlichster Art.

Besonders perfide sind offenbar die authentischen E-Mails, die Anwender dazu bringen, einen infizierten Anhang zu öffnen. Um diese Nachrichten glaubwürdig zu gestalten, liest Emotet die Kontaktbeziehungen und , nach Erkentnissen des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), seit einigen Wochen auch E-Mail-Inhalte aus den Postfächern bereits infizierter Systeme aus. Auf diese Weise entsteht bei den Empfängern infizierter E-Mails der Eindruck auf eine tatsächlich geführte Unterhaltung zu reagieren.

Zum Weiterlesen:

Von Mario Moers

Das Neustädter Rathaus ist seit sechs Tagen offline. Dirk Musfeldt, Vorstand des IT-Unternehmens Hann-IT, erklärt im Interview, wieso löschen und neu installieren jetzt die einzige Möglichkeit ist.

12.09.2019

Viel Streit, wenig Bewegung: Der Schulausschuss hat Entscheidungen zum Standort der Grundschule Mandelsloh-Helstorf und zur geplanten Bildungslandschaft West wieder vertagt. Ein Ausbau der Schule in Schneeren soll immerhin geplant werden.

12.09.2019

Die Polizei geht davon aus, dass das Feuer in einem Häuschen am Weenser Damm am Dienstag von Menschen verursacht worden ist – vielleicht nicht absichtlich. Der Brand eines Viehunterstands bei Suttorf muss aber gelegt worden sein, ebenso wie zwei weitere Bagatellfeuer am selben Abend.

12.09.2019