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Neustadt Gedenkzug erinnert an Pogrom von 1938
Aus der Region Region Hannover Neustadt Gedenkzug erinnert an Pogrom von 1938
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15:47 10.11.2019
Am Neustädter Mahnmal erinnert Bürgermeister Dominic Herbst an die Pogrome. Das Mahnmal nennt die Namen der Opfer, den Zeitpunkt ihrer Deportation oder Flucht sowie Todesdatum und Ort. Quelle: Patricia Chadde
Neustadt

Am 9. November um 11.30 Uhr in Neustadts Fußgängerzone: In der Mittelstraße ist mehr los, als in den anderen Straßen. Der Grund: Rund 80 Menschen haben sich dort versammelt, wo bis zur Reichspogromnacht am 9. November 1938 Neustadts Synagoge ein offenes Haus war. Sie wollen den Opfern der NS-Zeit gedenken.

„Mich hat die Geschichte des jüdischen Volkes sehr beschäftigt, die Taten unseres Volkes erschüttern mich“, nennt Gabi Müggeburg den Grund ihrer Teilnahme. Auch Reinhard Sell, Schulleiter des Neustädter Gymnasiums, findet Erinnerungskultur elementar: „Die Zeiten werden schwieriger, die Zeitzeugen weniger“. Sell setzt auf Haltung und Handlung. Die zeigt auch Barbara Suckow, den Arm voller weißer und roter Rosen: „Ich möchte, dass das Gedenken öffentlich ist“, bekräftigt sie.

„Die Synagoge war Teil eines Fachwerk-Riegels“, weiß Hubert Brieden. Wäre sie angesteckt worden, wie rund 1400 Synagogen und jüdischen Liegenschaften in dieser Nacht, wären angrenzende Häuser ebenfalls ein Raub der Flammen geworden. Das ist der wahrscheinlichste Grund, weshalb das jüdische Gebetshaus geplündert wurde, aber nicht brannte. Doch weil das Dach beschädigt wurde, drang Regenwasser ein.

Teilnehmer halten Banner: „Gegen jeden Antisemitismus“

Passanten schauen neugierig auf die Gruppe. Wem das Datum nicht präsent ist, der liest das Banner „Gegen jeden Antisemitismus“. Einige gesellen sich dazu. Hubert Brieden vom Arbeitskreis Regionalgeschichte gibt eine kurze Einführung. Als hartnäckiger Historiker hat er zu Taten und Tätern recherchiert – jeder einzelne Teil der Neustädter Stadtgesellschaft. Nach einer Gedenkminute zieht die Gruppe die Mittelstraße entlang und auf die Liebfrauenkirche zu. Dann geht es links auf der Marktstraße weiter Richtung Mahnmal.

Mahnmal erinnert an Neustädter Juden

Dieses wurde von den Neustädter Gymnasiastinnen Maj Demant, Lydia Voogd und Simone Wengel 2008 entworfen, vom polnischstämmigen Bordenauer Designer Jacek Pawlowski ausgestaltet und von Landart-Künstler Frank Nordiek und Team realisiert. Seit der Enthüllung am 4. November 2018 kann jeder lesen, wo das Leben der Diskriminierten endete, denn auf dem Mahnmal stehen die Namen der Opfer, den Zeitpunkt ihrer Deportation oder Flucht sowie Todesdatum und Ort.

Es widerlegt Mythen vom vorgeblich wundervollen Leben der geflüchteten und deportierten Neustädter Juden. Wer glauben wollte, dass sich die Verschwundenen eine Hazienda in Südamerika anschafften oder im warmen sonnigen Ausland in Saus und Braus lebten, kann am Mahnmal lesen, wo ihr Leben tatsächlich endete: in Konzentrationslagern wie Auschwitz, Buchenwald Theresienstadt und Treblinka.

Terror gegen Juden ging nach 1945 weiter

Neustadts Bürgermeister Dominic Herbst ergreift das Wort: „Einige sagen nun, dass es jetzt mit der Erinnerung auch mal gut sein muss und man nach vorne schauen sollte. Okay, schauen wir ab 1945 nach vorne“, sagt Herbst und zählt zahlreiche gegen jüdische Menschen gerichtete Attentate, Brandanschläge, Schändungen und sogar Morde auf. Als Fazit zitiert der Bürgermeister Till Eckert, der meinte: „Gut sein lassen würde bedeuten, wir fänden uns mit unserer Vergangenheit ab“. Das ist weder das Ziel von Herbst, noch das seiner aufmerksamen Zuhörer, die unterschiedlichen politischen und religiösen Richtungen angehören – auch die muslimische Gemeinde ist vertreten.

Artikel 1 steht im Sockel des Mahnmals

Auch wenn nur wenige Jugendliche anwesend sind und die Altersgruppe 60-Plus die Mehrheit bildet, ist das „Leben in unserer örtlichen Gemeinschaft vielseitig“, wie der Bürgermeister in seiner Ansprache betont. Er wendet sich dem Mahnmal in vollem Bewusstsein zu und würdigt die Spendenbereitschaft der Neustädter, „die diesen Blick allen ermöglichen und sich nicht abwenden“. Das bringt keinen toten, keinen ermordeten Menschen zurück, doch es mahnt und bekräftigt das Bekenntnis zum Artikel 1 des Grundgesetzes, der im Sockel des Mahnmals festgeschrieben steht: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“.

Plündern, schikanieren, bedrohen – Terror gegen Juden gab es auch in Neustadt. Damit ist der 9. November 1938 auch in der Stadtgeschichte eine Zäsur. Rund 80 Teilnehmer der Gedenkveranstaltung gedenken 81 Jahre später der Opfer.

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Von Patricia Chadde

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