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Neustadt Rent a Jew: Jüdinnen erzählen im Gymnasium aus ihrem Leben
Aus der Region Region Hannover Neustadt Rent a Jew: Jüdinnen erzählen im Gymnasium aus ihrem Leben
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06:00 31.08.2019
Judit Marach zeigt einen Gebetsschal, Jennifer Peters (rechts) begleitet sie beim Schulbesuch. Quelle: Kathrin Götze
Neustadt

Eine Bitte hat Judit Marach an die Schüler des Gymnasiums: „Nennt den Anhänger an meiner Kette bitte nicht Judenstern – die trugen unsere Vorfahren bis 1945.“ Das Symbol ihrer Religion, der sechszackige Stern aus zwei Dreiecken, heißt Davidstern. Manche Feinheit gibt es zu beachten, und Unsicherheiten gibt es viele im Umgang zwischen Christen und Juden, auch im Deutschland von 2019.

Antisemitismus kommt häufig vor

Oder erst recht wieder. Mit antisemitischen Sprüchen oder gar Anfeindungen haben Marach und ihre Freundin Jennifer Peters fast täglich zu tun, wie sie den Elftklässlern berichten. Dagegen wollen sie angehen, haben sich als Ehrenamtliche der Organisation „Rent a Jew“ („Miete einen Juden“) angeschlossen. „Kennen sie einen Juden? Nein?! Mieten sie einen“, lautet der Slogan, mit dem die Organisation im Internet für ihre Informationsbesuche wirbt. Die „Miete“ ist günstig, Reisekosten reichen. Ihr Selbstverständnis: „Im Judentum kennt man keine unverschämten Fragen.“

Die Jüdinnen Judit Marach und Jennifer Peters (Dritte und Vierte von links) haben allerhand Ansichtsmaterial mitgebracht Quelle: Kathrin Götze

Besucherinnen stammen aus liberalen Gemeinden

Ganz verinnerlicht haben das die Schüler beim Besuch im Politikunterricht noch nicht: Etwas zaghaft tasten sie sich zu Beginn an die beiden jungen Frauen heran, für die die Religion im Alltag deutlich mehr Raum einzunehmen scheint als für die Durchschnittsdeutschen. Die zahlreichen Ehrenämter, von denen beide berichten, sind vielfach mit den Gemeinden verknüpft. Beide sind Mitglieder in liberalen jüdischen Gemeinden, Marach in Hannover, Peters in Bad Nenndorf.

Die Schüler dürfen die Kippah, die Kopfbedeckung der Juden, befühlen und ausprobieren. Quelle: Kathrin Götze

Orthodoxere Juden hätten vielleicht nicht gerne gesehen, dass Marach beim Besuch in der Schule einen Gebetsschal vorführt, auch Tallit genannt. In den konservativeren Gemeinden sei die Berührung dieser rituellen Gegenstände den Männern vorbehalten. Frauen gälten zumindest während der Monatsblutung als unrein, sagt Marach. Warum das so ist, kann sie auch nicht sagen.

613 Knoten erinnern an Ge- und Verbote

An dem Schal hängen Fäden mit zahlreichen Knoten – 613 sind es genau, die an die Ge- und Verbote für die Gläubigen erinnern sollen. „Viele davon sind Selbstverständlichkeiten, Regeln für koscheres Essen und so etwas“, sagt Marach. Den Gebetsschal soll der gläubige Jude täglich tragen, um die Regeln nicht zu vergessen. Und bei Sommerhitze? „Die Juden sind unglaublich erfindungsreich“, sagt Marach und präsentiert einen leichten Überwurf, ebenfalls mit geknoteten Fäden, der unter dem T-Shirt getragen werden kann.

Judenwitze sind nicht tabu

Humor und eine gewisse Schlitzohrigkeit gehören zur jüdischen Tradition, ebenso wie die Geschäftstüchtigkeit, die Gegenstand vieler Scherze ist. Auch unter den Juden selbst. „Glaubt mal nicht, dass wir uns nicht auch Judenwitze erzählen“, sagt Marach. Politiklehrer Pascal Mohtaschem erzählt von einem Schüler, der nach dem Besuch einer jüdischen Gemeinde in den USA sagte: „Für die Witze, die ich da gehört habe, hätte man in Deutschland eine Anzeige riskiert.“

Auch Marach und Peters sind nicht zimperlich. Nicht jeden der galgenhumorigen Witze, die sie zum Besten geben, kann man in der Zeitung drucken. Vielleicht aber den vom alten Moishe, der auf dem Sterbebett liegt und fragt: „Bist Du da, meine liebe Frau? Und du, meine liebe Tochter? Und du, mein lieber Sohn?“ Als alle schluchzend mit „Ja“ antworten, schimpft der Patriarch: „Und wer steht dann im Geschäft?“

Die Schüler dürfen die Kippahs befühlen und ausprobieren. Quelle: Kathrin Götze

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Von Kathrin Götze

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