Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Neustadt Tafel wird zum Treffpunkt
Aus der Region Region Hannover Neustadt Tafel wird zum Treffpunkt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Jetzt kostenlos Testen Zur Anmeldung
19:53 07.01.2015
Von Kathrin Götze
Tim und Anja Kröger (von links), Pia Grüne, Eckhard Müller und Jürgen Kassebeer bereiten eine Feier vor. Quelle: Kathrin Götze
Anzeige
Neustadt

In der Johannesgemeinde gründeten damals Anja Kröger und Brigitte Scheele die hiesige Ausgabestelle der Nienburger Tafel. Den Transport der überschüssigen Lebensmittel von Bäckereien, Supermärkten und Großhändlern übernehmen nach wie vor die Kollegen in der Nachbarstadt. In Neustadt kümmert sich ein Team von inzwischen 55 ehrenamtlichen Helfern um die Verteilung.

Nur gut Erhaltenes wird dort ausgegeben, das aber vielfach für den Handel an Wert verloren hat, zum Beispiel weil das Mindesthaltbarkeitsdatum direkt bevorsteht. „Letzte Woche hatten wir zum Beispiel jede Menge Räucherlachs - das kommt auch so schnell nicht wieder“, sagt Anja Kröger. Die Zahl der registrierten Kunden liegt seit einiger Zeit stabil zwischen 120 und 130. Etwa 90 kommen jede Woche zur Lebensmittelausgabe, weitere werden beliefert, weil sie nicht mobil sind, etwa aus Krankheitsgründen.

Anzeige

Rund 500.000 Kilogramm Lebensmittel haben die Helfer über die Jahre auf diese Weise umverteilt. Das Registraturteam um Jürgen Kassebeer verfeinert das Ausgabesystem laufend, um zu verhindern, dass sich nur die Lautesten durchsetzen. „Es gibt ein paar, die mehr mitnehmen wollen als ihnen zusteht, und es gibt Leute, die vor Scham weinen, weil sie zu uns kommen müssen“, berichtet er. Ihm ist es wichtig, dass es gerecht zugeht, auch um Neid und Aggressionen zu vermeiden.

Inzwischen kennt man sich gut. Viele Kunden kommen seit Jahren, nutzen die Treffen auch, um einen Kaffee zu trinken und sich auszutauschen. Auch der Gemeindepastor ist dann ansprechbar. Jahrelang war es Tim Kröger, heute ist Nachfolger Dirk Heuer dabei. „Es ist eine starke Leistung, das Engagement über so lange Zeit aufrecht zu halten“, sagt Kröger.

Auch die ehrenamtlichen Helfer stünden treu zum Projekt, die Arbeit sei sehr zufriedenstellend. Das Angebot ist gewachsen, die Gemeinde organisiert nun auch Kleiderspende-Aktionen und bietet Kinderbetreuung während der Ausgabezeit an. „Manche vergessen, dass das alles freiwillige Leistungen sind“, so Kröger.

Am Sonnabend feiern die Ehrenamtlichen mit Spendern und Ehrengästen den Geburtstag.

Erfolg mit bitterer Note

Es ist ein Erfolgsprojekt: 500.000 Kilogramm Lebensmittel haben die freiwilligen Helfer in zehn Jahren umverteilt. Treu stehen mehr als 50 ehrenamtliche Helfer regelmäßig bereit, um Bedürftigen zu helfen. Sie geben ihnen einen Anlaufpunkt, kümmern sich um sie, fragen nach, wenn ein treuer Kunde plötzlich nicht mehr zur Ausgabe kommt. Und sie sorgen ganz nebenbei noch dafür, dass nicht noch mehr wertvolle Lebensmittel im Müllcontainer landen. So haben die Organisatoren und Spender der Tafel allen Grund, auf ihren Erfolg stolz zu sein. Doch die Freude trägt einen bitteren Beigeschmack – das ist insbesondere den Helfern klar. Denn sie sehen die Not, die sich auch in einer modernen Gesellschaft im 21. Jahrhundert hartnäckig hält. Und sie wissen, dass es diese Gesellschaft noch nicht geschafft hat, etwa alte Frauen oder kinderreiche Familien wirksam vor Armut zu schützen. In dieser Hinsicht ist der Erfolg der Tafeln geradezu ein Skandal.

Kathrin Götze 06.01.2015
Anzeige