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Neustadt Umfrage auf der Robby: Was ist eigentlich „Kompetenz vom Lande“?
Aus der Region Region Hannover Neustadt Umfrage auf der Robby: Was ist eigentlich „Kompetenz vom Lande“?
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00:18 30.04.2019
Elisabeth Hinkes-Wollborn (71) und Gunnar Griese am Stand der Diakonie. Quelle: Mario Moers
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Mariensee

“Kompetenz vom Lande“ lautet das Motto der 34. Robby. Ist das lediglich ein Werbeslogan, oder verbirgt sich mehr dahinter? „Gerade in den ländlichen Räumen tragen die regional verankerten Unternehmen des Handwerks zu sozialer und wirtschaftlicher Stabilität bei“, erklärt Robby-Organisator Markus Heumann vom Vorstand der Wirtschaftsvereinigung Nordkreisinitiative (NKI) bei der Eröffnung. Doch was bedeutet das eigentlich? Wir haben Besucher und Standpersonal auf der Messe gefragt, was sie mit dem Motto verbinden. Wo berührt das Thema die Menschen im Alltag und Berufsleben?

Dieter Petring (80) erkundigt sich bei lokalen Handwerksunternehmen auf der Robby. Quelle: Mario Moers

Stiftung Nachbartest

Dieter Petring (80) aus Poggenhagen weiß, wie er kompetente Handwerker findet. Auf der Robby steuert er gezielt die Unternehmen an, denen bereits seine Nachbarn oder Bekannten Kompetenz bescheinigt haben. „Bevor ich losgehe, informiere ich mich natürlich“, sagt der Senior. Er hört auf die Empfehlungen aus seinem Umfeld und vertraut auf die eigenen Erfahrungen. „Eine Firma hat in meinem Haus bereits gute Arbeit geleistet, damit war ich sehr zufrieden“, erzählt er. Kompetenz sucht Petring also nicht im Internet, in den Gelben Seiten oder direkt auf der Messe, sondern im eigenen sozialen Umfeld. Diese Art der Qualitätssicherung ist auf dem Lande üblicherweise stärker ausgeprägt als in der Anonymität der Stadt. Und sie funktioniert natürlich auch umgekehrt. Handwerker, die im Dorf einen Auftrag verpfuschen, werden es schwer haben, dort einen Folgeauftrag zu bekommen.

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Ute Radke (53) und Marcus Arndt (36) am Stand des KRH. Quelle: Mario Moers

Man kennt sich

Dass es allerdings auch Zweifel an der Kompetenz von Institutionen auf dem Land gibt, wissen Ute Radke (53) und Marcus Arndt (36) aus Erfahrung. Die Stationsleiterin und der Pfleger am Klinikum Neustadt kennen die Vorbehalte einiger Patienten gegenüber dem örtlichen Krankenhaus. „Die Patienten informieren sich heute natürlich im Internet, für welchen Fall welches Krankenhaus als das vermeintlich beste gilt“, sagt Radke.

Während man früher in der Regel das nächstgelegene Krankenhaus aufgesucht hat, herrscht heute eine höhere Mobilität. Die geht möglicherweise mit einer gewissen Skepsis gegenüber dem Klinikum auf dem Lande einher. Das habe aber eine besondere Kompetenz, die Außenstehende nicht unbedingt auf den ersten Blick erkennen, sagt Radke. „Jeder kennt hier jeden. Deshalb spielen Hierarchien eine kleinere Rolle. Das schafft ein gutes Betriebsklima“, sagt sie. „Es ist ein herzliches Krankenhaus“, ergänzt Arndt. Die Stationsleiterin verdeutlicht das Familiäre an einem Beispiel. „Meine Mutter hat hier gearbeitet, meine Tochter hat hier ihre Ausbildung gemacht und eine ist gerade im Praktikum“, sagt sie. Auch Arndts Tochter arbeitet dort. Solche Bezüge schaffen Vertrauen, das wiederum in engem Zusammenhang steht mit der Kompetenz.

Dr. Björn Petersen (43) ist Wissenschaftler am Friedrich-Loeffler-Institut in Mariensee. Quelle: Mario Moers

Wissenschaft auf dem Lande

Das Expertise auf dem Land nicht zwingend in langer Tradition stehen muss, sondern auch angesiedelt werden kann, beweist Björn Petersen. Der 43-Jährige ist Wissenschaftler am Institut für Nutztiergenetik in Mariensee, einem Ort geballter Kompetenz. Dort forscht er gerade an einem Projekt aus dem Bereich der Xenotransplantation.

2018 gelang Münchener Medizinern, einem Pavian erfolgreich ein Schweineherz einzupflanzen. Die Grundlagenforschung in Mariensee trug zu dem bundesweiten Forschungsprojekt bei. „Forschungsarbeit wie hier ist einmalig. Es gibt hier die Infrastruktur, die solche Spitzenforschung erst ermöglicht“, sagt Petersen. Die Aussicht, hier mitarbeiten zu können, führte den Hamburger nach dem Studium nach Mariensee. Nun ist er selbst Teil der Kompetenz vom Lande.

Elisabeth Hinkes-Wollborn (71) und Gunnar Griese am Stand der Diakonie. Quelle: Mario Moers

Synergien nutzen

Noch auf der Suche nach einem kompetenten Partner ist eine Gruppe Senioren, die sich Gedanken über den letzten Lebensabschnitt macht. Die Architektin Elisabeth Hinkes-Wollborn (71) ist eine davon. „Wir überlegen, in Mariensee barrierefreie Wohnungen für das Alter zu bauen“, sagt sie. Am Stand der Diakonie kommt die Architektin mit dem Leiter der Immobilienverwaltung ins Gespräch. Das Unternehmen plant derzeit eine solche Anlage in Mandelsloh.

Noch seien alternative Wohnformen für ältere Menschen in der ländlichen Gegend selten, erklärt Griese. „Wir hoffen deshalb, das wir gerade hier die Kompetenz mitbringen, eine Alternative zum klassischen Altersheim zu schaffen“, sagt er. Auf der Robby entsteht ein erster Kontakt zwischen denen, die im Bereich der Altenpflege eine gewisse Kompetenz vermissen und den Profis, die genau das anbieten.

Von Mario Moers