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Seelze Seelzer Gefreiter stirbt für Ernst Jünger
Aus der Region Region Hannover Seelze Seelzer Gefreiter stirbt für Ernst Jünger
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13:14 24.08.2018
Das Kriegerdenkmal in Letter wurde 1922 auf dem alten Friedhof errichtet. Quelle: Thomas Tschörner
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Letter/Hannover

Der Gefreite Ludwig Hengstmann aus Letter hat am 25. August 1918 den schwer verwundeten Schriftsteller Ernst Jünger gerettet. Bei der Aktion an der Westfront des Ersten Weltkrieges verlor Hengstmann sein Leben.

Ludwig Hengstmann Quelle: DLA-Marbach

„Ich nehme Herrn Leutnant auf den Rücken, entweder kommen wir durch, oder wir bleiben liegen!“ So zitiert Ernst Jünger in seinem Buch „In Stahlgewittern“ den Gefreiten Ludwig Hengstmann aus Letter. Der Schriftsteller war an diesem Tag, 25. August 1918, ziemlich am Ende: Jünger lag schwer verwundet in eine Zeltbahn eingeknüpft in der Nähe des nordfranzösischen Ortes Favreuil auf dem Boden. Angehörige seiner Kompanie hatten zwar versucht, ihn nach einem Treffer in die Brust aus der Gefahrenzone zu tragen, waren aber selbst unter Beschuss genommen und zum Teil getötet worden. Vielleicht hätte Jünger auch unverletzt davon kommen können: Er hatte aber sein Eisernes Kreuz verloren und sich trotz der Gefechtssituation mit ein paar Getreuen auf die Suche gemacht. „Eine absurde Szene“, schreibt der Historiker Nils Fabiansson in seinem „Begleitbuch zu Ernst Jünger In Stahlgewittern“. Als sie den Orden endlich gefunden hatten, erhielt Jünger schließlich den Treffer in die Brust.

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In dieser Lage trat Ludwig Hengstmann auf den Plan, den Jünger als langen, blonden Niedersachsen schildert. „Leider kamen wir nicht durch; zu viele Gewehre standen am Dorfrand bereit“, schreibt Jünger weiter. Hengstmann lief mit Jünger auf dem Rücken los, der seinen Hals mit den Armen umschlungen hielt. Der Schriftsteller schildert, wie das Feuer wie auf einem Schießstand eröffnet wurde. Schließlich wurde Hengstmann getroffen und starb. „Der Tapfere war ein Lehrersohn aus Letter. Sowie ich wieder gehen konnte, suchte ich seine Eltern auf und erstattete ihnen Bericht.“ Jünger war von Hengstmann aber weit genug über das Schlachtfeld geschleppt worden, um vom Sanitätssergeanten Strichalsky in eine „ruhige Ecke“ getragen werden zu können.

Ernst Jünger als Soldat im Ersten Weltkrieg. Quelle: Archiv

Über Hengstmann, der am Lehrerseminar in Hannover studierte und dann in den Krieg zog, ist in Seelze nicht allzu viel bekannt. Das Heimatmuseum der Stadt, das über den Ersten Weltkrieg vor vier Jahre eine große Ausstellung gezeigt hatte, stellte auf seiner Tafel „Lehrer der Dorfschule Letter im Krieg“ immerhin fest, dass Hengstmanns Vater Heinrich aus Ricklingen stammte und schon seit 1902 Lehrer an der letterschen Schule war. Der gelernte Stellmacher, der auf dem zweiten Bildungsweg seine Ausbildung zum Lehrer absolvierte, war 1914 bereits 53 Jahre und damit zu alt für den Krieg. Stadtarchivar Norbert Saul, der auch Mitglied des Museumsvereins ist, hatte herausgefunden, dass Heinrich Hengstmann sich nach dem Krieg nach Ricklingen zurückzog. Dort verliert sich seine Spur. Eine detaillierte Nachforschung hätte die Möglichkeiten des Museumsvereins überstiegen, der auch nach seiner Ausstellung die Auswirkungen des Ersten Weltkrieges auf Seelze und seine Ortsteile in monatlichen Kalenderblättern dokumentierte.

Jünger überlebte den Krieg hochdekoriert und konnte mit „In Stahlgewittern“ einen literarischen Erfolg feiern. Heimo Schwilk charakterisiert den Schriftsteller in seinem Vorwort zu dessen Feldpostbriefen als einen ehrgeizigen Mann, der nicht für das Vaterland oder gar den Kaiser gekämpft habe. Mit seiner freiwilligen Meldung zum Füsilier-Regiment 73 am 4. August 1914 habe er vielmehr seinen Vater beeindrucken und seinem Leben, die Schullaufbahn war nicht gerade erfolgreich, einen Sinn geben wollen. Jünger habe den „Krieg des Einzelnen“ geführt – mit dem Ziel, ein Held zu werden.

Nach dem Krieg besuchte Jünger Hengstmanns Eltern und blieb auch mit dessen Bruder in Kontakt. Zudem stellte er ein Foto des Gefreiten auf. Nils Fabiansson schreibt in seinem Begleitbuch zu den Stahlgewittern, dass Jünger in seinem Tagebuch notiert, dass ihm Hengstmann „durch seine anständige Gesinnung in jeder Beziehung angenehm aufgefallen war“. Auch in späteren Jahren kommt Jünger immer wieder auf Hengstmann zurück. „Wie kommt es, dass ich immer wieder Freunde finde, deren Zuneigung ich nicht verdient habe“, fragt sich der Schriftsteller 1965 im Zusammenhang mit Hengstmann. Jüngers Sammlung „Siebzig verweht III“ erwähnt einen Brief an Hengstmanns Bruder, in dem er schreibt, dass der Gefreite unvergessen sei. „Als Ihr Bruder mich auf seine Schultern nahm, um mich aus dem Feuer zu tragen, hatte ich bereits abgeschlossen und träumte vor mich hin. Dann rief er mich an – das gab mir den Mut zum Leben zurück. Er trug mich nur eine kurze, doch rettende Strecke, bis er fiel.“

Das Grab von Ludwig Hengstmann ist unbekannt. Er ist jedoch auf dem Kriegerdenkmal in Letter aufgeführt.

Von Thomas Tschörner