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Sehnde Prozess um brutale Tritte auf Rewe-Parkplatz
Aus der Region Region Hannover Sehnde Prozess um brutale Tritte auf Rewe-Parkplatz
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00:16 29.05.2017
Von Achim Gückel
Das Landgericht Hildesheim verhandelt gegen einen 23-jährigen Sehnder wegen versuchten Totschlags. Quelle: Symbolbild
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Sehnde/Hildesheim

Der Vorwurf gegen den Angeklagten wiegt schwer: versuchter Totschlag. Selbst als seine Opfer schon am Boden liegen, soll der 23-Jährige ihnen noch Tritte ins Gesicht gegeben haben. So sagen es die Opfer aus.

Doch bis zur Urteilsverkündung muss die Kammer unter Richter Peter Peschka ein mühsames Puzzlespiel betreiben. Der Angeklagte selbst will sich an das, was nachts am Rewe geschehen ist, nicht mehr wirklich erinnern können. Er habe einen Filmriss gehabt, sagt er. Die Opfer belasten den massigen Mann, der schon Vorstrafen wegen gemeinschaftlichen Raubs, Drogenbesitzes und -handel sowie Körperverletzung hat, indes schwer.

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Andere Zeugen aus der Gruppe, die sich nachts mit dem Angeklagten auf dem Parkplatz aufgehalten hat, erschweren die Wahrheitsfindung eher, als dass sie dazu beitragen. Einer will das Geschehen, wenn überhaupt, nur von Weitem gesehen haben und kenne den Angeklagten auch kaum. Dann wiederum weiß derselbe Zeuge, der 23-Jährige habe regelmäßig viel Alkohol getrunken, sei dann aber meist „gut drauf“ gewesen und habe sich auch alkoholisiert noch „benehmen“ können.

Ein anderer Zeuge verstrickt sich bei seiner Aussage in Widersprüche. Er könne sich kaum noch an das nächtliche Geschehen auf dem Parkplatz erinnern, sagt er zunächst („Ich weiß nicht mal mehr, wie ich nach Hause gekommen bin“). Dann weiß der Mann aber, dass die Stimmung in der Tatnacht „relativ aggressiv“ gewesen sei. Und schließlich gibt er zu, einem weiteren Zeugen, der die Polizei rufen wollte, das Handy weggenommen und gedroht zu haben, er schmeiße ihn über ein Treppengeländer.

Besondere Bedeutung bekommen nun die Angaben eines Sachverständigen, der vor Gericht unter anderem Einzelheiten zum Alkohol- und Drogenkonsum des Angeklagten machte. Der 23-Jährige habe, bevor er in Untersuchungshaft kam, mindestens zwei Jahre lang täglich eine Flasche Wodka zu sich genommen und außerdem pro Tag 3 bis 4 Gramm Marihuana konsumiert, sagt der Facharzt für Psychiatrie. Hinzu kämen, stets am Wochenende, Kokain und Amphetamine. Mithin habe der Angeklagte pro Woche etwa 290 Euro für die Befriedigung seiner Süchte aufwenden müssen. Und das habe der arbeitslose Sehnder, der keinen Schulabschluss hat und bisher alles abbrach, was er beruflich startete, auf keinen Fall von seinen Sozialleistungen finanzieren können.

In diesem Zusammenhang steht ein zweiter Vorwurf, um den es in dem Prozess geht: Ein nächtlicher Einbruchsversuch im August 2016 beim Golfclub Rethmar, der als Akt der Beschaffungskriminalität zu werten ist. Dabei gingen Scheiben zu Bruch, aber in das Gebäude stiegen die zwei auf den Filmen von Überwachungskameras erkennbaren vermummten Männer nicht. Etwa 25 Minuten lang sind die Aufzeichnungen. Darauf ist der 23-jährige Angeklagte, dem einmal sogar die Vermummung vom Gesicht rutscht, deutlich zu erkennen. Diese Einbruchsversuch hat der Sehnder auch schon eingeräumt.

Jetzt kommt es darauf an, wie das Gericht die Tritte und Schläge vom Rewe-Parkplatz wertet. Der Gutachter sieht die Sache so: Der Angeklagte habe zwar auch in dieser Nacht viel Alkohol getrunken. Angesichts der „stark ausgeprägten Suchterkrankung“ sei der 23-Jährige aber Alkohol gewöhnt. Ein Liter Wodka werfe ihn nicht aus der Bahn. Anhaltspunkte für verminderte Steuerungsfähigkeit, einen Filmriss oder beeinträchtigte Schuldfähigkeit beim Angeklagten sehe er daher nicht, sagte der Experte.

Der Prozess wird am 8. Juni mit den Plädoyers und am 14. Juni mit dem Urteilsspruch beendet.