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Springe Polizei hat 2018 in 52 Fällen häuslicher Gewalt ermittelt
Aus der Region Region Hannover Springe Polizei hat 2018 in 52 Fällen häuslicher Gewalt ermittelt
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19:29 17.05.2019
Die Polizei geht bei Fällen häuslicher Gewalt von einer hohen Dunkelziffer aus. Quelle: dpa
Springe

Nach dem Bericht von Kripo-Chef Hartmut Retzlaff herrschte in der Sitzung des Sozialausschusses erst einmal Schweigen. 52 Ermittlungsfahren wegen häuslicher Gewalt hat die Polizei in Springe im vergangenen Jahr aufgenommen – im Durchschnitt ist das ein Verfahren pro Woche.

In 47 der 52 Fälle kam es zu einer Körperverletzung, die anderen Verfahren beträfen etwa Diebstahl oder es kam zu Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung. Elf weitere tauchen unter „Sonstiges“ auf, die allerdings auf häusliche Gewalt schließen lassen. Gleichzeitig geht die Polizei von einer hohen Dunkelziffer aus. Laut einer aktuellen Statistik, so Retzlaff, werde nur jede zehnte Straftat angezeigt.

„In den letzten fünf Jahren ist die Zahl in Springe leicht gestiegen“, so Retzlaff. Mehrheitlich seien Frauen betroffen. „Und relativ häufig kommt es auch zu Stalkingdelikten.“ Nicht immer seien Drogen oder Alkohol im Spiel, so Retzlaff.

In Barsinghausen etwa gab es 2018 80 Verfahren wegen häuslicher Gewalt, in Gehrden waren es 40, in Pattensen 22 und in Wennigsen 25, hat Phillip Hasse, Sprecher der Polizeidirektion Hannover, zusammengetragen. In der gesamten Region Hannover waren es 4000 Fälle.

Keine bundesweite Erhebung

Dabei ginge die Tendenz zu Gewalttaten in Paarbeziehungen zurück, sagt Christian Pfeiffer, ehemaliger Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Allerdings habe es seit 2011 keine bundesweite Datenerhebung zu dem Thema mehr gegeben. 2011 seien laut Pfeiffer 11.500 Personen befragt worden, ob sie Opfer häuslicher Gewalt geworden sind. Als Vergleich wurden Daten von 1992 herangezogen. „Demnach war die Zahl der Vergewaltigungen um die Hälfte zurückgegangen.“

Große Wirkung habe das 2001 in Kraft getretene Gewaltschutzgesetz gezeigt, ist Pfeiffer überzeugt. Das Gesetz habe bei den Frauen für mehr Selbstvertrauen und Eigenständigkeit gesorgt. Auch wenn es keine neueren Daten gibt: „Wir vermuten, dass der Trend anhält.“ Allerdings: „Jede Zuwanderung von männlicher Dominanz nach Deutschland bedeutet, von vorn anzufangen, es muss ein kultureller Lernprozess stattfinden, der aber auch Zeit braucht. Besonders positiv war dieser Prozess bei den Türken zu beobachten.“

Polizei darf nicht beraten

In Springe werde in unterschiedlichen Milieus ermittelt. „Das ist ein gesamtgesellschaftlicher Prozess“, so Retzlaff. In vielen Fällen wollen sich Beteiligte aber erst einmal beraten lassen und keine Anzeige erstatten. Das Problem: „Die Polizei darf nicht beraten, das ist gesetzlich festgelegt.“ Gibt es bereits konkrete Anhaltspunkte für eine Straftat, muss die Polizei ein Verfahren einleiten.

„Es besteht Handlungsbedarf“

Die nächste Beratungsstelle aber ist das rund 20 Kilometer entfernte Frauenzentrum Ronnenberg. „Dieser Weg ist zu weit, weil Betroffene die Fahrtzeit zu Hause nicht erklären können“, kritisiert die Gleichstellungsbeauftragte Lena Rödiger. Möglicherweise könne das Thema interkommunal aufgegriffen werden, schlug Elke Riegelmann (CDU) während der Sitzung vor. „Es ist deutlich geworden, dass Handlungsbedarf besteht, weil es diese Fälle in Springe gibt. Dem müssen wir als Stadt begegnen und schauen, welche Lösungsansätze es gibt“, sagt Bürgermeister Christian Springfeld. Zudem will die Politik Vergleichszahlen anfordern, um die Situation in Springe besser einordnen zu können.

Von Saskia Helmbrecht