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Stadt Wunstorf Wunstorfer Juden wurden Opfer des Pogroms
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11:24 08.11.2018
SA-Männer stehen vor dem demolierten Geschäft von Mendel und Schloss in der Langen Straße 2. Quelle: Privatarchiv Heiner Wittrock
Wunstorf

Sie kamen nachts, nach drei Uhr. Sie befahlen die Menschen aus den Betten, beschimpften und schlugen sie, „beschlagnahmten“ Geld und Wertgegenstände, zertrümmerten Vasen, Spiegel, Bilder und Möbel. Dann nahmen sie alle Erwachsenen mit und sperrten sie in den Rathauskeller. Auch wurden die zuvor mit gelben Kreuzen markierten Geschäfte der Eingesperrten aufgebrochen, die Schaufenster zertrümmert, das Inventar auf die Straße geworfen. Einen der Geschäftsinhaber steckte man in eine Tonne und rollte diese auf der Langen Straße herum. Acht der eingesperrten Männer kamen ins KZ Buchenwald, wo sie wochenlang inhaftiert blieben und schwer misshandelt wurden, so schwer, dass einer von ihnen, der schon über 70-jährige Ferdinand Blank, daran starb. Andere, wie Emil Kraft, früher Holzhändler und Senator der Stadt, der er so zugetan gewesen war, dass er ihr eine Stiftung vermacht und viele der ärmeren Einwohner finanziell unterstützt hatte, musste wochenlang im Krankenhaus in Hannover seine Verletzungen auskurieren.

Was eben in wenigen Sätzen skizziert wurde, geschah den Wunstorfer Juden in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, und ähnlich den Juden im ganzen Deutschen Reich. Wegen der Glassplitter auf den Straßen, aus den Tausenden und Abertausenden zerschlagener Fensterscheiben, verklärten die Nazis ihre uns heute beschämende Ausschreitungswelle zur „Reichskristallnacht“. Heute sagen wir Novemberpogrom, denn das war es: ein Pogrom, das mindestens 400 Todesopfer in ganz Deutschland forderte, und hunderte weiterer in den folgenden Wochen und Monaten. Auch wurden viele hundert jüdische Synagogen beschädigt oder zerstört, so die hannoversche, ein architektonisches Meisterwerk von Edwin Oppler. Die Wunstorfer Synagoge in der Küsterstraße blieb nur verschont, weil im Obergeschoss eine christliche Familie wohnte. Jedoch wurde sie im Innern schwer beschädigt, Thorarollen und anderes Inventar vernichtet.

Das Foto in der Kennkarte für Emil Kraft zeigt ihn kurz nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus als gebrochenen Mann. Quelle: Stadtarchiv Wunstorf

NS-offizieller Vorwand für das Pogrom war die Tat eines Einzelnen, des jüdischen Jungen Herschel Grynszpan, in Hannover geboren, aber 1935 aus dem antisemitischen Deutschland nach Paris emigriert. Dort erschoss er am 7. November 1938 den deutschen Botschaftssekretär vom Rath. Das jedoch war genau die Tat, die den NS-Machthabern ins Konzept passte – denn das folgende, als „spontaner Volkszorn“ deklarierte Pogrom war lange vorbereitet und bis ins kleinste organisiert. Zu der perfiden Organisation gehörte beispielsweise, dass die den „Volkszorn“ exekutierenden SA-Schläger zum großen Teil aus anderen Orten kamen – im Falle Wunstorfs aus Bordenau –, damit sie bei ihrem schändlichen Treiben nicht den eigenen Nachbarn ins Gesicht sehen mussten. Datiert wurde es auf den 9. November, den Tag, der für die Nazis mit zweifacher Schmach verbunden war: Die des 9. November 1918, der Revolution im Reich, und die des 9. November 1923, der Tag des gescheiterten Hitler-Putsches. Der 9. November 1938 sollte diese Schmach tilgen.

Die Reichspogromnacht war der Aufstieg zur letzten Stufe der Verfolgung der Juden in Deutschland. Nun war allen klar, dass die Juden keinerlei Rechte mehr genossen, dass sie quasi „vogelfrei“ waren, dass sie nun um Leib und Leben fürchten mussten. Wer es nicht mehr schaffte, aus Deutschland und Kontinentaleuropa zu flüchten, musste bald einen grausigen Tod in Erschießungsgruben oder Gaskammern erleiden.

Der Bürgermeister mahnte, man dürfe sich nicht wegen einer einzelnen Tat wegen zu Pauschalverurteilungen verleiten lassen. Als Antwort darauf erhielt er Morddrohungen“. Handelt es sich bei dieser kurz zusammengefassten Pressemeldung um eine aus den Novembertagen 1938? Nein, die Meldung stammt aus dem Herbst 2018, der genannte Bürgermeister war der Freiburger Oberbürgermeister, und die Menschen, die er in Schutz nehmen wollte, waren Syrer und andere Flüchtlinge. Solche Meldungen müssen uns aufrütteln und uns klar machen: Eine rechtsstaatliche Demokratie besteht nicht darin, aus populistischen Kurzschlüssen und Schuldzuweisungen einen vermeintlichen Mehrheitswillen zu destillieren, sondern funktioniert nur, wenn wir den Schutz, die Rechte und die Teilhabe von Minderheiten garantieren.

Die Stadt Wunstorf gedenkt ihrer früheren, im Nationalsozialismus ermordeten jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger wie üblich im Dezember, zum Jahrestag der ersten Deportation in die Vernichtung, in diesem Jahr am Montag, 17. Dezember um 15 Uhr am Mahnmal zum Gedenken an die Wunstorfer Juden.

Wunstorf nach der Revolution ist Ausstellungsthema

Als vor hundert Jahren in Berlin die Republik ausgerufen wurde, markierte dies das Ende des Kaiserreichs, das den Ersten Weltkrieg verloren hatte. Vorausgegangen waren Aufstände der Matrosen in Wilhelmshaven und Kiel, die nicht bereit waren, in einer von der Marineführung geplanten aussichtslosen Schlacht gegen die britische Flotte ihr Leben zu verlieren. Auch große Teile der Bevölkerung hungerten seit langem und waren kriegsmüde. Gleichzeitig war der 9. November der Beginn der später so genannten „Weimarer Republik“, deren im Jahr darauf in Kraft getretene Verfassung erstmals eine Demokratie in Deutschland konstituierte.

Wie Wunstorf die Weimarer Republik erlebte, ist Thema einer großen Ausstellung, die in Wunstorf ab dem 9. Mai und in Steinhude ab dem 14. Mai 2019 zu sehen sein wird. Im Rahmen des Begleitprogramms zur Ausstellung hält Peter Schulze aus Hannover in der Abtei am 15. November den Vortrag: „Hundert Jahre Novemberrevolution: Zur Politik der regionalen Arbeiterbewegung von 1914 bis 1933“. Beginn ist um 19.30 Uhr, der Eintritt ist frei.

Bekanntmachung des Wunstorfer Arbeiter- und Soldatenrats, 22. November 1918. Quelle: Stadtarchiv Wunstorf

Von Stadtarchivar Klaus Fesche

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