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Stadt Wunstorf 73-Jährige fährt allein 6000 Kilometer im Transit – für ein paar Kunstwerke
Aus der Region Region Hannover Stadt Wunstorf 73-Jährige fährt allein 6000 Kilometer im Transit – für ein paar Kunstwerke
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18:37 27.05.2019
Mit ihrem extra für die Tour gekauften Ford Transit holte Ursula Jungbluth den Nachlass ihres Mannes aus Griechenland. Quelle: Albert Tugendheim
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Wunstorf

„Ich musste die Werke meines Mannes nach Hause holen.“ Der Mann war Künstler, hieß Uwe Jungbluth und ist vor drei Jahren verstorben. Den Satz sagt seine Frau Ursula, vielen bekannt als „Ulla“ Jungbluth. Der Satz sagt sich leicht, aber ihn in die Tat umzusetzen, das war für Ulla Jungbluth ein Abenteuer. Denn ihr verstorbener Mann hat viel Zeit in Griechenland verbracht.

In einem abgelegenen Dorf in Mittelgriechenland, im Pilion-Gebirge, hatte der Künstler sich ein kleines Atelier eingerichtet. Das Ehepaar liebte seit Jahrzehnten dieses Dorf im Gebirge. Dort hatten die beiden ein Haus, dort verbrachten sie früher viele Wochen.

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Collagen sind in Griechenland entstanden

Uwe Jungbluth streifte durch die Gegend seiner griechischen Wahlheimat und fand die Gegenstände für seine Kunst - Holzstücke und andere Materialien, die er in seinem Atelier zu sehenswerten Kunstwerken verarbeitete. „Die Dinge haben ihn fasziniert“, sagt seine Frau. Uwe Jungbluth verbrachte gegen Ende seines Lebens mehr Zeit in Griechenland als in Wunstorf.

Dann verstarb der Kunst- und Grafikdesigner. Für seine Frau stellte sich die Frage: Was passiert mit den Werken im Atelier in Griechenland?

Jetzt stehen die Collagen in ihrem Haus, aber Ursula Jungbluth würde gerne eine Ausstellung organisieren. Quelle: Albert Tugendheim

Ihr wurde klar, die Werke müssen nach Wunstorf. Aber wie? Viele Möglichkeiten hat die 73-Jährige durchgespielt, lange überlegt, geplant und entschieden: „Ich hole sie selber ab.“

Also machte sie sich auf die Suche nach einem passenden Auto. Sie fand einen Ford Transit, zehn Jahre alt, aber gut in Schuss. Und so ein Zufall: Das Auto hatte schon Griechenland-Erfahrung, denn der Anbieter war ein junger Grieche aus dem Neustädter Ortsteil Borstel. Der junge Anbieter hat nicht übertrieben, der Transit hat über die etwa 6000 Kilometer keine Probleme bereitet.

Ford extra für die Tour gekauft

Ulla Jungbluth hörte auch skeptische Einwürfe. Sie ist wegen ihrer Tätigkeiten etwa bei der Wunstorfer Tafel und als Mitglied der Johannes-Gemeinde bekannt. Aber sie zog ihren Entschluss durch. Abends um 23 Uhr setzte sie ihren Transit in Gang und fuhr los. Sieben Länder galt es zu durchqueren, um endlich knapp drei Tage später in ihrem griechischen Bergdorf anzukommen, wo die Jungbluths längst zur Dorfgemeinschaft zählten. Sie fuhr durch Deutschland, durchquerte dann Tschechien, die Slowakei, Ungarn, Serbien und gelangte schließlich über Mazedonien nach Griechenland.

Wenn sie nach der Fahrt und dem Ziel in Mittelgriechenland gefragt wird, dann gerät Jungbluth sofort ins Schwärmen. Das Pilion ist eine fruchtbare Landschaft, Blumenfelder und Obstplantagen prägen das Bild.

Neue Idee: Jetzt eine Ausstellung

Jungbluth kam gut an und blieb gut zwei Wochen im Dorf. Das Haus war inzwischen verkauft. Nicht nur Kunstwerke einpacken hieß es, auch Formalitäten erledigen. Ihre griechischen Freunde – mit denen spricht sie in der Landessprache – konnten kaum glauben, dass sie die Tour alleine gestemmt hat. Und sie wollten nicht, dass Jungbluth durch Mazedonien zurückfährt – da kam dann die Politik ins Spiel. Also buchten sie ihr ein Fährticket für die Rückfahrt. Aber die Route via Italien dauerte Jungbluth zu lange. Sie packte die Collagen in den Transit und fuhr durch sieben Länder zurück. Dabei musste sie an Grenzkontrollen einiges auf sich nehmen, ohne dass sie ernsthaft in Schwierigkeiten geriet. Und weil sie zum Tischabendmahl in ihrer Johannes-Kirchengemeinde an einem Donnerstagabend zurück in Wunstorf sein wollte, schaffte sie die Strecke äußerst zügig ohne Panne, mit vielen Kontakten auf Rastplätzen und der Erkenntnis: „Ich hatte wohl viele Schutzengel.“

Nächstes Ziel der 73-Jährigen: Eine Ausstellung mit den Werken ihres Mannes.

Von Albert Tugendheim