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Stadt Wunstorf So funktioniert das neue Amazon-Verteilzentrum in Luthe
Aus der Region Region Hannover Stadt Wunstorf So funktioniert das neue Amazon-Verteilzentrum in Luthe
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19:12 13.11.2019
Ein Mitarbeiter scannt ein Paket, das von der „mittleren Meile“, dem Sortierzentrum in Garbsen etwa, in das Verteilzentrum Luthe auf den Weg zur „letzten Meile“ gebracht wird. Quelle: Mario Moers
Luthe

Wo bis vor drei Jahren noch der Discounter Lidl in seinem Lager die Touren zu seinen Filialen zusammengestellt hat, sind jetzt die Wände frisch geweißt und an vielen Stellen mit dem orangen Amazon-Logo versehen. Schilder in englischer Sprache zeigen, dass eine andere Unternehmenskultur in das Lagergebäude an der Adolf-Oesterheld-Straße eingezogen ist.

Am 28. Oktober hat der Onlinehändler seinen neuen Standort auf dem rund 25.000 Quadratmeter großen Gelände in Betrieb genommen, drei Wochen später erklären die Verantwortlichen jetzt bei einem Rundgang mit dem städtischen Wirtschaftsförderer Uwe Schwamm die täglichen Abläufe.

Jeden Tag kommen 30.000 Pakete

Ein Mitarbeiter verteilt die eingescannten Pakete in die Boxen, die anschließend in die Liefertransporter geladen werden. Eine Box darf maximal 15 Kilogramm wiegen. Verschiedene Farben erleichtern den Fahrern die Suche nach dem richtigen Inhalt. Quelle: Mario Moers

Aus unterschiedlichen Standorten aus Amazons System von Logistikzentren und Zwischenlagern wie in Garbsen wird das Lager nachts von bis zu 20 Sattelzügen angefahren. Die Pakete, derzeit im Schnitt 30.000 am Tag, kommen schon adressiert an der Adolf-Oesterheld-Straße an, werden gescannt und so im System erfasst. Nun kann auch der Kunde online nachvollziehen, dass die letzte Etappe bis zur Auslieferung erreicht ist.

Über ein Transportband verteilen die Mitarbeiter anschließend die Waren auf zugewiesene Lagerpunkte. Dafür sind in der Nachtschicht, einer von drei Schichten, bis zu 60 Mitarbeiter beschäftigt. „Das geschieht alles noch sehr manuell“, sagt Betriebsleiter Andreas Gruber. „Mit dem Platz, der uns hier zur Verfügung steht, sind wir sehr zufrieden.“ Wenn Kartons beim Transport beschädigt wurden, kann der Inhalt neu verpackt werden.

Wenn klar ist, dass alle erwarteten Waren eingetroffen sind, beginnt im System die Tourenplanung. Die Frühschicht kümmert sich darum, alle Pakete für eine Tour jeweils zusammen auf Rollwagen zu legen. Um 9 Uhr rollt die erste Welle von bis zu 40 Lieferwagen auf den Parkplatz vor der Halle, die Fahrer schnappen sich den für sie bestimmten „Kart“. Um die Rollwagen ins Freie ziehen zu können, sind die früheren Rampen für die LKW-Beladung eingeebnet worden.

Alle 15 Minuten setzt der Tross sich in Bewegung

Die Verladezone: Im 15-Minuten-Takt werden bis zu 40 Fahrzeuge in Wellen befüllt. Zehn Wellen fahren die Rampen derzeit am Tag an. Quelle: Mario Moers

Eine Viertelstunde Zeit haben die Fahrer zum Umladen, bis alle gemeinsam abfahren. In diesem Rhythmus folgen im Lauf des Vormittags insgesamt zehn Wellen aufeinander. Der Platz würde auch ausreichen, später auch einmal bis zu 80 Fahrzeuge gleichzeitig zu beladen.

Die Fahrten führt in einen Bereich, der sich zwischen Minden, Hameln und Celle bis nach Peine und Hildesheim erstreckt. Die Fahrer bedienen nicht etwa regelmäßig die gleichen Stadtviertel, sondern bekommen die einzelnen Stationen ihrer computeroptimierten, immer individuellen Tour unterwegs angezeigt.

Nadelöhr im Industriegebiet

Als Nadelöhr im Amazon-Lieferverkehr erweist sich weiterhin die Albert-Einstein-Straße. Die Parkbuchten der Straße im Industriegebiet sind vollgestellt mit den Transportern der Lieferanten. Zu Stoßzeiten verlassen Hunderte Transporter das Verteilzentrum auf diesem Weg. Am Mittwochvormittag kam es zu einem Unfall. Der Fahrer eines Kleinwagens übersah einen ausparkenden Transporter, es krachte. „Ich weiß nicht, wo die auf einmal alle herkommen. Ich hatte keine Chance“, kommentiert der geschockte Fahrer den Zusammenstoß. Nachbarn des Onlinehändlers haben sich über die Parksituation im Industriegebiet bereits beschwert. Amazon prüft derzeit, ob zusätzliche Parkflächen in der Nachbarschaft entstehen können.

„Das sehr innovative System ermöglicht, immer nur so viele Fahrten zu machen, wie es wirklich notwendig ist“, sagt Gruber. Amazon versuche, den Verkehr so gut wie möglich zu entzerren. Abends kehren die Fahrer mit den Paketen zurück, die sie nicht zustellen konnten.

Wirtschaftsförderer ist mit Kooperation zufrieden

Der Standortleiter des Amazon-Verteilzentrums in Luthe, Andreas Gruber (links) bekommt von Wunstorfs Wirtschaftsförderer Uwe Schwamm ein Ortsschild überreicht. Quelle: Mario Moers

Zu den Zielpunkten der Touren zählen allerdings auch Standorte von Schließfächern, sogenannte Amazon Locker, aus denen die Kunden ihre Lieferungen selbst abholen können. Im Luther Lager ist das nicht möglich. Auch auf eine Lieferung der Waren noch am Tag der Bestellung ist Amazon in Luthe nicht vorbereitet.

Derzeit kauft Amazon die Fahrten bei zwölf Subunternehmern ein, die für den neuen Auftraggeber zum Teil neue Fahrzeuge anmieten mussten. „Wir haben im Konzern aber unterschiedliche Modelle“, sagt Pressesprecherin Nadiya Lubnina. So ist auch denkbar, dass das Unternehmen hier irgendwann auch einmal mit eigenen Fahrzeugen ausliefert.

Wirtschaftsförderer Uwe Schwamm sagt: „Mit den Verkehrsverhältnissen passt es, wenn auch immer noch etwas Feinabstimmung notwendig ist. Aber Amazon reagiert da immer schnell, wir haben einen engen Draht.“ Er wünscht sich zur Entlastung der Parksituation noch, dass das Unternehmen auf der Brachfläche nördlich des Lagers weitere Flächen anmietet.

Zimmer tragen Vereinsnamen

Lokalhelden. Die Besprechungsräume im Obergeschoss sind nach lokalen Vereinen benannt. Dem TSV Luthe ist ein Zimmer gewidmet, den Hannover Scorpions oder dem TUS Wunstorf. Quelle: Mario Moers

Zum Beginn arbeitet Amazon bei den einfachen Tätigkeiten überwiegend mit Zeitarbeitern. Das liege daran, dass der tatsächliche Personalbedarf erst ermittelt werden soll. „Langfristig wollen wir dann aber das ganze Team übernehmen“, kündigte Lubnina an. Eine Ausbildung wird Amazon aber wohl auf absehbare Zeit in Wunstorf nicht anbieten.

Als Unternehmen mit amerikanischen Wurzeln rühmt Amazon sich flacher Hierarchien, alle sind beim Du. Ein Betriebsrat ist derzeit noch nicht in Planung, ist aber in Amazons Niederlassungen nach Unternehmensangaben durchaus üblich. „Wir haben hier aber auch eine sehr offene Vorschlagskultur“, betont der Betriebsleiter. Auf diesem Wege habe sich zum Beispiel gerade jemand eine bessere Busanbindung gewünscht. Am Freitag soll der Start des neuen Standorts auch mit einer Mitarbeiterparty gefeiert werden.

30.000 Pakete durchlaufen täglich das Amazon-Verteilzentrum „DNM1“ in Wunstorf-Luthe. Was auf den ersten Blick unspektakulär wirkt, ist eine hocheffiziente Logistikmaschine.

Amazon will ein guter Nachbar sein und kooperiert auch schon mit einigen Firmen in der Umgebung. Als äußeres Zeichen der Verbundenheit zur neuen Heimat hat die Firma ihre Besprechungsräume nach einheimischen Vereinen wie dem TuS Wunstorf, dem TSV Luthe oder den Scorpions benannt.

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