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Uetze Köttermann meldet Insolvenz an
Aus der Region Region Hannover Uetze Köttermann meldet Insolvenz an
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17:47 23.08.2018
Der Stammsitz der Firmengruppe Köttermann ist in Hänigsen am Celler Weg. Quelle: Köttermann/COPTOGRAPH
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Hänigsen

Die weltweit agierende Firmengruppe Köttermann ist wirtschaftlich in Schwierigkeiten geraten. Die Geschäftsführung hat beim Amtsgericht Gifhorn ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung beantragt. Das Gericht hat zugestimmt. Köttermann produziert hochwertige Laboreinrichtungen aus Stahl und ist mit 200 Mitarbeitern am Stammsitz in Hänigsen nach der Avista Oil AG und der Kommune der drittgrößte Arbeitgeber in der Gemeinde Uetze.

„Die schwierige Marktlage und entsprechende Absatzprobleme haben zu einem Liquiditätsengpass geführt“, sagt Firmensprecherin Maren Weber. Deutlicher wird Hans Fritsche, Fachanwalt für Insolvenzrecht in der Kanzlei KSB INTAX, der als Sanierungsgeschäftsführer seit vorigem Freitag dem bisherigen Geschäftsführer Albrecht Wiener zur Seite steht. Nach seiner Einschätzung hat es Verluste bei Auslandsgeschäften gegeben, die das Unternehmen auf Dauer nicht verkraften konnte.

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Köttermann stellt hochwertige Laboreinrichtungen aus Stahl her. Quelle: Köttermann

Weber verweist darauf, dass ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung dazu dienen soll, dass sich ein Unternehmen selbst als Ganzes saniert. „Der Geschäftsbetrieb bleibt uneingeschränkt aufrechterhalten. Bestehende Aufträge werden weiter ausgeführt und neue Aufträge werden angenommen“, sagt Weber. Die Gehälter aller Mitarbeiter seien über eine Insolvenzgeldvorfinanzierung für drei Monate gesichert.

Der wesentliche Unterschied zum herkömmlichen Insolvenzverfahren ist, dass beim Verfahren in Eigenverwaltung die bisherige Geschäftsführung des Unternehmens im Amt bleibt. Sie ist voll handlungs- und entscheidungsbefugt und somit weiter Ansprechpartner für die Geschäftspartner. Das Gericht bestellt keinen Insolvenzverwalter, sondern einen sogenannten Sachwalter. Dazu ist Rechtsanwalt Christian Willmer aus der Kanzlei Willmerköster bestellt. Seine Aufgabe es ist, darauf zu achten, dass das Verfahren rechtmäßig abläuft. Ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung war zum Beispiel bei der Beate Uhse AG, der Modekette Wöhrl und den Paracelsus Kliniken erfolgreich.

Köttermann-Geschäftsführer Wiener sieht in dem Verfahren eine „Chance, das traditionsreiche Unternehmen wieder zukunftsfähig aufzustellen“. Dafür sind nach Fritsches Worten die Aussichten „sehr gut“: „Wir haben hier ein sehr gut aufgestelltes Unternehmen mit motivierten Mitarbeitern, die alle an einem Strang ziehen.“ Entlassungen schließt er aus: „Eigentlich bräuchten wir mehr Mitarbeiter.“

Nach Auskunft des Betriebsbetreuers der Industriegewerkschaft Metall, Ralf Müller, kam der Antrag auf ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung sowohl für die Gewerkschaft als auch für den Betriebsrat aus heiterem Himmel. „Überraschend deshalb, weil bis dato alle pünktlich ihr Geld bekommen haben“, sagt Müller. „Allerdings hat jeder gemerkt, dass es seit Längerem nicht mehr rund läuft.“

„Das ist für die Gemeinde eine bedauerliche Angelegenheit. Wir hoffen aber, dass es mit dem Unternehmen wieder bergauf geht“, sagt Andreas Fitz, Wirtschaftsförderer der Gemeinde, in einer ersten Reaktion. Immerhin sei Köttermann der drittgrößte Arbeitgeber in der Gemeinde.

Produktion auf Stahl umgestellt

Die Hänigser Firmengruppe Köttermann ist aus der Haushaltsbedarf- und Beleuchtungskörper GmbH hervorgegangen. Diese hatte Johann Köttermann, den es während des Zweiten Weltkriegs als Feuerwerker nach Hänigsen zur Heeresmunitionsanstalt verschlagen hatte, am 20. Mai 1946 gegründet. Er stellte zunächst mit wenigen Mitarbeitern Holzdosen, Metalltöpfe, Lampen und ähnliche Dinge her.

Nach der Währungsreform 1948 beschäftigte er bereits mehr als 50 Mitarbeiter. Bei der Produktion lag inzwischen der Schwerpunkt auf Inneneinrichtungen für Apotheken und Apparaten für die Getränkeindustrie. Aus den Apothekenmöbeln wurden im Laufe der Zeit Laborausstattungen. Diese fertigte das Unternehmen zunächst nach den Wünschen der Kunden an. 1961 stellte Köttermann die Einzelfertigung der Labormöbel auf Serienproduktion um.

1988 traf die Geschäftsleitung eine weitere wichtige Entscheidung: Köttermann produzierte von da an nur noch Laboreinrichtungen aus Stahl. Bis dahin waren in der Branche beschichtete Spanplatten als Baustoff üblich.

Köttermann produziert ausschließlich in Deutschland. Am Stammsitz in Hängsen hat sich die Mitarbeiterzahl seit einigen Jahren bei 200 eingependelt. Weltweit hat Köttermann derzeit 250 Mitarbeiter. 2016 waren es noch 280.

Von Friedrich-Wilhelm Schiller