Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Wedemark Blume als Rauschmittel? Hortensiendiebe ziehen durch die Gärten
Aus der Region Region Hannover Wedemark Blume als Rauschmittel? Hortensiendiebe ziehen durch die Gärten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:00 13.09.2019
Den heimgesuchten Hortensienbusch in ihrem Vorgarten an der Straße will Gebina Erdös demnächst durch eine stachelige Rose ersetzen. Quelle: Ursula Kallenbach
Resse

Etwa alle zwei Monate hat Familie Erdös nachts unerwünschten Besuch in ihrem Garten im Wedemärker Ortsteil Resse. Das erkennt Gebina Erdös jeweils am Morgen danach, wenn wieder Triebe und Blütenknospen ihrer Lieblingshortensien abgeschnitten wurden. Ihr ist der ungebetene Gast auf dem Grundstück ihres Reihenhauses höchst unheimlich. Der letzte Diebstahl geschah erst vor wenigen Tagen.

In Internetforen hält sich hartnäckig das Gerücht, dass Pflanzenteile von Hortensien berauschende Wirkung hätten. Schon vor Jahren gab es eine vergleichbare Diebstahlsserie in der Wedemark: In den Jahren 2011 und 2016 zogen Unbekannte durch die Gärten und Vorgärten der Gemeinde und schnitten reihenweise Blüten der Pflanzen ab. Doch anders als damals liegen in Mellendorf diesmal noch keine Anzeigen vor.

Erdös rief zwar bei der Polizei an, wie schon vor zwei Monaten. Allerdings habe sie keine Anzeige erstattet. „Ich habe gefragt, was das bringen kann“, erzählt sie. Wegen der eindeutigen Einschätzung des Beamten, „Nichts“, habe sie auf eine Anzeige verzichtet.

Erste Serie 2011 wurde nie aufgeklärt

Tatsächlich ist die Serie aus dem Jahr 2011 den Polizeibeamten noch lebhaft in Erinnerung. Damals verschwanden aus Gärten und Vorgärten in Elze, Mellendorf und Brelingen etliche Hortensien. Mehr als 60 Fälle wurden im Laufe einer Woche beim Kommissariat angezeigt. Gestohlen wurden Äste, Zweige und bisweilen ganze Pflanzen. Die Blumen – das weiß auch die Kriminalpolizei – gelten landesweit als Insidertipp in der Marihuanaszene. 2016 wurden vor allem in Elze weitere Fälle bekannt.

Vor allem auf junge Blütentriebe an den Hortensien haben es die Diebe abgesehen, wie diese glatten Schnitte zeigen. Quelle: Ursula Kallenbach

„Worum es den Hortensiendieben geht, konnte auch bei der nie aufgeklärten Serie vor einigen Jahren nicht festgestellt werden“, sagt Kai-Uwe-Bebensee, Leiter des Kriminal- und Ermittlungsdienstes im Wedemärker Polizeikommissariat. Er vermöge nicht zu beurteilen, ob es um einen haschähnlichen Rauschzustand beim Rauchen der getrockneten Pflanzenteile gehe.

Polizei: Seit Jahren keine Auffälligkeiten

Bebensee verhehlt aber nicht, dass es der Polizei lieber wäre, keine schlafenden Hunde zu wecken „in einem zumindest in der Wedemark seit Jahren ruhenden Deliktsbereich“. In diesem Jahr sei im Kommissariat bislang noch keine Strafanzeige wegen Hortensiendiebstahls erstattet worden. „Von zwei aktuellen beziehungsweise länger zurückliegenden Taten in Resse ist mir nichts bekannt“, sagt Bebensee.

Erdös hat Verständnis für die Polizei. „Vor drei Jahren fing es mit dem Hortensienklau bei uns an. Damals war ein junger Polizist auch hier bei mir und hat sich alles angesehen. Aber mehr kann man ja nicht verlangen“, sagt sie. Eine Bekannte, die ebenfalls in Resse wohne, beklage die gleichen Vorkommnisse in ihrem Garten. Dennoch möchte die Seniorin nicht steckenbleiben in ihrer Hilflosigkeit.

Polizei: Diebstähle sind kaum zu verhindern

Seit die Resserin davon betroffen ist, geht sie nach eigenen Angaben auch vielen Hinweisen in Büchern und Zeitungen nach. „Junkies nehmen die Blüten. Wenn man sie raucht, bekommt man einen kleinen Rausch“, habe sie der Lektüre entnommen. Aber auch: Experten warnen davor, dass die Verwendung der getrockneten Blütenstände keineswegs harmlos sei.

Verhaltensregeln oder Vorsichtsmaßnahmen vermag die Polizei nicht zu geben. „Da die Tatorte in aller Regel frei zugänglich sind, wird man diese Diebstähle kaum verhindern können“, sagt Bebensee. Die Erfahrungen der Familie Erdös bestätigen das nur: Selbst der hinter dem Haus liegende Gärten, der nachts sensorgesteuert bei Betreten ausgeleuchtet wird, ist vor den Hortensiendieben nicht sicher.

Wohl 20 Jahre alt sind diese beiden Hortensienbüsche. Aus dem vorderen schneidet ein Dieb immer wieder die Blütenknospen aus, zeigt Gebina Erdös. So ist er im Wuchs deutlich zurückgeblieben. Quelle: Ursula Kallenbach

Der Polizist rät: „Geschädigte zu einem Diebstahl oder Hausfriedensbruch sollen sich persönlich oder telefonisch an das Polizeikommissariat Mellendorf wenden und dabei klar äußern, dass sie eine Strafanzeige erstatten möchten. Dieses Ansinnen wird kein Beamter ablehnen.“ Gern könnten sich Betroffene auch direkt mit ihm in Verbindung setzen.

Wie berauschend sind Hortensien?

Unbekannte stehlen Hortensien aus Gärten – vermutlich, weil sie sich einen Rausch von den Pflanzen erhoffen. Aber kann man sich daran überhaupt berauschen? Oder ist das Rauchen der Pflanzen vielleicht sogar gefährlich? Die HAZ hat sich bei Experten umgehört.

Hortensien haben nachweislich keine berauschende Wirkung“, sagt Prof. Andreas Schaper vom Giftinformationszentrum-Nord in Göttingen. Das Gerücht verbreite sich „vermutlich im Internet und kursiert in den Sozialen Medien. Es gibt immer wieder Häufungen dieser rätselhaften Hortensiendiebstähle. Meistens bleibt der Hintergrund unklar.“

Dr. Frank M. Fischer, Oberarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Krankenhaus Auf der Bult, warnt sogar davor, dass das Rauchen der Pflanzen zu gefährlichen Vergiftungen führen könne. „Bei Konsum von Hortensienblüten und -knospen werden Blausäureverbindungen freigesetzt, die Vergiftungszustände erzeugen, die mit Rauschzuständen verwechselt werden können“, sagt er. Der Wirkstoff aus der Blausäure sei Cyanid. „Man kennt Derivate von der berühmten Zyankali-Kapsel, mit der sich Agenten in Spionagefilmen sehr schnell dem feindlichen Zugriff entziehen. Dieser Hinweis mag helfen, um zu veranschaulichen, dass der Konsum von Hortensien tatsächlich sehr gefährlich sein kann.“ Symptome seien Schwindelgefühl, Atemnot, Übelkeit, Kreislaufprobleme, Zittern oder Kopfschmerzen.

Die Gefahr einer Blausäurevergiftung kann Giftexperte Schaper allerdings nicht bestätigen. „Das Rauchen von Hortensien berauscht nicht – es führt aber auch nicht zu Vergiftungen“, sagt er. „Die Pflanze enthält keine giftigen Substanzen. In diesem Jahr wurden uns zum Beispiel bisher 14 Verdachtsfälle von Vergiftung durch Hortensien gemeldet. Das ist ungefähr auf dem Niveau der Vorjahre. Aber in keinem einzigen Fall waren Hortensien der Grund für eine Vergiftung.“

Ungesund sei das Rauchen der Pflanzen aus einem anderen Grund: „Beim Rauchen der getrockneten Blüten oder Blätter können schädigende Effekte für die Lunge auftreten. Das ist beim Rauchen aber immer so.“

Mehr zum Thema:

Hortensiendiebe in der Wedemark geben neue Rätsel auf

Hortensiendiebe lassen sich nicht abschrecken

Die gefährliche Suche nach dem Rauschzustand

Hortensiendiebe hoffen vergeblich auf Rausch

Von Ursula Kallenbach

Wettbewerbe für die jüngsten Reiter stehen am Wochenende in Berkhof auf dem Programm. Bei dem Turnier in der Wedemark am Sonnabend und Sonntag sind Besucher willkommen.

13.09.2019

Bei eigene Aktionen haben die Lions aus der Wedemark Geld gesammelt. Dabei sind insgesamt 5000 Euro zusammengekommen. Initiativen und Vereine dürfen sich nun über finanzielle Unterstützung freuen.

13.09.2019

Der Grundstein für zwei Mehrfamilienhäuser ist im Baugebiet Diersrahe in Bissendorf gelegt. Die Investoren gehen davon aus, dass die 20 neuen Wohnungen in der Wedemark im Sommer 2020 bezugsfertig sind. Die Bewohner ziehen dann an die Dr.-Hellmuth-Hahn-Straße.

12.09.2019