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Wennigsen Frühförderung ist für Kinder mit verzögerter Entwicklung eine große Chance
Aus der Region Region Hannover Wennigsen Frühförderung ist für Kinder mit verzögerter Entwicklung eine große Chance
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16:06 25.10.2019
Die Heilpädagogin Donate Riedemann (links) arbeitet bei ihren ambulanten Besuchen mit Felix (4) an seinen Sprachdefiziten. Bei den spielerischen Gesprächsanreizen sind Mutter Anne Kolsch und Hund Schila nur selten dabei. Quelle: Ingo Rodriguez
Holtensen/Arnum

Es ist eine herzliche Begrüßung: Bei ihrem ambulanten Besuch in der Wohnung eines Mehrfamilienhauses in Arnum wird die gelernte Erzieherin und Heilpädagogin Donate Riedemann morgens um 8 Uhr schon erwartet. Hündin Schila wedelt aufgeregt mit dem Schwanz. Der vierjährige Felix springt der Heilpädagogin stürmisch in die Arme. Auch Mutter Anne Kolsch umarmt Riedemann. Zweimal pro Woche kommt sie nach Arnum, um mit Felix eine Stunde lang an seinen – dem Alter nicht angemessenen – Sprachdefiziten zu arbeiten. „Ich bin heute schon um 8 Uhr da, damit Felix anschließend ganz normal in den Kindergarten gehen kann“, sagt Riedemann.

Sie ist eine von derzeit insgesamt 18 Fachkräften, die im Bereich Frühförderung des Heilpädagogischen Kindergartens Holtensen rund 120 Kinder mit verschiedenen Entwicklungsverzögerungen und -störungen betreuen. Zum Team gehören Sozialpädagogen, Ergotherapeuten und Heilpädagogen. Die Kinder mit den Entwicklungsrückständen, aber auch Kinder mit Downsyndrom und Autismus sowie Störungen und Auffälligkeiten bis hin zu geistigen Behinderungen kommen aus der gesamten südlichen Region Hannovers. „Heute besuche ich drei Familien, an manchen Tagen können es aber auch fünf oder sechs sein“, sagt Riedemann. Ihre Termine und Tourenverläufe organisiere sie selbst. Als Angestellte des Paritätischen Kinderzentrums Wennigsen – dazu gehört der Heilpädagogische Kindergarten Holtensen mit der Frühförderung – fährt sie zu ihren Besuchen aber mit dem Privatauto. „Es gibt nicht genug Dienstfahrzeuge“, sagt die Heilpädagogin.

Beim Würfeln Gesprächsanreize setzen

Während sie sich nun im Kinderzimmer dem Vierjährigen zuwendet, verlässt Mutter Kolsch mit der Hündin für eine kurze Gassi-Tour die Wohnung. Felix hat sich inzwischen aus der großen Spieletüte von Riedemann ein Würfelset herausgenommen. Er nennt die Symbole, die er gewürfelt hat: „Ich habe eine Katze, einen Wal und ein Freundschaftskacka für dich“, versucht der Vierjährige, die beiden Tierbilder und das Piktogramm eines dampfenden Haufens in einen Zusammenhang zu bringen. Seine Aussagen unterstreicht der Junge mit gut verständlichen Gesten. Der Wal sei „soooo groß“, sagt Felix und breitet seine Arme weit auseinander. Immer wieder würfeln die Heilpädagogin und der Junge und versuchen, zu den Bildern eine Geschichte zu erfinden. „Was siehst du auf den Würfeln“, fragt Riedemann mehrfach – offenbar, um Gesprächsanreize zu setzen.

Donate Riedemann arbeitet bei ihren ambulanten Besuchen mit Felix (4) spielerisch an seinen Sprachdefiziten. Quelle: Ingo Rodriguez

Dann möchte Felix lieber basteln, später ein Bilderbuch angucken – alles mit Material aus der Tüte der Heilpädagogin. Darin hatte Riedemann vor ihrer Ankunft Spiele und Dinge zusammengepackt, die sich aus ihrer Erfahrung heraus besonders gut dafür eignen, um mit Felix zu arbeiten. „Manchmal basteln oder erfinden wir auch Spielgeräte, damit sie für die Zusammenarbeit besonders gut passen“, sagt Riedemann. Ein Kind in einem nahe gelegenen Kindergarten wird Riedemann gegen Mittag Zeitungspapier zerreißen und zu Bällen zusammenknüllen lassen – als motorischen Anreiz.

Beim ersten Besuch sind Mutter und Hund von ihrem kleinen Ausflug inzwischen zurückgekehrt. Felix habe sehr konzentriert mitgemacht. „Er war gut drauf“, sagt Riedemann. Aufräumen will der Junge nach etwa einer Stunde nicht. Aber er kommt nicht drumherum. „Am Ende werden die Sachen immer zurück in die Tüte gepackt“, sagt Riedemann. Kurz vor dem Abschied verrät Mutter Kolsch, wie sie von der Frühförderung erfahren habe. In der Krippengruppe sei sie auf mögliche Sprachrückstände ihres Sohnes und die Möglichkeit einer logopädischen Behandlung sowie der Frühförderung hingewiesen worden.

Donate Riedemann nimmt zu den Kindern immer besonderes Spielzeug mit, das geeignet ist, um sich den unterschiedlichen Entwicklungsrückständen angemessen zu widmen. Quelle: Ingo Rodriguez

Auf der Fahrt zur zweiten ambulanten Sitzung – bei einer Familie in Laatzen – berichtet Riedemann von der guten Vernetzung der Frühförderung. Die Mitarbeiter machen nicht nur Besuche, sie beraten auch Kitas und Tagesmütter, zeigen Förder- und Therapiemöglichkeiten auf. Auch gemeinsame Besuche mit Eltern und Kindern im Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) Hannover gehören zum Programm. Dort werden neben dem Kinder- und Jugendkrankenhaus auf der Bult entwicklungsauffällige, behinderte und von Behinderung bedrohte Kinder sowie Jugendliche ambulant betreut und beraten – auch medizinisch, psychologisch und sozialmedizinisch, inklusive individuellen Behandlungs-, Therapie- und Förderplänen.

Motorische Anreize: Donate Riedemann baut bei ihrem Besuch im Kindergarten Arnum mit dem vierjährigen Mika ein Haus aus gepolsterten Elementen. Quelle: Ingo Rodriguez

Die Aufgabe der Mitarbeiter aus der Frühförderung im Paritätischen Kinderzentrum Wennigsen ist es laut Riedemann unter anderem, Kinder unter drei Jahren und Kindergartenkinder bis zum Einschulungsalter individuell zu fördern –in Bereichen wie Sprache, Kommunikation, Motorik, Wahrnehmung sowie sozialer und emotionaler Entwicklung. Laut Internetseite des Paritätischen Kinderzentrums ist das Ziel, eine drohende geistige, seelische oder sprachliche Behinderung zu vermeiden, Kinder mit Behinderungen zu fördern und in eine Gemeinschaft einzugliedern. Besonders wichtig: Die Kosten für die Frühförderung übernimmt nach einer Antragsbewilligung derzeit die jeweilige Kommune. Riedemann beschreibt ihre persönliche Aufgabe mit einem Satz: „Unsere Arbeit ist das Spiel, für die Kinder ist das Spiel die Arbeit.“ Die Spiele seien auf die Defizite ausgerichtet. Wichtig sei es für die Motivation aber auch, das sich die Kinder auf die Spiele einließen. Deshalb lässt Riedemann die Jungen und Mädchen bei ihren ambulanten Besuchen auch ausgiebig in ihrer großen Tüte herumwühlen.

Donate Riedemann gibt Yusuf (6) beim Zeichnen Gesprächsanreize. Quelle: Ingo Rodriguez

Bei dem zweiten Familienbesuch entscheidet sich der sechsjährige Yusuf für die Malstifte. Ihn betreut Riedemann schon seit mehr als einem Jahr. Seine Mutter ist sehr zufrieden mit der Frühförderung. „Es macht ihm Spaß, und er hat sich toll entwickelt“, sagt die Frau. Seine Sprachrückstände seien zunächst bei den Regeluntersuchungen des Kinderarztes und später im Kindergarten aufgefallen. Die Frühförderung hatte kürzlich empfohlen, dass Yusuf erst im nächsten Jahr eingeschult werde.

Riedemann arbeitet mit ihm auf mehreren Ebenen: Mit einem Kartenspiel will sie das Selbstbewusstsein des Jungen stärken und seinen Vermeidungsstrategien begegnen. „Halt die Karten mal in einer Fächerform, dann hast du einen besseren Überblick“, gibt sie ihm einen entscheidenden Tipp, um das Spiel zu gewinnen. Mit seiner Mutter geht die Heilpädagogin später einen Entwicklungsbericht durch. „Der Bericht ist notwendig, um beim Team Sozialmedizin der Region Hannover eine Verlängerung der Frühförderung zwischen drei Monaten und einem Jahr zu beantragen“, sagt Riedemann und verabschiedet sich.

Leiterin Renate Rode informiert in ihrem Büro in Holtensen über die Rahmenbedingungen für die Frühförderung. Quelle: Ingo Rodriguez

Entwicklungsauffälligkeiten ziehen sich durch alle gesellschaftlichen Schichten

Die Frühförderung im Heilpädogischen Kindergarten Holtensen wird seit 2008 von Renate Rode geleitet. Beide Einrichtungen gehören ebenso wie der Sprachheilkindergarten Degersen sowie der Regelkindergarten Bullerbü in Degersen zum Paritätischen Kinderzentrum Wennigsen. Träger ist die Gemeinnützige Gesellschaft für Paritätische Sozialarbeit Hannover (GGPS). Leiterin Rode ist als Heilpädagogin bereits seit 1992 mit im Team der Frühförderung. „Dieser Bereich und die Lebenshilfe sind in den Siebzigerjahren aus Elterninitiativen landesweit entstanden“, sagt die 60-jährige Leiterin.

Sie erklärt das System: Entwicklungsauffälligkeiten werden demnach von Kinderärzten bei den Regeluntersuchungen, bei Schuluntersuchungen und von pädagogischen Kita-Fachkräften erkannt. Eltern können anschließend eine Frühförderung sowie Kostenübernahme beim Team Sozialmedizin und Teilhabeprüfung der Region Hannover beantragen. Eine Bescheinigung vom Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) Hannover reiche für eine Bewilligung meist aus. Nach einer Bewilligung der Kostenübernahme können Eltern laut Rode in der näheren Umgebung zwischen rund fünf privaten Anbietern einer Frühförderung auswählen – einer davon ist das Paritätische Kinderzentrum Wennigsen. „In der Regel werden zwei Fachleistungsstunden pro Woche und Kind genehmigt“, weiß Rode.

Sie ist als Leiterin der Frühförderung mit Sitz in Holtensen auch dafür zuständig, die Kinder entsprechend ihrer Auffälligkeiten und Entwicklungsrückstände sowie im Hinblick auf den Wohnort auf ihre Mitarbeiter zu verteilen. Rode ist bemüht, immer auch ein Kind selbst zu betreuen, um den Kontakt zur Basis nicht zu verlieren.

Einen Zusammenhang zwischen Bildungsschichten und Entwicklungsauffälligkeiten bei Kindern kann sie nicht bestätigen. Die Verzögerungen und Defizite ziehen sich laut Rode durch alle Gesellschaftsschichten. „Von unseren rund 120 betreuten Kindern sind etwa fünf bis zehn aus sozial hoch problematischen Familien, die sich nicht gut um den Nachwuchs kümmern. Das entspricht dem normalen gesellschaftlichen Anteil“, sagt Rode.

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Von Ingo Rodriguez

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