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Stadt Hannover Das erste Wasserwerk stand in Ricklingen
Aus der Region Stadt Hannover Das erste Wasserwerk stand in Ricklingen
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09:33 23.11.2018
Das Wasserwerk in Ricklingen wurde 1974 abgerissen. Die Aufnahme entstand kurz zuvor. Quelle: Stadtwerke Enercity
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Ricklingen/Linden

Rund 121 Liter Trinkwasser verbraucht der durchschnittliche Hannoveraner an jedem Tag im Jahr. Vor 140 Jahren sah das noch ganz anders aus, die Wasserbeschaffung war ein mühseliges Unterfangen. Vom 7. November 1878 an sollte sich das ändern. Damals begann die Stadt, die moderne Trinkwasserversorgung aufzubauen. Andreas Kalix, Leiter der Wassergewinnung bei den Stadtwerken Enercity, hat die Geschichte in einem Vortrag nachgezeichnet.

Der Hochbehälter auf dem Lindener Berg steht noch und ist einziges architektonisches Zeitdokument aus dem Gründungsjahr der Wasserversorgung. Quelle: Archiv Enercity

Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein nutzten die Hannoveraner Flusswasser oder solches aus Hausbrunnen. Das stieß jedoch an Grenzen. Die Bevölkerung der Stadt wuchs, die Industrialisierung schritt voran, die Hygiene ließ zu wünschen übrig. „In trockenen Sommern wurde das Flusswasser knapp und eine Versorgung bis in die obersten Etagen der Häuser nicht möglich“, heißt es in der Chronik der Stadtwerke.

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Die Lösung lag unter der Erde. In den 1870er Jahren begann man in der Stadt darüber nachzudenken, das Grundwasser anzuzapfen. Im trockenen Spätsommer des Jahres 1874 führte der Baurat Hagen in der Feldmark unterhalb des damals selbstständigen Dorfes Ricklingen Pumpversuche durch. Das Ergebnis: Das Gewinnungsgelände war ergiebig genug, um den damaligen Bedarf zu decken, ohne dass der Grundwasserspiegel bedrohlich absank. Hagen plädierte für ein Grundwasserwerk in Ricklingen. Er schlug vor, filtriertes Leinewasser in einen ebenfalls zu errichtenden Hochbehälter auf dem Lindener Berg zu pumpen. Von dort aus sollte es in die Stadt geleitet werden.

Der Baurat überzeugte den Magistrat. Am 2. Juli 1875 berichtete der Hannoversche Kurier über die Sitzung der städtischen Kollegien, die, wie er süffisant anmerkte, „trotz der Wichtigkeit des Gegenstandes aufgrund der Saumseligkeit einiger Bürgervorsteher erst 18 Minuten nach der angegebenen Zeit beginnen konnte“. Trotzdem stimmte der Magistrat den Plänen zu. Finanziert wurden die Bauten durch eine Anleihe in Höhe von 4,5 Millionen Mark.

Gut drei Jahre später, am 7. November 1878 war es dann soweit. Das Wasserwerk Ricklingen konnte offiziell in Betrieb genommen werden. „Die Anlage prangte in festlichem Flaggenschmuck und gewährte im Innern den befriedigenden Eindruck der Vollendung, der erhöht wurde durch die zutage tretende Sauberkeit und Eleganz der Maschinen“, notierte wieder der Berichterstatter des Hannoverschen Kuriers. Anschließend besichtigten die Gäste auch den Hochbehälter auf dem Lindener Berg. Kleines Bonbon: Bis zum Jahresende wurde das Wasser an die Wohnhäuser unentgeltlich abgegeben.

Schon bald reichten die Kapazitäten des Ricklinger Werkes nicht mehr aus, um den stetig steigenden Bedarf der Bevölkerung und der Industrie zu decken. 1899 ließ die Stadt deshalb bei Laatzen-Grasdorf eine zweite Anlage errichten; sie ist heute noch in Betrieb. Schnell aber richtete sich der Blick nach Norden ins Fuhrberger Feld. 1911 ging dort das Wasserwerk in Wedemark-Elze ans Netz. Weitere folgten, und deshalb ist das Fuhrberger Feld heute der Hauptwasserlieferant für Hannover und Teile der Region. 90 Prozent des Trinkwassers, das die Stadtwerke verteilen, kommen aus diesem Reservoir.

Das Ricklinger Wasserwerk hingegen bereitete Sorgen. Immer wieder gab es Schwierigkeiten mit der Wasserqualität. Es geriet in den Verdacht, für die Typhusepidemie in Hannover im Jahr 1926 verantwortlich zu sein, was nie hundertprozentig geklärt wurde. Unabhängig davon hieß es in einem Gutachten der preußischen Landesanstalt für Boden-, Wasser- und Lufthygiene, das Werk „stellt eine ständige Gefahr für die Bevölkerung dar“.

Durch Gegenmaßnahmen wie etwa Chlorbeigaben, Grundwasseranreicherung und Absenken des Fördervolumens blieb Ricklingen zunächst erhalten. Im September 1974 war dann damit Schluss. Die Anlage war technisch aus der Zeit gefallen, wurde aufgegeben und umgehend abgerissen. Seitdem ist der Hochbehälter in Linden letztes erhalten gebliebenes architektonisches Zeugnis aus der Anfangszeit der modernen Wasserversorgung in der Stadt.

Stadtwerkesprecher Carlo Kallen (links) und der Leiter Wassergewinnung des Unternehmens, Andreas Kalix, bei Eimerspielen. Die blauen stehen für den Trinkwasserverbrauch, die roten für den Verbrauch des sogenannten virtuellen Wassers. Quelle: Daniel Junker

Wasserzahlen

0,2 Cent kostet ein Liter Trinkwasser aus dem Stadtwerkenetz derzeit.

3 Liter Wasser nimmt der Mensch pro Tag durch Getränke, Mahlzeiten und Stoffwechselvorgänge auf; ebenfalls 3 Liter gibt er über Ausscheidungen, Schweiß und Atemluft ab.

Zu knapp 80 Prozent besteht der Mensch bei seiner Geburt aus Wasser. Weil mit zunehmendem Alter das Wasserbindungsvermögen des Körpers abnimmt, sinkt der Wert auf bis zu 60 Prozent ab. Der Wasseranteil am Gehirn beträgt 90 Prozent, bei Lunge und Nieren sind es 80 Prozent. Knochen bestehen zu 22 Prozent aus Wasser, Zähne zu 10 Prozent.

121 Liter Trinkwasser verbraucht ein Mensch im Durchschnitt pro Tag – mehr als die Hälfte davon für Baden, Duschen und Toilettenspülung, aber nur fünf Liter für Essen und Trinken.

Täglich 4000 Liter sind es, wenn man das sogenannte virtuelle Wasser als Gradmesser nimmt. Es ist erforderlich, um die Waren zu produzieren, die der Mensch kauft und konsumiert.

Rund 700.000 Kunden versorgen die Stadtwerke Enercity mit Trinkwasser.

Etwa 43,5 Millionen Kubikmeter Trinkwasser speist Enercity jährlich ins Versorgungsnetz.

Mehr als 62 Millionen Kubikmeter waren es zu Spitzenzeiten Mitte der 1970er Jahre. Appelle zum Wassersparen haben seitdem gefruchtet.

Quelle: Enercity

Von Bernd Haase

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