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Stadt Hannover 96-Fans randalieren nach Auswärtsspiel
Aus der Region Stadt Hannover 96-Fans randalieren nach Auswärtsspiel
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21:21 05.02.2012
Foto: Dieser „96-Fan“ prügelte bei der Ankunft in Hannover auf Gleichgesinnte ein.
Dieser „96-Fan“ prügelte bei der Ankunft in Hannover auf Gleichgesinnte ein. Quelle: Alexander Körner
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Hannover

Schlitten haben sie dabei, manch einer auch Ski. Dick eingemummelt queren an diesem frühen Sonnabendabend Familien mit Kindern den Hauptbahnhof, viele von ihnen auf dem Rückweg von einem Schneetag im Harz. Eine Etage darüber gibt es Randale. Fußballfans prügeln sich, die Polizei greift durch. Es ist der inzwischen typische Abend an Fußball-Spieltagen. 

Die Problemfans sind in Hannover eingetroffen. Fußballanhänger von Borussia Mönchengladbach. An diesem Wochenende sind 900 Fans des Vereins mit Zügen unterwegs wegen des Auswärtsspiels in Wolfsburg – unter ihnen 150 solcher, die gemeinhin als Problemfans eingestuft werden. Und auch heute machen sie wieder Probleme, pöbeln, randalieren.

Solche Fans fallen in den Zuständigkeitsbereich von Jörg Canisius. Wer als Fußballfan die Bekanntschaft des Beamten macht, hat sich etwas zuschulden kommen lassen. Der 42-jährige Bundespolizist kümmert sich am Hauptbahnhof Hannover um die Anhänger der Vereine, denen es in erster Linie nicht um geschickte Spielzüge und schnelle Konter ihrer Mannschaft geht, sondern um rohe Gewalt. Als sogenannter fankundiger Beamter ist Canisius für die Chaoten der Liga zuständig. Er kennt seine Pappenheimer. Und er trägt mit die Verantwortung dafür, dass sich rivalisierende Gruppen beim Umsteigen in Hannover nicht über den Weg laufen, dass sie ihre Fehde nicht zwischen den übrigen Reisenden austragen. Heute gibt es so einige, die er im Blick haben muss.

Dass die unberechenbaren Fußballanhänger nicht auf Passanten treffen, zählt zu den Hauptaufgaben der Polizei beim Wochenendeinsatz am Hauptbahnhof. Und so riegeln die Beamten die Treppen zum Bahnsteig am oberen Ende ab. Zumindest an diesem Abend ist kein Durchkommen für die Randalierer, die sich einen Weg nach unten suchen. Die Ausflüglerfamilien bekommen nicht viel mit von der aggressiven Stimmung auf dem Bahnsteig.

Die Borussia-Fans müssen diesmal auf dem Rückweg in Hannover umsteigen. Dort könnten sie auf die 120 Problemfans von Hannover 96 treffen, die ihr Team zum Spiel bei Herta BSC Berlin begleitet haben, das gilt es, im Auge zu behalten. Zunächst sieht alles danach aus, dass der Einsatz in ruhigen Bahnen verläuft. Doch dann erhält Canisius einen Funkspruch: „Rund 100 Problemfans haben in Wolfsburg einen ICE gestürmt und sind auf dem Weg nach Hannover.“ Canisius und Dienststellenleiter Klaus-Peter Jördening schlagen Alarm. Sie schicken alle ihnen zur Verfügung stehenden Polizisten auf Bahnsteig 13. Da die Anzahl der Beamten nicht ausreicht, fordern sie zudem Verstärkung von den Kollegen der Landespolizei in der nahegelegenen Herschelstraße an. Auch die Sicherheitskräfte der Deutschen Bahn sind jetzt vor Ort. Gemeinsam holen die Einsatzkräfte die stark angetrunkenen und aggressiven Mönchengladbacher aus dem ICE. Gezählt werden am Ende 70 Randalierer, die ohne gültige Fahrkarte unterwegs sind. Die Beamten nehmen von allen die Personalien auf. Doch die Prozedur missfällt einigen der Betroffenen. Sie pöbeln Ermittler und Umstehende an, versuchen, auf sie loszugehen. Mehrmals muss die Polizei durch beherztes Einschreiten verhindern, dass die Situation am Bahnsteig eskaliert. Die Gladbacher ergeben sich schließlich in ihr Schicksal. Unterdessen sind die übrigen Problemfans der Borussia in Hannover eingetroffen. Die gesamte Gruppe soll geschlossen in einen Regionalexpress nach Bielefeld geschickt werden. Dabei kommt es erneut zu Rangeleien zwischen den Fußballchaoten und der Polizei. Ein Mann wird in Handfesseln abgeführt.

Wochenlange Planung notwendig

Wochenlange Planung ist mitunter notwendig, um die Fangruppen auf Distanz zu halten. Doch auch die besten Strategien müssen innerhalb von Sekunden über den Haufen geworfen werden, wenn ein mit gewaltbereiten Fußballfans besetzter Zug nicht planmäßig fährt oder Begegnungen kurzfristig abgesagt werden. „Dann bleiben mir unter Umständen nur wenige Minuten, um wieder ganz von vorne anzufangen“, sagt Jörg Canisius. Nicht immer gelingt es, die Chaoten voneinander fernzuhalten. Das hat der Sonnabend vor zwei Wochen gezeigt. Am Abend des 21. Januar waren Fangruppen des 1. FC Köln und des Drittligisten Rot-Weiß Erfurt aneinandergeraten und hatten sich in der Geschäftszeile des Bahnhofs eine Schlägerei geliefert. „,Komm doch, komm doch’, haben sie sich angebrüllt, dann hat ein Fan einem anderen ins Gesicht geschlagen, direkt vor meiner Ladentür. Sofort kam ein Pulk von Unterstützern hinzu, und der Tumult schaukelte sich hoch“, erinnert sich die Verkäuferin in einem Feinkostgeschäft. Wer im Bahnhof arbeite, müsse zwar ein dickes Fell haben. „Doch da habe ich richtig Angst bekommen und sofort von innen die Tür verschlossen“, berichtet die 25-Jährige. 120 Randalierer waren an der Prügelei beteiligt, es flogen Flaschen und Feuerwerkskörper. Als die Polizei dem Treiben ein Ende machen wollte, griffen die Randalieren auch die Beamten an und verletzten fünf von ihnen.

Auch andere Geschäftsleute im Bahnhof können von unliebsamen Begegnungen mit Randalierern berichten. „Wenn sie in Gruppen am Geländer vor unserem Geschäft herumlungern, schließen wir schon mal aus Selbstschutz die Tür“, sagt eine Blumenhändlerin. Die benachbarte Apotheke habe das kürzlich nicht schnell genug geschafft, „da haben die Fans die Warenständer im Eingangsbereich demoliert“, erzählt die junge Frau. Ein Kioskbesitzer hat vergangenen Monat beobachtet, wie eine Gruppe Fußballanhänger in Streit mit einigen Neonazis geriet, wie er sagt. „Glücklicherweise war nach fünf Minuten die Polizei da und konnte Schlimmeres verhindern“, sagt er. Aufgrund solcher Vorfälle sei keiner seiner Kollegen erpicht auf die Spätschicht am Wochenende. Auch wenn meist nichts passiere, ließe sich bei derartig viel Durchgangsverkehr nicht alles vorhersehen, meint der Verkäufer. „Wir müssen darauf vertrauen, dass die Polizei das im Griff hat.“

An den Bahnsteigen nehmen die Beamten derweil die ersten 96-Anhänger in Empfang. Zunächst verläuft die Heimkehr ruhig. Doch dann dringen Hilferufe von Gleis 11 zu den Bundespolizisten herüber. Ein Anhänger der Roten war auf andere Fans aus Hannover losgegangen. Dabei wurde eine junge Frau verletzt. Die Einsatzkräfte nehmen den Angreifer fest. Er muss sich wegen Körperverletzung verantworten. Wenig später erreicht Jörg Canisius die Nachricht von den Ausschreitungen zwischen Problemfans aus Hannover und Wolfsburg am Wolfsburger Bahnhof. Auch diese Randalierer müssen bei ihrem Eintreffen am Bahnhof von den übrigen Reisenden getrennt abgefertigt werden. Es wird eine lange Nacht für den Beamten und seine Kollegen.

An deren Ende stehen 70 Anzeigen wegen Schwarzfahrens, drei Körperverletzungen, drei Beamtenbeleidigungen und 13 Ordnungswidrigkeitsverfahren, weil einige Fans gegen das Rauchverbot im Bahnhof verstoßen hatten. Am nächsten Wochenende beginnt dann wieder von Neuem, was die Beamten der Bundespolizei inzwischen als „den ganz normalen Wahnsinn“ bezeichnen.

96-Fans randalieren in Wolfsburg

Etwa 80 gewaltbereite Problemfans von Hannover 96 haben am Sonnabend in Wolfsburg randaliert. Dabei wurde ein 14-jähriger Junge, der zufällig in der Nähe war, so schwer verletzt, dass er im Krankenhaus behandelt werden musste. Nach Angaben der Polizei ist er von etwa 20 sogenannten Fans aus Hannover unvermittelt attackiert worden. Die Angreifer nahmen dem Jungen Schal und Mütze ab, die mit den Emblemen des VfL Wolfsburg versehen waren.

Die Ermittler in Wolfsburg vermuten, dass die verfeindeten Fangruppen sich zu dem Treffen auf dem Busbahnhof regelrecht verabredet hatten. Die hannoverschen Problemfans, die von etwa 30 Bundespolizisten begleitet wurden, befanden sich auf der Rückreise vom Auswärtsspiel der Roten in Berlin. Gegen 21 Uhr mussten sie in Wolfsburg umsteigen. Doch statt den Anschlusszug zu nehmen, rannten sie in Richtung Busbahnhof. Dort warteten bereits etwa 40 Fußballchaoten des VfL. Beim Aufeinandertreffen wurde Pyrotechnik, in diesem Fall bengalische Feuer und Leuchtraketen, abgefeuert. Dann gingen die verfeindeten Fans aufeinander los. Unklar ist, ob es dabei weitere Verletzte gegeben hat. Die mitgereisten Bundespolizisten konnten trotz Unterstützung von Wolfsburger Kollegen den Zwischenfall nicht verhindern. Die Beamten leiteten Strafverfahren gegen einige der Schläger ein.

Es ist nicht das erste Mal, dass gewaltbereite Fans aus Hannover und Wolfsburg ihre Meinungsverschiedenheiten mit Fäusten austragen. Vor einem Jahr war es in der hannoverschen Altstadt zu einer Schlägerei zwischen 96ern und Fans des VfL Wolfsburg gekommen. Damals griffen etwa 50 Fußballchaoten aus Hannover rund 140 radikale Wolfsburg-Anhänger an, die sich in der Kneipe „Schateke“ aufhielten. Pflastersteine und Stühle flogen. Die Polizei nahm 17 Personen vorläufig fest, darunter neun Minderjährige.

Tobias Morchner und Michael Soboll

06.02.2012
Stefanie Kaune 05.02.2012