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Stadt Hannover Deutsch-Türkisch für Anfänger
Aus der Region Stadt Hannover Deutsch-Türkisch für Anfänger
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00:23 25.01.2015
Von Jutta Rinas
„Viele der Eltern, die ich auf meinen Veranstaltungen treffe, haben noch nie einen deutschen Buchladen betreten“: Aylin Keller, Chefin des Kinderbuch-Verlags Talisa. Quelle: Insa Catherine Hagemann
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Hannover

Auf den ersten Blick sind es nur ein paar Regalmeter voller Bücher. Und sie sind - ganz bescheiden - im Wohnzimmer der türkischstämmigen Verlegerin Aylin Keller im fünften Stock eines Langenhagener Mietshauses untergebracht. Aber was für Schätze für Migrantenkinder verbergen sich hier! Keller verlegt in ihrem „Talisa“-Verlag pädagogisch hochwertige, zweisprachige Bücher, mit denen Kinder, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, besser lesen lernen.

„Es ist mittlerweile wissenschaftlich erwiesen, dass die Muttersprache ein wichtiges Fundament für das Erlernen einer zweiten Sprache ist“, sagt die 50-Jährige. Umso wichtiger sei es, dass Migrantenkinder nicht nur auf Deutsch, sondern auch in ihrer Heimatsprache vorgelesen bekämen.

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Wenig profitables Geschäft

Es gibt nicht viele deutsche Verlage, die bilinguale Bücher herausbringen, vor allem, wenn es nicht um Englisch oder Französisch geht. Das Geschäft mit der Bilingualität gilt in der Buchbranche als wenig profitabel. Die Berliner „Edition Orient“ oder die Münchener „Edition bi-libri“ geben dennoch zweisprachige Bücher heraus. Aylin Keller hat sich auf die Altersgruppe von zwei bis zehn Jahren spezialisiert. Sie weiß, dass sie mit ihrer Arbeit nie reich werden wird. „Meine Kunden sind in der Regel keine Akademiker, für die Bücher ein selbstverständliches Bildungsgut sind “, sagt sie. „Es sind oft Leute aus bildungsfernen Familien mit knappem Budget.“

Es ist jetzt rund zehn Jahre her, dass Keller den ersten Schritt in Richtung Verlagsgründung unternommen hat. Sie weiß, was es heißt, Deutsch zu lernen. 1994 kommt die türkische Studentin der bildenden Kunst ohne Deutschkenntnisse aus Izmir in die Bundesrepublik, der Liebe wegen. Mit ihrem Ehemann, der kein Türkisch spricht, verständigt sie sich zunächst nur auf Englisch. Später - als Mutter, die ihre zwei Kinder zweisprachig erziehen will - merkt sie, dass sie nicht auf geeignete Kinderliteratur zurückgreifen kann: „Türkisch-deutsche Bücher? So etwas gab es damals so gut wie nicht.“

2008 holt Keller sich renommierte türkischen Autorin Aytül Akal ins Boot

Das will die Langenhagenerin ändern. Ihre Geschäftsidee ist fast zu einfach, um wahr zu sein. Keller schickt der türkischen Autorin Aytül Akal eine E-Mail zwecks Zusammenarbeit. Sie sei eine türkische Mutter aus Deutschland und wolle Akals Bücher verlegen. Akal ist eine renommierte Kinderbuchautorin: 2008 wird sie für den bedeutenden Astrid-Lindgren-Kinderbuchpreis nominiert. Dennoch: Verlagsgründerin Keller trifft bei ihr offenbar einen Nerv. Akal schreibt zurück. Man trifft sich in Izmir, beschließt zusammenzuarbeiten. Heraus kommt das erste Buch des Talisa-Verlags: „Der Ball, der seine Farbe suchte“. Der Untertitel des türkisch-deutschen Werkes ist programmatisch gemeint: Er heißt schlicht „Wir lesen“.

Aylin Keller hat seitdem viele gute Bücher gemacht. In „Neue Nachbarn, neue Freunde“ von Markus J. Altenfels und Hans-Jürgen Böhm beispielsweise lernen deutsche und türkische Kinder etwas über die Heimat der anderen: nicht in trockener Sachbuchsprache, sondern in einer einfühlsamen Geschichte über zwei Grundschulklässler, Berni und Burak. Die Bildergeschichte „Bogomil“ von Ursula Kirchberg kommt ganz ohne Worte aus: Eltern aller Nationalitäten können hier entlang der Bilder über eine Kindergruppe und ein Auto vom Schrottplatz beim Vorlesen eine Geschichte in ihrer Muttersprache erfinden. Die Pappbilderbuchserie über die Geschwister „Zoe & Theo“ hätte das Zeug zum Bestseller. Wie bei „Conni“, einem der erfolgreichsten Kinderbuchtitel auf dem deutschen Buchmarkt, wird hier in einfacher Sprache kindlicher Alltag abgebildet: das Sammeln von Kastanien im Herbst oder der Besuch einer Bücherei. Es ist eindrucksvoll, in wie vielen Sprachen Keller die Geschichten über „Zoe & Theo“ vorhält: Neben Deutsch-Türkisch sind sie auf Deutsch-Russisch, Deutsch-Kurdisch, Deutsch-Polnisch, Deutsch-Persisch und Deutsch-Arabisch zu haben.

Die Bücher bekommen viel Anerkennung

Die Anerkennung bleibt nicht aus. Die renommierte „Stiftung Lesen“ nimmt mit „Der Ball, der seine Farbe suchte“ und „Bogomil“ zwei Bücher in ihre Empfehlungsliste auf. Die Arbeitsgemeinschaft für Jugendliteratur und Medien der GEW (AjuM) attestiert „Bogomil“, es sei „sehr empfehlenswert für den Bücherei-Grundstock“. Keller wirbt in Kindergärten und Schulen für ihre Bücher. Dennoch muss sie immer wieder ums wirtschaftliche Überleben kämpfen: weil vor allem Migranten aus sozial schwachen Familien oft andere Sorgen haben, als ihren Kindern zweisprachige Bücher zu kaufen. „Viele der Eltern, die ich auf meinen Veranstaltungen treffe“, sagt die 50-Jährige, „haben noch nie einen deutschen Buchladen betreten, weil sie glauben, dass sie dort sowieso nichts in ihrer Sprache finden.“ Keller beantragt staatliche Gelder, weil sie „für ein von der Politik immer wieder propagiertes Anliegen, die Integration, einsteht“. Sie schreibt an Aygül Özkan, als diese niedersächsische Sozialministerin ist, an den Kabarettisten Kaya Yanar, sogar an Popsängerin Lena. Sie stößt - anders als bei ihrer E-Mail an Aytül Akal - nie auf Resonanz.

Dass öffentliche Bibliotheken ein Werk wie „Bogomil“ in ihr Sortiment aufnehmen, wäre deshalb ein Befreiungsschlag gewesen. Stattdessen bleiben Keller die Folgen der Auszeichnung der AJuM als Beispiel deutscher Bürokratie in Erinnerung. Als sie „Bogomil“ danach bei der EKZ, der Versorgergesellschaft deutscher Bibliotheken, anmelden will, scheitert sie. Der Grund: „Bogomil“ wird 2013 ausgezeichnet, ist aber 2012 erschienen. Der Bibliotheksservice nimmt nur aktuelle Bücher auf.

Keller kämpft weiter. Obwohl sie sich manchmal „nicht wie eine Verlegerin, sondern wie eine Sozialarbeiterin fühlt“. Warum? „Ich glaube einfach, dass das, was ich mache, etwas Sinnvolles ist.“

Bernd Haase 25.01.2015
25.01.2015